Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-09-19 · 38 (19.9.1913) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
38 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022074--22472-3047620
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 38 Dr. Blochs rung erfüllten, aber die Menge, die die früheren Kongresse kannte, erheblich kälter liehen. Vor allem fehlte ja der Altmeister N o r d a u, dessen glühende Beredsamkeit und dessen fortreihender Redestrom dem zionistischen Gefühl'der Masse und der feinsten Köpfe in gleicher Weise den adäquatesten Ausdruck zu verleihen gewohnt ist und der aus einem rein privaten Grunde zu dem Kongresse zu erscheinen verhindert war. Welche Worte hätte er dem Proteste gegen die gemeinste aller Gemeinheiten, gegen die Vergewaltigung von Recht und Gerechtigkeit im Kiewer Blutlügeprozeh verliehen! Statt dessen gab S o k o l o w den Ueberblich über die Lage der Gesamtjudenheil. Und auch Dr. Schmarja Lew in nach ihm stand nicht auf der Höhe seiner sonst so oft bewunderten Redekunst und erreichte sie erst, als er den Schluh seiner Rede improvisierte. Und wie. die Eröffnungssitzung, so war auch die erste Debatte nach dem Referat Dr. H a n t k e s recht matt. Es fehlte das Salz. Erst als am dritten Tage die Opposition aus ihrer völligen Reserve heraustrat, als Jean Fischer, Kann und vor allem W o l f f s o h n die Rednertribüne betraten, da fing der Kongreh an. sich zu beleben. Aber auch dann noch fehlte ihm das, was früheren Kongressen stets einen ganz besonderen Schwung verliehen hatte, die Einheitlichkeit der Handlung. Daß der Kongreh aber trotz der sichtlich innerlich schwachen Lage der ersten Referenten von Stunde zu Stunde wuchs, dah er immer gröher und gröher und immer interessanter wurde, dazu trug nicht zum wenigsten die geübte Leitung Wolffsohns bei. Dann aber war die neue Leitung zum ersten Male seit dem Bestehen der Organisation in der Lage, ein Palästinareferat zu geben, wie es so gediegen, so gehaltvoll und zugleich so klar übersichtlich noch niemals gegeben war. Denn in der Person Dr. Arthur Ruppins, des Leiters der Palästinaarbeiten, ist den Zionisten eine Person gewonnen worden, die in ihrer Eigenart mit das Wertvollste ist, was die Organisation besitzt, ein Mann, der ebenso bedeutend als Wissenschaftler wie als nüchterner Kaufmann und praktischer Organisator ist. Das Resultat der Palästinadebatte war denn auch, dah der einzige Fehler seiner Arbeit der sei, dah die ihm untergeordneten Organe bei weitem noch nicht allen Anforderungen entsprechen, die sich aus einem solchen Chef für die Nachgeordneten Behörden ergeben sollten. Es ist keine Frage, dah heute die drei in der zionistischen Bewegung wichtigsten und hervorragendsten PecsonenWolffsohn, Ruppin und Ussischkin sind.. Die alte Parieistellung innerhalb des Zionismus existierte auf diesem Kongreh nicht mehr. „Politische" und „Praktische", die sich gegenüberslanden, sind nur noch Reminiszenzen, und die jetzigen Gegensätze, die keineswegs mehr scharf sind, sind bereits ganz anderer Natur. Es bildet sich nämlich im Zionismus eine neue Macht heraus, die bereits auf diesem Kongresse fühlbar war, und die von dem jetzigen Aktionskomitee geschaffen und gehegt dazu angetan sein könnte, einmal diesem und jedem folgenden Aktionskomitee die wirkliche. Leitung aus den Händen zu nehmen. Das istdas berufsmäßige Z enträlbureau. Auf den Parteisekretären beruht einerseits die Hoffnung auf eine frisch-fröhliche Agitation nach . außen hin und andererseits die Gewißheit der intensiven aber einseitigen Arbeit nach innen, den jetzigen Zustand zu einem dauernden und festgefügten zu machen. Das liegt zwar nicht in der Absicht der im Zionismus organisierten Massen,- aber es ist der natürliche Erfolg dieses Systems, In dem Pariser Bureau der Alliance Israelite Universelle zeigt sich die Macht solcher Generalsekretäre, die freilich deshalb im Zionismus niemals eine unbeschränkte werden kann, weil sie durch demokratische Wahlen jederzeit reguliert wird. Wochenschrift Seite 67» So wäre es ein Irrtum, zu glauben, dah die deutsche Landsmannschaft dieses System ohne Einschränkung gut hiehe. Aber die wenigsten sehen, wohin dieses System führt, wie dies auch Hantke keineswegs beabsichtigt. In der deutschen und ebenso in der russischen Landsmannschaft waren die Meinungen geteilt. Die Leitung hatte bei den Deutschen kaum eine Mehrheit, aber auch in der russischen Landsmannschaft hatte sie jedenfalls eine nicht geringe Minderheit gegen sich. In der Frage des Kongrehpräsidiums sah sich das Aktionskomitee sogar von Ussischkin im i^tich gelassen und in der Bankfrage stimmten auch die amerikanische und kanadische Landsmannschaft trotz Sokolow nicht für die bedingungslose Uebergabe der Bankleitung in die Hände des Aktionskomitees. Rur die westösterreichische Landsmannschaft war und blieb „unentwegt". Sie hat ja am meisten für die jetzige Leitung im Zionismus gearbeitet und fühlt diese Verantwortung. Aber bei der Abstimmung über den Antrag der Poale Zijjon, das Vertrauensvotum von der Vankabstimmung getrennt zu votieren, stand sie ganz isoliert da, indem nur zwei, drei andere Delegierte mit ihnen für die Vereinigung dieser Abstimmungen die Hände erhoben. Die der Zahl nach stärkere Gruppe, der Misrachi, der mit 104 Delegierten vertreten war, schien beinahe geschlossen in der Bankfrage mit Wolffsohn übereinzustimmen. Aber es war ausgeschlossen, dah es auch nur in der Bankfrage zu einem scharfen Gegensatz kommen konnte. Denn der Führer der Opposition Wolffsohn hat längst an seine Anhänger die Parole ausgegeben, keineswegs eine unversöhnliche Opposition zu bilden, wie wir sie auf den drei letzten Kongressen gesehen haben. Er steht auf dem Standpunkte der unbedingten Unterordnung gegenüber dem durch demokratische Wahlen zustande gekommenen Aktionskomitee. Diese Opposition hat aus den früheren Kämpfen, wo sie in der Leitung war, das gelernt, dah sie aus Liebe zum Zionismus nicht nach der entgegengesetzten Richtung hin die Zustände wiederholt sehen möchte, die durch den Kampf gegen die vorige Leitung entstanden waren. Wenn sie trotzdem in einem gewissen Sinne in der Opposition bleiben muhte, wenn sie kritisiert und den Einfluß auf die Geldinstitute der Partei nicht aus den Händen geben will, so hat das darin seinen guten Gruüd, dah bisher niemand in der Berliner Leitung war, der diesen Aufgaben gewachsen wäre. Dazu gehören besondere Fähigkeiten. Außerdem aber sitzt der Bankdirektor der Leitung nicht in Berlin. Mit dem Eintritt Dr. Tschlenows in die Leitung und seiner Uebersiedlung nach Berlin haben diese Bedenken aufgehört und es wurde ein Kompromiß möglich, der der Leitung eine größere Initiative in den Finanzinstituten sichert und doch ein gewisses Veto gegenüber allzu gewagten Unternehmungen möglich macht. So beruhigend Tschlenows Eintritt in die Leitung wirkt, so wird doch auf anderer Seite der Wunsch gehegt, dah auch Ussischkin in absehbarer Zeit direkten Anteil an der Berliner Leitung nehmen möge. Die friedliche Art des Moskauer Führers, dessen Verbindlichkeit so viele Anziehungskraft ausübt, würde durch die robuste Kraft Ussischkins eine wertvolle Ergänzung finden. Diese selbstbewußte starke Persönlichkeit würde auch gelegentlich nicht zögern, mit kraftvoller Faust dazwischen zu fahren und, wenn nötig, mit eisernem Besen Aüskehr zu Hallen. Dah so etwas nötig werden kann, liegt auf der Hand. Bereits auf dem Kongreh hat die Berichterstattung der „Welt", des offiziellen Organs, bei allen Gruppen wegen ihrer Parteilichkeit und Unwahrhaftigkeit einen großen Unwillen hervorgerufen. Die falschen Berichte in anderen Zeitungen über einen angeblichen Tumult

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.