Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Sette 672 Dr. Klochs Wochenschrift Sk. 37 Spaniens, in den Keller des Jnquisitionsgebäudes Hinabstieg. Zwei Beisitzer des Gerichtes gingen ihm mit Laternen voran, der Foltermeister folgte ihm. Sie nahmen ihren Weg zu einem versteckten Kerker. Ein Schlüssel knirschte in dem Eisenschloß einer schweren Türe, sie kamen in einen mit Stickluft erfüllten dumpfen Raum. Ein dämmeriger Tagesschein fiel hinein und beleuchtete matt die in den Mauern eingelassenen schweren eisernen Ringe, eine von eingetrocknetem Blüte schwarz gewordene Folterbank, ein Kohlenbecken und einen Wasserkrug. Gefesselt, einen eisernen Ring um den Hals, in elende Lumpen gehüllt, lag da ein verstörter Mann, dessen Alter schwer zu bestimmen war, auf einem halbverfaulten Strohlager. Er rühmte sich, die Reihe seiner Ahnen tausend Fahre zurüiMhlen zu können: sind doch alle vornehmen Juden außerordentlich stolz auf ihre Abkunft! Er stammte dem Talmud nach von Othoniel ab, dem letzten Richter in Israel, und von seiner Gattin Jpsiboe. Das hielt seinen Mut trotz der unaufhörlichen Folter stets aufrecht. Dem ehrwürdigen Pedro Arbuez d'Espila füllten sich die Augen mit Tränen, wenn ec daran dachte, wie diese starke Seele sich so hartnäckig ihrem Heile verschlösse. Er näherte sich dem zitternden Rabbi und sagte freundlich zu ihm: „Mein Sohn, freue dich, das Ende deiner irdischen Prüfungen ist gekommen. Wenn ich angesichts deiner Hartnäckigkeit mit schwerem Herzen dich streng zu behandeln gezwungen war, so hat doch meine Aufgabe, dich zu bessern, ihre Grenzen. Du bist wie der dürre Feigenbaum, der, nachdem er unfruchtbar befunden worden ist, abgehauen und verbrannt werden soll. Aber es kommt Gott allein zu, über 'deine Seele zu richten. Vielleicht wird die unendliche Gnade des höchsten Gottes dir noch im letzten Augenblicke leuchten. Hoffen wir es: es gibt solche Beispiele! Ruhe daher heute abend in Frieden. Morgen früh wird man dich zu dem Autodafe abholen, das heißt, du wirst dem „Quemadro" ausgesetzt werden, der glühenden Kohlenpfanne, die dir einen Vorgeschmack des ewigen Feuers geben soll. Du weißt, mein Sohn, sie brennt nur ganz langsam und aus der Ferne. Dank den nassen, eiskalten Tüchern, mit denen wir sorgsam die Stirn und das Herz des Vrandopfers bedecken und kühlen, tritt der Tod erst nach zwei bis drei Stunden, oft sogar noch viel später, ein. Dreiundvierzig Sünder sollen geopfert werden. Erwäge wohl, daß dir als allerletztem dieser Reihe die nötige Zeit vergönnt wird, Gottes Barmherzigkeit anzüflehen, daß er die Feuertaufe annehmen möge, die der heilige Geist selbst über dich verhängt. Hoffe auf Erleuchtung, und nun, ruhe in Frieden!" Nach diesen Worten ließ er dem Unglücklichen die Ketten abnehmen und umarmte ihn auf das herzlichste. Dann umarmte ihn der Foltermeister, wobei er ihn leise bat, ihm zu vergeben, daß er ihm so viele Schmerzen zugefügt habe: darauf begrüßten auch die beiden Begleiter den Gefangenen mit einem Kusse, beide ohne ein Wort zu sprechen. * * * Stumpfsinnig vor Leid, mit ausgedörrten L'ppen, betrachtete Rabbi Äser Abarbanell ohne besondere Aufmerksamkeit die verschlossene Tür. „Verschlossen?" .... Das Wort erweckte in ihm eine verwirrte Träumerei. Es war ihm nämlich plötzlich, als habe er den Schein der Laterne durch die Oeffnung zwischen Mauer und Tür schimmern sehen. Ein matter, krankhafter Hoffnüngsgedanke tauchte in seinem entkräfteten Gehirn auf und erschütterte ihn. Er schleppte sich näher, um den Zustand der Tür zu prüfen. Er versuchte ganz leise und vorsichtig seinen Finger zwischen eine kleine Ritze zu schieben, und siehe, es gelang ihm, die Tür vorsichtig nach innen zu ziehen. O Wunder! Durch einen Zufall hatte der Begleiter des Inquisitors, der ihn eingeschlossen, den großen Schlüssel ein wenig zu früh umgedreht, das verrostete Schloß hatte nicht gefaßt, es war zurückgesprungen und die Tür war tatsächlich unverschlossen geblieben. Der Rabbi wagte es, hinauszublicken. Es war hell genug, einen Halbkreis dunkler Mauern zu unterscheiden, in dem spiralförmige Stufen angebracht waren. Ihm gerade gegenüber führten fünf oder sechs steinerne Stufen in eine Art dunkler Halle, die in einen weiten Gang mündete, von dem man, von seinem Standpunkte aus, nur die ersten Bogen sehen konnte. Auf allen Vieren kroch er langsam bis auf die Schwelle. Es war ein Gang von endloser Länge. Ein blasses Licht, ein traumhaftes Halbdunkel herrschte darin; kleine Lampen, die von den Gewölben herabhingen, erhellten mit mattem, bläulichem Glanze die Luft. Der Gang verlor sich in tiefen Schatten, nirgends war eine Tür sichtbar. Rur an der linken Seite waren hier und da sogenannte Ochsenaugen, durch die die Dämmerung hereinbrach. Es mußte wohl die Abenddämmerung sein, da zuweilen ein rötlicher Schimmer auf den Steinplatten spielte. Die schreckliche Stille! Aber vielleicht war der Weg, der durch diese Finsternis führte, der Weg zur Freiheit! Fest klammerte sich der Jude an diese schwache Hoffnung, war sie doch seine letzte! Ohne zu zögern, wagte er sich weiter und tastete sich an der langen Mauer hin. Er kroch langsam und unterdrückte einen schmerzhaften Schrei, als eine Wunde aufbrach und ihn mit furchtbaren Schmerzen erfüllte. Plötzlich drang der Widerhall leise sich nahender Schritte an sein Ohr. Ein Angstschauer schüttelte ihn, die Aufregung erstickte ihn beinahe. Sein Auge verfinsterte sich. Nun also war alles aus! Er kauerte sich angstvoll in einer Höhlung der Mauer zusammen und wartete halbtot vor Aufregung. Es war einer der Jnquisitionsrichter, der vorübereilte, er ging rasch vorbei, mit einem Folterwerkzeug in der Hand: seine Kapuze war zurückgezogen, sein Anblick war entsetzlich. Die Aufregung, die den Rabbi ergriff, war heftig, daß alle Lebenstätigkeit aufgehoben zu sein schien. Es dauerte beinahe eine Stunde, ehe er imstande war, wieder ein Glied zu rühren. In der Angst, überrascht und dann sofort zur Folter geführt zu werden, kam ihm einen Augenblick lang der Gedanke, in seinen Kerker zurückzukehren. Aber immer noch lebte die Hoffnung in seiner Seele, jene wunderbare Macht, die den Unglücklichen selbst in den verzweifeltsten Lagen noch Kraft verleiht. Er versuchte abermals, dem Ausgange zuzukriechen. Ermattet von der Qual des Hungers und zitternd vor Todesangst, kam er demselben immer näher. Es war, als ob dieser düstere Gang sich in geheimnisvoller Weise sich mehr und mehr in die Länge zöge. Langsam, langsam kroch er durch das Dunkel, in der Hoffnung, den rettenden Ausgang zu gewinnen. O Schrecken! Abermals ertönten Schritte, und zwar diesesmal ruhig und fest. Die Gestalten zweier Inquisitoren mit breiten, aufgeklappten Hüten erschienen in der fahlen Dämmerung vor ihm. Sie plauderten mit leiser Stimme miteinander und schienen in lebhaftem Widerspruch über einen wichtigen Gegenstand zu sein, denn sie gestikulierten heftig. Bei diesem Anblick schloß der Rabbi Äser Abarbanell die Augen, sein Herz klopfte zum Zerspringen. Die Lumpen, in die er gekleidet war, wurden feucht von kaltem Angstschweiß. Unbeweglich, lang ausgestreckt, drückte er sich so fest wie möglich an die Mauer. Gerade über ihm leuchtete eine kleine ewige Lampe, er wagte nicht, sich zu bewegen, und flehte inbrünstig zu dem Gotte Davids. — Als sie gerade bei ihm angekommen waren, blieben die beiden Inquisitoren, die ganz und gar von ihrer Unterhaltung in Anspruch genommen