Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 666 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 37 worden. Der N. F. fordere auch weiterhin Vertrauen als Grundlage einer erfolgreichen Tätigkeit. Nach einem Schlußwort von Dr. Ruppin bringt Dr. Halpern eine Resolution ein, in der die Arbeit des Palästinaamtes gebilligt und deren Fortsetzung auf der bisherigen Grundlage gefordert wird. Sitzung von Montag den 8. September abends. Vorsitzender Dr. G a st e r. Es sprechen Dr. Nacht und Dr. Niemirower über die jüdische Kultur und die hebräische Sprache. Dann ergreift das Wort Herr Ussischtin. Derselbe spricht hebräisch. Am Schlüsse liest der Redner deutsch folgendes vor: „Für die Gründung der Universität hat ein Herr aus Berlin, der nicht genannt werden will, 60.000 Frs. versprochen, Herr Julius Simon, Isaak Straus und seine Freunde haben eine Summe von 50.000 Frcs., Herr Dr. Bendersky aus Kiew hat bereits 10.000 Frs., ein Herr aus Moskau, der nicht genannt werden will. 25.000 Frs., Herr Braslowsky 10.000 Frs., ein Herr aus England, dessen Namen Dr. Daiches nennen wird, 100.000 Frs. zugesagt. (Stürmischer Beifall.) Ein Herr aus Deutschland, der anonym bleiben will, hat 100.000 Frs. gezeichnet. (Stürmischer Beifall.) Das sind, meine Herren, nur einzelne Personen, die selbst zu mir und zu Dr. Weizmann mit Spenden gekommen sind. Wenn wir die Sache beschließen werden, werden wir auch die nötigen Millionen finden." Redner beantragt folgende Resolutionen: Herr Dr. Weizmann erstattet ein ausführliches Referat über die Universitätsfrage. Derselbe wird unterstützt durch eindringliche Ansprachen von Dr. G a st e r. Dr. Daiches, Dr. Mossinsohn, Jaffa, und. Dr. I. Klausner, Odessa. Dienstag vormittag wurden die Beratungen fortgesetzt. Dr. Bendersky (Kiew) gab einen Aebecblick über die Budgets der Universitäten in den verschiedensten Ländern und kam auf Grund derselben zu dem Schlüße daß die Gründung einer Universität in Jerusalem unbedingt notwendig sei. Eine Reihe bedeutender jüdischer Gelehrter, mit denen er Rücksprache genommen habe, hätten sich zur^örderung der Sache schon zur Verfügung gestellt. Für das Zustandekommen der Universität müssen auch alle diejenigen eintreten, die die wachsende Taufbewegung, insbesondere in Rußland, mit Unruhe verfolgen. Die Errichtung einer Hochschule in Palästina sei nicht nur praktisch von höchster Bedeutung, sondern auch ein politischer Akt von größter Notwendigkeit. Rabbiner Reines (Eiffa) übt Kritik an dem hebräischen Gymnasium in Jaffa und insbesondere an dem dort gepflegten System der Koeduktion, die er als dem jüdischen Geiste widersprechend bezeichnet. (Widerspruch.) Hermann Struck ca Ad. Böhm. -Nun spielte sich eine erregte Szene ab voll dramatischer Kraft, die allen Anwesenden lange in Erinnerung bleiben dürste. Das Wort erhielt der Maler Hermann Struck (Berlin): Meine Worte sind keine wohl abgerundete Rede, sondern nur lockere Glossen zur Frage der jüdischen Kultur. Was ein Misrachist unter jüdischer Kultur versteht, brauche ich heute nicht mehr auseinanderzusetzen. In eine knappe Formel gebracht: Misrachi ist Zionismus plus Religion. Der Misrachi ist keine Aufsichtsbehörde, sondern ein im Golus und in Palästina arbeitender zionistischer Faktor von größter Bedeutung. (Beifall.) Aber wir dürfen und wollen unsere Augen nicht verschließen, wenn wir sehen, wie die jüdische Kultur verfälscht und verwässert wird, und wir legen unsere Finger in die Wunde, um zu bessern und zu heilen, solange es noch Zeit ist. Aus der Fülle neuerer zionistischer Literatur greife ich ein Sammelbuch heraus, das unter dem Titel „Vom Judentum" kürzlich erschienen ist. Es trägt auf feinem Titel den stolzen Namen „Bar Ko chba", aber bei manchem Gedanken, der in diesem Buche auftaucht, ist man versucht, zu sprechen: „Var Kosiba". Ich will nicht davon sprechen, daß in diesem Buche oft ein merkwürdiges Interesse für Jesus von Nazareth heroortritt. daß sogar ganz eigentümliche Jeschuahlegenden erzählt werden. Das ist schließlich Geschmackssache. Die folgende Stelle aber finde ich doch bedenklich. Der Verfasser des betreffenden Aufsatzes spricht von der Rückkehr zum Judentum und fagt: - „ ... , daß mancher Zionist diese Rückkehr dahin aufsaßt, daß sie eine solche zum heutigen Judentum bedeutet. Was kann dieses aber dem modernen Juden geben? Er hat sich weit von ihm entfernt. Wie weit, das zeigt beispielsweise sein Verhalten zum Christentum. Die traditionelle jüdische Scheu vor dessen Stifter und seinen Lehren kann er nicht mitmachen. Er sieht vielmehr klar den Fortschritt, den es bedeutete, als das Christentum den Quell der religiösen Sittlichkeit in das Innere der Menschenbrust verlegte." Diese Behauptung hat nicht ein Missionär aufgestellt, sondern ein zionistischer Führer. (Rufe: „Wer? Namen nennen!") Es ist ein Mitglied des Großen A. C. (Rufe: „Namen nennen!") (Unruhe.) Vorsitzender Dr. G a st e r: Ich muß Herrn Struck erinnern, daß wir hier einen Generalredner zur Frage der Universität in Jerusalem vor uns haben. Für Aeußerungen einer Einzelperson sind wir nicht verantwortlich. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Struck: Ich spreche hier nicht gegen eine Person und habe gegen den betreffenden Herrn persönlich nichts einzuwenden. Den Namen können Sie im Buche lesen. Ich greife nur einen Fall auf, der symptomatisch ist für eine gewisse Geistesrichtung. An einer anderen Stelle heißt es, „um dahin zu gelangen, mußten sie (die Juden) erst innerlich vollkommen neue Menschen werden, denn als Juden hatten sie infolge der Krisis, in der sie standen, keine Selbstachtung mehr. Das Gefühl für persönliche Würde, das überhaupt nie im Judentum vorhanden war (Pfuirufe), sondern als Erbteil hellenischer Kultur in der Moderne zu finden ist, müßte erst in ihnen Wurzel geschlagen haben." Diese Worte schreibt nicht ein Antisemit, sondern ein zionistischer Führer (Rufe: „Wer?"). Derselbe Verfasser Herr AdolfBöhm. Nicht Wahrheitsdrang, sondern ein trauriger, verächtlicher Golusgeist spricht aus diesen Worten. (Bravo!) Vor unserem Auge steigt das Bild dessen auf, den wir längst beseitigt glaubten: das Bild des geknechteten Hausierers, der durch die Gasse schleicht und rechts und links vor jedem Fremden Verbeugungen macht. (Lebhafte Zustimmung.) Der Jude, der seinen eigenen Stamm verunglimpft, um das Christentum zu glorifizieren, möge, wenn er einen Vackenstreich empfängt, auch die andere Backe zum Schlage Hinhalten: dann wird ihm vielleicht die Schamröte ins Gesicht steigen. (Beifall.) Wir alle aber, die wir uns stolz als Abkömmlinge der alten aristokratischen Rasse fühlen, die wir die uralten Traditionen unb das jüdische Gesetz verehren und Hochhalten, wir können unsere Feinde nicht lieben, wir bleiben bei dem alten echt jüdischen Satz: ..Weohafto lereaclio komauclio!“ Man wird auf dieser schiefen Ebene ein lautes Halt gebieten müssen, mit der düsteren Mahnung „Nene Tekel ufarsin“. Ich fordere von unserer Leitung, daß sie nicht fürderhin durch Empfehlung dieses Buches unseren Gegnern Waffen liefert. (Sehr richtig!) Nun muß ich noch einen wunden Punkt berühren. Der Nationalismus ist bei uns der Wille, wieder ein