Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 658 Nr. 37 Dr. Blochs Wochenschrift der seit je im Zionismus betrieben wird, deshalb macht es aber einen um so peinlicheren Eindruck, daß ein Mann, derHerzl fast gleichgestellt und wie ein Halbgott verehrt wurde, mißhandelt wird, im Momente, wo er in die Opposition tritt. Warum wurde die Rede Nordaus nicht in der „Welt" abgedruckt, dagegen aber eine Unzahl von Preßstimmen gegen ihn zitiert? Wir fragen uns mit Unruhe, was würde mit einer anderen Opposition geschehen, welche kleiner als Nordau ist? Wenn man sich für Politiker hält, dann müssen an der Spitze verantwörtliche und taktvolle Personen stehen. Wir wissen nicht, was hinter den Kulissen vorging, aber nach dem, was wir in der „Welt" gelesen, haben wir den Eindruck, daß hier eine Unkorrektheit geschehen, für die das A. L. verantwortlich gemacht werden muß. Meine Herren! Ich. muß sagen, die kulturelle Höhe der „Welt" paßt nicht für die zionistische Organisation. Sie muß besser sein, als irgend ein Organ einer Landsmannschaft. In ihr sollten alle großen Schriftsteller und Publizisten zu Worte kommen, die wichtigsten Probleme sollten beleuchtet werden. Was sehen wir statt dessen? Vereinsmeierei. Sie ist wie ein gelbes Käseblättel. Präsident Wolffsohn rügt den Ausdruck. Chasanowitsch: Ich versteife mich nicht auf Ausdrücke, aber der Inhalt der „Welt" steht nicht auf der entsprechenden Höhe. Ich muß feststellen, daß in der „Welt" keine Wortfreiheit herrscht. Man ließ uns nie zu Worte kommen. Dagegen protestieren wir. Ich habe den direkten Auftrag von der Poalei-Zionistischen Organisation. von der Konferenz,- die in Krakau abgehalten wurde, gegen die Art des Verhallens der „Welt" und der zionistischen Redner zur jüdischen Sprache zu protestieren. Der Zionismus muß zum Herzem des Volkes dringen. Auch protestieren wir gegen die schwäche, die das A. E. dem Misrachi gegenüber gezeigt hat. Das A. C. hat sich eine rabbinische Kontrolle-geschaffen. (Pfuirufe.) Präsident Wolffsohn: Ich glaube, von der Galerie ist das Wort Pfui gerufen worden. Ich mache die Galerie aufmerksam, wenn Sie sich nicht ruhig benehmen, werde ich gezwungen sein, strengere Maßregeln zu ergreifen. Chasanowitsch (fährt fort): Wir stellen mit Zuftiedenheit fest, daß manches sich gebessert hat; Dnr haben aber noch Klagen und Forderungen bezüglich der Agitation, in bezug auf Behandlung der jüdischen Sprache und bezüglich der Taktik. Hier haben das A. C. und seine Organe versagt, ich wiederhole,' erst wenn man uns einen Bericht über die Palästinaarbeit vorgelegt hat, der uns beftiedigt, können wir uns über das Vertrauensvotum entscheiden. (Beifall.)- Der Redakteur der ,;WeI1" Richard Lichtenhain weist diese Angriffe als ungerechtfertigt zurück. Nordau habe seinen Artikel in der „Times" als Präsident des Zehnten Zionistenkongresses unterzeichnet, wodurch der Anschein erweckt werden konnte, als sei dieser Artikel im Einvernehmen mit der Leitung der zionistischen Organisation geschrieben worden. Das sei aber nicht der Fall gewesen. Und da in diesem Artikel an die B o ts ch aft erreunion appelliert und andererseits die Türk ei heftig angegriffen werde, konnte es dem Aktionskomitee nicht gleichgültig sein, daß man es für diesen Artikel verantwortlich machte. Aus diesem Grunde mußte denn auch die entschiedene Abwehr im Zentralorgan der Organisation erfolgen. Die Ausführungen beider Redner wurden oft durch Zustimmungskundgebungen und Mißfallsrufe unterbrochen. Endlich trat wieder Ruhe ein, worauf namens der galizischen Landsmannschaft Dr. Reich das Wort ergreift. Dr. Reich spricht im Namen der galizischen Landsmannschaft der Leitung das Vertrauen aus, er zeichnet die neuen Aufgaben auf dem Gebiete des Schulwesens, die als Unterlage der zu gründenden Universität dienen sollen. Redner fügt hinzu': Weil wir dem A.C> so große Aufgaben stellen, bedauern wir, daß nicht alle, die in der zionistischen Bewegung sich befinden, hier bei uns weilen. Ich bin nicht der Meinung, daß es sich um den persönlichen Ehrgeiz mancher dieser Herren handelt, ich kann nicht annehmen, daß bei Dr. Nordau, Marmorek und anderen, die ich hochschätze und deren Verdienste um den Zionismus ich zu würdigen weiß, persönliche Motive milspielen. (Sehr richtig!) Wir müssen der Ueberzeugung Ausdruck geben, es habe manchmal den Anschein, daß das Parteiblatt zu einem Parteilichkeitsblatt geworden ist. (Sehr richtig!) Der Redner befaßte sich hierauf auch mit der Forderung der an der Spitze der Organisation stehenden Männer, daß ihnen auch ein entsprechender Einfluß auf'« die G e l d i n st i t u t e der Zionisten eingeräumt würde, die noch immer ganz ausschließlich von den Männern der früheren Aera geleitet werden. Reich sagte: „Wenn wir unseren Führern die Seele des jüdischen Volkes anvertrauen, müssen wir auch das Risiko auf uns nehmen, ihnen unser Geld zu überantworten!" Als oppositioneller Redner führte Jean Fischer aus: Ich spreche hier nicht im Namen einer Landsmannschaft oder im Namen einer (organisierten Opposition, sondern nur in meinen? eigenen Namen. Herr Simon hat gestern gesagt, wir politische Zionisten seien mit dem französischen Adel zu vergleichen, der nichts gelernt und nichts vergessen hat. Franzosen sind wir nur insoweit, daß wir neben deutsch, englisch, jüdisch-deutsch ftanzösisch sprechen. Adelig sind wir, denn wir sind Nachkommen.von Abraham, Isäk und Jakob. Das ist der Adel, den ich in Anspruch nehme. Nun hat Herr Simon noch hinzugefügt, daß wir nichts gelernt und nichts vergessen haben. Wegen des Nichtlernens befinde ich mich in ausgezeichneter Gesellschaft: Wir haben tatsächlich nichts vergessen, wir stehen noch heute auf dem alten Herzl-Standpunkt. Die offizielle' Leitung hat sich bemüht, durch ihr Organ zu erklären, daß es keine Differenzen gibt. Gegenüber dieser Behauptung sage ich, daß ich im Zionismus zwei Richtungen sehe. Herr Ussischkin hat in seiner gestrigen; Rede eine Differenz in der Politik zwischen Westen-, und Osten festgestellt und Herr Weizmann hat mir in einer A. E.-Sitzung zugerufen: Uns trennt eine Weltanschauung. Ich stehe nicht auf diesem Standpunkte, sonst wäre ich nicht hier. Nach dem Zehnten Kongreß ist ein Mitglied des A. C. nach Rußland gefahren und hat erklärt, der politische Zionismus sei tot. Ich bitte Sie, solche Wendungen nicht zu gebrauchen, sonst werde ich sagen: Das System der praktischen Arbeit ist bankerott. Es sind namhafte Zionisten aus Palästina zurückgekommen und haben das Urteil fällen müssen: Was wir geschaffen haben, ist etwas Künstliches. Muß ich erst sagen, daß unsere Aufgabe nur darin bestehen kann, Bedingungen zu schaffen für eine natürliche Entwicklung der Kolonisation, weil künstlich Geschaffenes auf die Dauer nicht zu hallen ist? Die Vertreter der praktischen Arbeit müssen zu dem Schluß kommen, sie hätten etwas Künstliches geschaffen. Ich meine nämlich die Organisation. Und wenn einmal der Krach hereinbricht, dann bricht auch die Organisation zusammen. Dagegen legen wir Verwahrung ein. Der Nationalfonds, der unter Herzl gegründet wurde, ist manchmal unsere einzige Freude. Ich will das Verdienst der Leitung des Nationalfonds nicht schmälern. Aber glauben Sie, daß seine Agitation allein das geleistet hat? Der National-