Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 Dc. Bkschs Wochenschrift. Seite 655 Vom Aabrmarkt des Lebens. Eine amerikanische Spezialkommission in Rußland. Die amerikanische Regierung hat zum Studium der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Juden in Rußland eine Spezialkommission entsendet. Die amerikanische Regierung steht nämlich unter dem Eindrücke der in letzterer Zeit ganz besonders anwachsenden Auswanderung russischer Juden nach den Vereinigten Staaten und hat der Empfindung Ausdruck gegeben, daß diese ganze Auswanderungsbewegung die Charaktermerkmale einer - nationalen Bewegung aufweise. Zur Aufhellung dieses Zustandes wurde die Spezialkommission entsendet, die vorher bei der russischen Regierung akkreditiert wurde. Der amerikanische Kommissär, welcher die Kommission leitet, hat auch gleich nach seiner Ankunft in Petersburg sich dem russischen Minister des Aeußern offiziell vorgestellt. Eine Ausspeisung für jüdische Schulkinder in Jerusalem. Als eine der wichtigsten und unaufschiebbaren Aufgaben zur Sanierung des Elends der jüdischen Bevölkerung Jerusalems drängt sich jedem Besucher der Heiligen Stadt die Schaffung einer organisierten Kinder- und Jugendfürsorge auf. So hoch verdienstlich auch jedes Hilfswerk für die aufblühenden jüdischen Kolonien Palästinas und so willkommen das Streben ist, die Erwerbsverhältnisse in den dortigen Städten auf eine gesunde Grundlage zu stellen, so darf man doch nicht unterlassen, nach Kräften dafür zu sorgen, daß in Palästina selbst eine gesunde Jugend heranwächst, die, je nach Veranlagung und Bedarf, dem Landbau, dem Handwerk, dem Handel oder einem gelehrten Berufe einen tüchtigen Nachwuchs zu liefern und die Zukunft der jüdischen Besiedlung des heiligen Landes zu sichern imstande ist. Nun wohnt die überwiegende Mehrzahl der Judenheit Palästinas,.—, tztwa jßO.OOO Seelen! —, in Jerusalem, und zwar durchschnittlich in den kläglichsten Verhältnissen, so daß ein physisches Degenerieren unausbleiblich erscheint. Die politischen Verhältnisse der letzten Jahre haben diese Mißstände noch gesteigert, während auf der anderen Seite die Unterstützungsgelder für die Juden Palästinas aus dem Auslande im Rückgänge begriffen sind. : -! | | --! Um diesen Verfall aufzuhalten und zur Wandlung einer so traurigen Lage an einem entscheidenden Punkt planmäßig einzusetzen, wird in Jerusalem an einem in jeder Hinsicht günstig gelegenen Platze der Jaffavorstadt, des modernen Europäerviertels, eine Ausspeisung für jüdische Schulkinder errichtet. Die Kosten des Betriebes in gewissen Grenzen sind bereits gesichert. Nur für den Vau entsprechender Räume und die Ausgestaltung zu einer Mensa auch für die jüdischen Gymnasiasten und sonstigen Studierenden Jerusalems fehlen die Mittel. Herr Charles Land eis in Wien hat als Grundkapital hierfür, auf den Namen seiner verewigten Mutter Frau Regine Landeis, die es sich zur Lebensaufgabe machte, hungernden Schulkindern Brot zu schaffen, 6600 Kronen gestiftet und weitere jährliche Zuschüsse in Aussicht gestellt.. Wir bitten für diesen Zweck, dessen Nützlichkeit und Wichtigkeit jedem Kenner der Zustände in der Heiligen Stadt sogleich einleüchtet, um weitere Beiträge, Spenden und Zuwendungen in der Form von Kaddischlegaten oder ähnlichen frommen Stiftungen. Die Namen der Spender werden in der Anstalt an würdiger Stelle verzeichnet, die der Stifter (von 1000 Kronen an) gesondert. Wir betonen, daß es sich hierbei um ein streng kontrolliertes Unternehmen handelt. Die Anstalt untersteht in ritueller Hinsicht der Aufsicht des Jerusalemer Rabbinates, in finanzieller und technischer der eines Kuratoriums, dem in Jerusalem selbst sowohl dort wie im Auslande hochangesehene Persönlichkeiten der jüdischen Gesellschaft angehören. Sämtliche Einzahlungen erfolgen an die Jüdische Kolonialbank in Jerusalem. (Für Oesterreich durch die „Union-Bank", Wien.) Das Unternehmen empfehlen wir auf das Wärmste. Dr. Alfred Stern Dr. M. Giidemann Dr. Gustav Koh« Präsident der israel. Oberrabbiner. Vizepräsident der isr. Kultusgemeinde Wien Kultusgemeinde Wien Prof. Dr. Adam Politzer Dr. Salomon Ehrmaun k k. Hofrat Universitätsprofessor Den Aufruf haben außerdem bisher unterzeichnet: Oberrabbiner Reines (Lida), Ehrenpräsident des „Misrachi", ferner die Herren Rabbiner Lamden und R u b i n s o n aus Rußland und F i s ch m a n n aus Palästina. Nähere Auskunft erteilen auf Wunsch: Dr. Max Grunwald Charles Landeis Wien, XV., Mariahilftrstr. 167. Wien, Xll., Schönbrnnnerstr. 17S. Zur Geschichte des Zionismus. (Die Stimme eines Alten.) Geehrter Herr Redakteur! Ihr allzeit interessantes Blatt brachte zwei Artikel, die mich lebhaft interessierten und mich drängten, mit Erlaub der geehrten Redaktion meine Gedanken über diese beide Themen: „Dr. Bloch in der zionistischen Bewegung", „Zum Prozesse Beilis" in Vergleich zu einem ähnlichen in Bulgarien, äußern zu dürfen. Soll das ein Zeichen der Zeit sein, daß man sich leicht in Apotheosen verbeißt, auch auf Kosten der geschichtlichen Wahrheit, so es jemand gelingt, die Massen zu bewegen? Aehnliches geht auch in den Reihen der Zionisten vor. Unsere junge zionistische Generation apotheosiert in Herzl den Urbegründer des Zionismus und bedenkt nicht, welches Stück Arbeit vor ihm geleistet wurde mit der Gründung des Ahawath Zion und der Kadimah 1882 in Wien. Wer weiß etwa von dem Memorandum des Perez Smolenski, zwölf Schriftbogen stark, welches der Verewigte dem damaligen Kultusvorstande überreichte: wer gedenkt unserer Mühe zur Begründung jener zwei grundlegenden Vereine, des „Ahawath Zion" und „Kadimah", welche Ausgangspunkte waren zur' Gründung ähnlicher Vereine in Kattowitz, dann in Berlin, Lemberg, Serbien und Bulgarien? Wer spricht heute von dem materiellen Begründer des Zionismus. Baron Edmund von Rothschild mit seinen großartigen Kolonien im heiligen Lande? Weshalb vergißt man. was Herr Dr. Bloch, damaliger Rabbiner von Floridsdorf, in herrlichen Reden 1882 schon beim ersten großen Festabend am mw in Kuhners Restaurant zu einer Zeit sagte, als der assimilatorische Kultusvorstand von Wien jedes zionistische Wort perhorreszierte? Birnbaum und Schnierers Makkabäerabende in Wien, wie den meinigen im Lemberger Verein Schomer Israel? Warum vergißt man auf die Arbeit Dr. Lippös in Rumänien? Und dann das grundlegende Kattowitz mit seiner zionistischen Konferenz im Jahre 1882. an welcher die Säulen des rabbinischen Judentums die Erhebung des Zionismus zum Gemeingut des jüdischen Volkes feierten? All diese Taten, wie jene Vorarbeiter, scheinen wie im Traume aus dem Gedächtnisse