Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Seite 647 Nr. 86 Dr. Blochs Wochenschrift Staatliche Subventionen für jüdische Wohlfahrtsanstalten in Amerika. Wie aus Philadelphia berichtet wird, hat der Gouverneur des Staates Pennsylvania Tener für jüdische Wohlfahrtsinstitute aus dem Budget von 1913 200.000 Dollar Subventionen bewilligt. Davon erhalten drei jüdische Spitäler 150.000 Dollar und die jüdische Farmschule 20.000 Dollar. zfeutlleton. Die Gmarizixatiou der Huden in WieLirztra. Es dürfte ungefähr im Herbste achtzehnhundert einige und sechzig gewesen sein. In der Gemeinde von Wieliczka, das durch seine Salzgewinnung weit und breit berühmt ist, bestand das Prinzip der „Judenreinheil". Die christliche Bevölkerung wehrte sich energisch gegen den Einzug jüdischer Familien in das Stadtbareme. Es hieß allgemein, es bestehe eine theresianische Gesetzesoorschrift, kraft deren dem Juden in einer Bergwerksstadt der Aufenthalt verboten wäre. Ob und wie weit dieser angebliche Ukas zu Recht bestanden war, blieb in jener vormärzlichen Zeit unkontrollierbar. Eine Ausnahme bildeten nur drei Familien, und zwar das Haus des Reb Salmen Bornslein, Eroßkaufmannes, (der seine beiden Töchter an die bekannten Rabbiner Reb Berisch Meisels, nachmaligem Rabbiner von Krakau bezw. Warschau, und Reb Jsak Halberstamm verheiratete), das Haus des Hirsch Sinnenberg, kaiserl.. Sglinenlieferan.ten, Md endlich das Haus des Reb Hirsch Perlberger,' der dasselbe auf den Namen seines Sohnes, des nachmaligen Fabriksinhabers kais. Rates Chaim Simon Perlberger, nachdem er in Tarnow eine Schulprüfung abgelegt, kaufte, selbst auch nicht bewohnen durfte, und bloß für die städtische Pro pination verwenden tonnte, während sein kassier Israel (Jsrulisch) Fränkel sich dort nur inoffiziell aufhielt. Die jüdische Bevölkerung wohnte dagegen zu jener Zeit in der nächstgelegenen Gemeinde Klasno, verkehrte wohl geschäftlich tagsüber in Wieliczka. muhte aber gegen abends die Stadt verlassen. Eines Tages entschloß sich der Krämer, mit Namen David Leib Bergmann, ohne weiteres sein Domizil von Klasno nach der Stadt Wieliczka zu verlegen. Er mietete in aller Stille eine Wohnung nebst Gewölbe und übersiedelte eines schönen Tages mit Kind und Kegel nach Wieliczka. Kaum daß derselbe eine Nacht in seiner neuen Behausung zubrachte, als er tags darauf von „amtswegen" mit Sack und Pack, mit Kind und Keit mittelst Fuhren unter Eskorte von Gemeindepolizisten nach Klasno zurückgestellt und dem Vorstände eingeliefert wurde. Der Gemeindevorsteher war damals der ftüher genannte Reb Hirsch Perlberger, der Gründer der zurzeit noch bestehenden Spiritusraffinerie und Liqueurfabrik, sein Ehrensekretär, der technische Fabriksleiter Herr Albert Löw, der kurz vorher aus Holleschau (Mähren) einwanderte und als Bahnbrecher und Zivilisator in jener Gemeinde im vollsten Sinne des Wortes wirkte. Beide Männer berieten miteinander und beschlossen, die beladenen Fuhren, die vor dem Hause des Vorstandes postierten. nicht zu entladen, um vielmehr auf diese Weise den ,.Corj>us Delicti-4 vor aller Welt zu demonstrieren. Zu derselben Zeit tagte in Wien der frischgebackene Reichsrat, Abgeordneter der Stadt Wieliczka war ein Dr. med. Bentkowski, ein gewissenhafter, den Juden gutgesinnter Mann. Herr Albert Löw verfaßte gemeinsam mit Herrn Eh. S. Perlberger ein langatmiges, energisch stilisiertes Telegramm an den erwähnten Abgeordneten. in dem er gegen die Maßnahmen der verzopften Spießbürger Wieliczka's in scharfen Worten Protest erhob. Sein Chef Reb Hirsch Perlberger unterfertigte ohneweiters das Schriftstück und leitete es maßgebenden Orts weiter. Spät in der Nacht bekam der Bezirksvorsteher eine telegraphische Aufforderung des Ministeriums, sich unverzüglich auf gleichem Wege zu äußern, und bald darauf verfügte der Minister, dem Kaufmann Bergmann samt seiner Familie sofort die Tore der Stadt zu öffnen und ihm volle Freizügigkeit zu gewähren, was natürlich sofort geschah. Innerhalb 24 Stunden lasen wir in der Wiener „Presse", die im Hause des Herrn Perlberger nicht fehlte, die freudige Mitteilung, daß der Abgeordnete Dr. Bentkowski den Minister an der Hand des Protesttelegrammes sowie eines nachgelangten (von Albert Löw verfaßten) Memorandums der Iudengemeinde Klasno wegen des Ereignisses der Ausweisung einer jüdischen Familie aus dem Gemeindebereiche Wieliczka interpellierte und den Minister zur Aufhebung dieses Beschlusses gewissermaßen gezwungen hatte. Der nunmehrige Wiedereinzug des jüdischen Kaufmannes nach Wieliczka hat große Genugtuung unter der gesamten jüdischen Bevölkerung hervorgerufen und veranlaßte, daß allmählich nach und nach fast alle jüdischen Bewohner von Klasno nach Wieliczka übersiedelten. Gegenwärtig zählt die jüdische Bevölkerung Wieliczka's mehrere hundert Seelen, die über einen Rabbiner, sowie drei Bethäuser (allerdings bis heute ohne Eruw) verfügen und die unter der Leitung des Kultusvorstehers Reb Pinchas Zimmels, des einzigen Schwiegersohnes des Reb Hirsch Perlberger, durch viele Jahre sich entwickelte. Nur die Synagoge, die dank der Bemühungen des Reb Hirsch Perlberger, Reb Jakob Ebersmann und Reb Wolf Mahner nach einem vorangegangenen Brande mit ziemlich großen Kosten wieder aufgerichtet wurde, blieb bis heute in Klasno. allerdings sehr schwach frequentiert. Die erwähnte Synagoge erfreut sich noch heute wegen ihrer -künstlerischen, biblischen Malereien großer Aufmerksamkeit aller Kunstkenner. Der Maler namens Lederberger, ein Klasnoer Kind, der später in Wien bedeutende und achtenswerte Arbeiten leistete, hatte sich mehrere Jahre um die Ausschmückung des Gotteshauses bemüht. Auch der „heilige Ort", auf welchem noch Gräber jüdischer Einwohner von Podgorze, das seinerzeit zur klasnoer Gemeinde gehörte, zu finden sind und auf welchem die Gebeine aller oben erwähnten Männer ruhen, blieb in klasno. Der gedachte R. Chaim Simon Perlberger ließ einige Jahre vor seinem Hinscheiden auf seine kosten die Synagoge mit einem Blechdache decken und die Friedhofsmauer Herstellen. Der Held der damaligen Iudenemanzipation, Herr Albert Löw, dessen Name in den Annalen der jüdischen Gemeinde klasnos für ewige Zeiten verzeichnet blieb, befindet sich im rüstigen Greisenalter derzeit in Wien, nachdem er längere Zeit in Linz und viele Jahre in Budapest in großer Stellung war und niemals aufhörte, sich für jüdische Fragen und Interessen eifrigst einzusetzen. Josef Perlberger, dzt. in Weidlingau.