Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Blochs Wochenschrift Seit; 637 menschlichen Verhältnisse und Mangel an Erfahrung sich zu folgenschweren Mißgriffen verleiten lassen; er wird vielleicht die treulosen Ueberläufer nachzuahmen suchen. Dann aber wird er sich wieder besinnen und die Nichtigkeit jener Karriere durchschauen. Er wird erkennen, wie jene trotz der glänzendsten Erfolge auf ihren Gebieten doch nicht glücklich werden, wie sie sich zur Erreichung ihrer Ziele tausendmal bücken, wie sie schmeicheln, lügen und heucheln müssen, wie sie immer noch trotz ihres Abfalls und schmachvollen Verrats an den ihrigen und vollständiger Hingabe an die andern von diesen >Andern«- mit beleidigender Herablassung oder geradezu mit Verachtung behandelt werden, wie sie schliesslich, wenn sie ihr Ziel erreicht haben, doch nicht glücklich sind, sondern nur immer weiter auf demselben mühseligen und dornenvollen Wege forteilen und, wenn ihnen durch Mißgeschick oder Torheit oder durch den natürlichen Lauf der Dinge ein ferneres Fortschreiten unmöglich geworden ist, ohne Würde und ohne Trost dem Elend und dem Jammer, dem Groll ihres eigenen Volkes und dem Geringschätzen anderer Völker anheimfallen. Der junge Nationaljude vergleicht dann mit ihrem Streben das seinige. Er hat für seine Ziele nicht nötig zu betteln und zu kriechen, das Zutrauen, welches er zu seiner Kraft besitzt, und die Kühnheit, welche Wahrhaftigkeit und reine Ziele geben, lassen ihn sich chn Mächtigen u d Großen ebenbürtig fühlen und erzwingen ihm eine mit Furcht gepaarte Achtung, selbst bei Leuten, die ihn hassen und vernichten möchten. Sein Selbstbewußtsein wird ihn über manche Kränkungen erheben, ihn manche Beleidigungen weniger fühlen lassen, als die anderen, er wird viele der seelischen Leiden, die die anderen peinigen, gar nicht oder doch nur in geringerem Maße kennen lernen; sein edler Stolz schützt ihn' gegen die Kränkungen niederen Ehrgeizes und kleinlicher Eitelkeit. Er verbannt die ängstliche Sorge darüber, ob dieser oder jener Richter sein vollständiges Assimiliertsein anerkennt oder > icht, und die Furcht vor Mächtigen und ihre Folgen, die Demütigungen vor denselben und die Empfindung ihrer Geringschätzung aus seiner Brust. Selbst körperliche Leiden verlieren etwas von ihrer Bitterkeit, wenn einem der Stolz verbietet, dieselben allzu weichlich und offenkundig zu äußern. So wird denn, wenn auch keine vollendete Erlösung, wie wir sie in der Heimstätte erwarten, so doch eine relativ hohe, menschliche Seelenruhe die Frucht redlichen und treuen Strebens zum Volkswohle sein. Gleichwohl wird man sich der Tatsache nicht verschließen dürfen, daß die Befriedigung, zum Wohle der eigenen Nation beizutragen, nicht in allen Gemütern einen gleich geeigneten Wohnsitz finden kann. Eine nationale Jugenderziehung, würde al.erdings viel zur Pflege eines edlen Stolzes auf redliches Streben und wackerer Taten tun können. Aber es gibt unzweifelhaft Naturen, in denen der heilige Funke dieser Begeisterung nicht anzufachen ist, aber auch wenn die Zahl jener Männer, welche vorwiegend die Interessen der Nation zu fördern bestrebt sind, nur gering bleibt, ihr Einfluß würde nicht zu verachten sein. Sie würden durch Wort und Schrift und durch das Vorbild ihrer Persönlichkeit in engerem oder weiterem Kreise auf die Volksmasse, die dem Nachahmen und Bewundern geneigt ist, mächtig einwirken, sie würden die wahren sittlichen Leiter und Lehrer des jüdischen Volkes sein. (Beifall.) Und in der Tat scheint die Zahl der Naturen, welche sich im Stillen durch das "Streben nach Achtung vor sich selbst leiten lassen, nicht allzu gering zu sein. Sind wir doch ein Volk, das im allgemeinen an Idealisten reich ist; je kräftiger und größer aber eine Natur ist, je empfindlicher sie für geistige Genüsse, je mehr sie hochherzigen und edlen Regungen zugänglich, je mehr sie geläutert ist durch Nachdenken und Geistesbildung, um so mehr pflegt sie Verständnis und Empfänglichkeit zu besitzen für die tiefen und unerschöpflichen Befriedigungen, welche ein Mensch empfindet, der sich mit seinem Volke eins fühlt und der sich für ein wackeres und tätiges Mitglied seines Volkes hält. So wird durch nationale Erziehung und Propaganda auch das jüdische Leben in der Diaspora von seinem Zwiespalt und seiner Zerrissenheit einem inneren Ausgleich näher kommen. Mit dieser Tätigkeit wird sich der Zionismus zu befassen haben. Es ist eine langwierige* Arbeit und wir haben unmittelbare Aufgaben in der eigentlichen Arbeit in Palästina, die für uns die Hauptsache bildet. Aber wir werden uns auch mit diesem Problem immer mehr zu befassen haben. Geehrter Kongreß! Werden unsere Schilderungen und unsere Ratschläge endlich Licht bringen den Augen jener, die berufen sind, zu sehen? Noch ist’s nicht zu spät, aber die zwölfte Stunde naht. Möge sich unser Volk aufraffen und aus dem Traum erwachen, in den es die Untätigkeit gelullt. Wir hoffen es, und um dies zu erreichen, fahren wir fort, unsere Arbeit zu tun. Unsere Idee, sagen manche, trete aggressiv auf und wir verstießen fortwährend gegen die milde, friedfertige Gemütsstimmung und Behaglichkeit. Wir gestehen, daß wir vieles aus der Nacht ans Licht gezogen haben. Aber noch weit mehr kann man uns vorwerfen. Auch an tiefen Problemen haben wir gerührt, haben die Krankheitssymptome analysiert und Heilung gesucht für die Schäden der Zeit. Wir erwarten ohne Furcht den Wahrspruch der Geschichte. Sie wird sagen, daß wir die Augen unbeweglich auf ein Ideal gerichtet, niemanden zu Leid und unserem Volke zum Segen, auch in das Leben der Diaspora ordnend und klärend eingegriffen haben und daß wir mit ernstem Sinn in die Ursachen und Zusammenhänge eingedrungen sind, durch die das einzige Rettungswerk für die Diaspora, die jüdische Einheit, geschaffen werden muß. Ja, das Leben der Juden in der Diaspora ist noch ein Chaos, aber es regen sich schon die Keime vieler Gedanken, die mehr und mehr an’s Licht gelangen! Verborgen und rein wie das Gold in der Tiefe der Erde liegt die gestaltende Kraft im Chaos: Der Zionismus in der Diaspora! Dieser Kraft gehört die Zukunft! Hierauf sprach Dr. Schmarja-Levm (Haifu) über das neue Judentum in Palästina. Er gedachte einleitend der großen Verdienste des Barons Edmund Rothschild um das Entstehen gesunder und lebensfähiger Kolonien und schilderte dann in einer eingehenden längeren Rede die Art der Zusammensetzung der Gesellschaft in Palästina. Insbesondere besprach Redner die Stellung des jüdischen Arbeiters und führte aus: Die zionistische Organisation hat die Pflicht, dem Problem des jüdischen Arbeiters in Palästina besonderes Interesse zu widmen, um durch ihre Institutionen 'möglichst für eine Besserung der Lage der jüdischen Arbeiter zu sorgen, sowie dafür, daß der jüdische Arbeiter im Lande und in der Gesellschaft die Stellung einnehme, die ihm zukommt. Ich will damit nicht sagen, daß die zionistische Organisation sich etwa in die Differenzen einzumischen hätte, die in Palästina wie in allen Ländern zuweilen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern Vorkommen. Der jüdische Arbeiter in Palästina ist aber ganz allein auf sich gestellt, und während in allen Kulturstaaten die Regierungen oder die gesellschaftlicher Initiative entsprungenen Organe durch Gesetze oder durch soziale Hilfsarbeit für eine Besserung der Lage des Arbeiters wirken, existiert in Palästina noch keine soziale Instanz. Run glauben manche, daß die Forderungen der jüdischen Arbeiter zu hoch geschraubt sind und daß sie deswegen im Lande nicht festen Fuß fassen könnten. Das ist eine oberflächliche Ansicht. Es ist gewiß wahr, daß der jüdische Arbeiter meist in einem gewissen Grade Kulturmensch ist und daß er mit dem äußersten Minimum, das dem Fellachen genügt, nicht existieren kann. Aber das ist ja gerade sein großer Vorteil: Die Quantität des höheren Lohnes wird durch die Qualität der Arbeit mehr wie wett gemacht. Redner besprach dann die Notwendigkeit der Errichtung menschenwürdiger Wohnräume, Leihkassen, Volkshäuser usw., die nicht einzelnen Arbeitern, sondern den Arbeiterorganisationen zugute kommen müßten. In Palästina haben sich jetzt Pioniere gefunden, die ihr Leben auf das Spiel setzen, das sind die Wächter, Schomerim genannt, die das jüdische Hab und Gut verteidigen. Das sei eine Tatsache, die uns in ihrer Erhabenheit staunen mache. Für die Bewegung brauche man in erster Linie Menschen, für die Menschen Boden und zur Erwerbung des Bodens Geld. Das seien die drei Grundpfeiler. Redner schloß mit folgenden Worten: „Wenn wir uns vergegenwärtigen, was im Laufe der letzten dreißig Iahre im Lände unserer Zukunft geschaffen worden ist. so empfinden wir jene große seelische Befriedigung, die nur aus einer gewissen Vollendung einer großen Arbeit kommt. Wir fühlen jene Genugtuung über unser Werk, weil wir nun wissen, daß wir aus dem Stadium des Anfanges heraus sind und uns mitten im Aufbau eines neuen Lebens befinden."