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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-09-05 · 36 (5.9.1913) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
36 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 636 Dr. Mochs Wochenschrift Nr. 36 schon die unbestimmten Umrisse, den Werdegang und die Entwicklunsbahn der Zukunft, all nt man ja schon das Maß des Wahrscheinlichen und vergleicht man ja schon naturgemäß die verschiedenen Größen. Kann der Zionismus das Leben der Diaspora ändern? Diese schicksalsschwere Frage drängt sich unabweisbar in unsere Seele. Geeherter Kongreß! Ich will Ihnen zur Beantwortung dieser Frage, dem Jammerbild der Zerrissenheit und Ratlosigkeit der Diaspora, ein anderes Bild entgegensetzen: die Diaspora, geographisch wohl zerstreut, aber durch die Existenz eines lebendigen Zentrums geeint; die Diaspora, wenn auch noch mit ihren von außen hereinbrechenden Leiden, aber ohne ihr Kleinsein, Demütigsein, ohne ihr Versinken, ohne ihre innerliche Untertänigkeit, ohnmächtige Unterwerfung, ohne Assimilation, die Diaspora mit einer wirklichen jüdischen Solidarität. Der Gedanke ist uns fern, in dem Leben unseres Volkes in der Diaspora nichts als Schatten zu sehen. Nein, so hoffnungslos ist die Sache nicht, und dem, der näher zusieht, wird es trotz alledem klar, daß das Judentum auch in der Diaspora die Möglichkeiten einer Entwicklung in sich trägt, wenn es nur verstehen würde, einen Mittelpunkt in Palästina zu gewinnen und die Einheitskeime in sich zu finden und zur Entfaltung zu bringen. Das Judentum trägt eine innere Sehnsucht nach Befriedigung eines seelischen Triebes in sich, eines Triebes, der ihm sagt: du bist zu etwas höherem geschaffen. Es hört, ob es will oder nicht, diese Stimme in seinem Innern. Es fühlt etwas, aber es weiß noch nicht, was ihm fehlt. Fragt jeden beliebigen Juden, er mag dem Zionismus noch so fern stehen, ob wir jüdische Solidarität brauchen und er wird ihnen sagen: Wir brauchen sie wie das liebe Brot. Aber was er noch nicht weiß, ist, daß eine jüdische Solidarität ohne Nationalbewußtsein eine Unmöglichkeit und das Nationalbewußtsein wiederum nur durch den Zionismus eine dauernde Grundlage gewinnt. Zu keiner Zeit war es wichtiger und notwendiger als jetzt, daß wir für die Selbstverteidigung eine geschlossene Einheit bilden, selbstverständlich unter strenger Wahrung unserer staatsbürgerlichen Pflichten. Es fehlt aber das zu voller Einigung und einträchtigen Zusammenwirkens unumgänglich notwendige Volksbewußtsein, das allein eine große Organisation schaffen und erhalten kann. Wir Zionisten haben eine solche Organisation, die mit der Zeit uns die Mittel liefern wird zu vollständiger gemeinsamer Wahrnehmung unserer Lebensinteressen, zu gemeinsamer Beratung, zur Herbeifü.hrupg .. eines „ möglichst,,einmütigen ..Vorgehens auf allen Gebieten der Volksrettüng. Dieser Gedanke muß sich im Gesamtjudentum Bahn brechen. Sämtliche Moralpredigten über die Notwendigkeit jüdischer Solidarität sind sonst in den Wind gesprochen. Man mag hie und da etwas Philanthropie treiben und sich gegen Pogrome, wenn sie star'ä auf die Nerven gehen, entrüsten; aber mit der Zeit wird auch die Entrüstung abgeschwächt. Man zuckt nicht mehr zusammen, man zürnt nicht mehr, man nimmt die Dinge mit einer gefühllosen Selbstverständlichkeit hin, die schaudern macht. Und doch könnten wir uns zuweilen auch in der Diaspora mit Erfolg verteidigen, aber uns fehlt die erfrischende nationale Welle, die suggestive Kraft eines Mittelpunktes, die synthetische Zusammenfassung aller Lebenskräfte und Lebenserscheinungen in einem festen und einheitlichen Prinzip der Volkserhaltung. Ohne palästinensischen Zionismus würde das Nationalbewußtsein nur eine leere Abstraktion sein. Durch Palästina führt es sich in die Wirklichkeit ein. Die Verbindungsbrücke zwischen Zionismus und dem Diasporaproblem ist das jüdische Nationalbewußtsein. Hier stehen wir auf dem festen Boden eines Programms. So kann und wird uns Palästina auch hier helfen, indem es.- eine jüdische Solidarität schaffen wird. Eine Wechselwirkung tritt zwischen dem Zentrum- Ideal Palästina und der Umkreis-Wirklichkeit; Diaspora ein. Das Tun gehört noch der Diaspora, der Impuls Paläs ina. Alles versammelt sich in diesem Gesichtspunkt: Juden verschiedener Stände und Parteien werden durch ihn in gleicher Pflichtmäßigkeit an den allgemeinen Zweck herangezogen, ihre Bahnen begemen sich. Der Wille zum Leben tritt in Permanenz. Wir sind nicht mehr ein enthaupteter Körper, wir können nicht mehr stückweise vertilgt werden. Dieser Waniel ist mehr als irgend eine Tat; es ist eine Aenderung der Denkungsweise, eine Umwertung aller Werte, ein Umschwung, der der ganzen jüdischen Selbstverteidigung in der Diaspora eine einheitliche Richtung gibt. Der sicherste Weg, der zu diesem Ziele führt, ist die nationale Erziehung zur Einheit. (Lebhafter Beifall). Freilich dürfte das Prinzip der nationalen Solidarität, wie es soeben angedeutet wurde, noch allzusehr der praktischen Klarheit und Anwendbarkeit entbehren. Es dürfte die Frage aufgeworfen werden : was,heißt es, mit den anderen Juden solidarisch zu fühlen und zu handeln? Bis zu welchem Grade soll der einzelne Jude verpflichtet sein, sein eigenes Wohl, wenn es mit den Interessen anderer Juden in Konflikt kommt, denselben aufzuopfern? Diese Fragen werden sich in einzelnen konkreten Fällen mit größerer Bestimmtheit beantworten1 lassen, äls in der Allgemeinheit, mit welcher sie hier aufgestellt sind. Es wird leider der Fehler einer jeden zusammenfassenden Formel in der Moral eine gewiße Unbestimmtheit bleiben, und dennoch wird man auf die allgemeinen Formeln nicht verzichten können. Die Berücksichtigung einzelner bestimmter Fälle dürfte nur ein Katechismus nationaler Pflichten bieten können, von diesem Standpunkte aus eine der verdienstvollsten Aufgaben für unsere nationalen Denker und Führer. Im Uebrigen werden sich trotz alledem einige bestimmte Grundsätze aufstellen lassen. So wird alles, was zur dauernden Erhaltung und zum Wohlsein unserer Nation beizulragen geeignet ist, der Befriedigung eines ihrer momentanen, vorübergehenden Bedürfnisse, jeder dauernde Nutzen einem kurzen Genuß vorzuziehen sein. Ferner: alles, was für die Interessen eines großen Teiles der Nation erforderlich ist, wird höher geschätzt werden müssen als das, was die Interessen weniger fördert. Der national empfindende Jude wird den Wert der einzelnen Faktoren der Interessen seines Volkes abwägen und zugleich die natürliche unzertrennlche Verknüpfung einzelner vorübergehender, geringerer und auf wenige beschränkter Annehmlichkeiten und Genüsse mit dauernden, heftigen und über viele verbreiteten Leiden sowie den ursächlichen Zusammenhang, der häufig zwischen geringen Schmerzen und dauerndem Wohlsein besteht, in Erwägung ziehen müssen. Es wird oft ernster Ueherlegung, gegenseitiger Beratung zahlreiher, durch Menschenalter gesammelter Erfahrungen bedürfen, um in manchen Verhältnissen das Rechte zu treffen und vor allen Dirnen wird es von großer Bedeutung sein, die Neigungen und Bedürfnisse der einzelnen Vokskreise, Naturen und Charaktere zu studieren, damit man bei dem redlichsten Streben für das Wohl des Volkes nicht in die Lage mancher Regierungen kommt, welche ihre Untertanen wider ihren Willen glücklich zu machen versuchen, indem sie ihnen, in der Ueberzeugung höherer Einsicht, vorschreiben, worüber sie sich glücklich zu fühlen haben. Bedauerlicherweise treten zuweilen Aspirationen dieser Art seitens westeuropäischer Juden im Verhältnis zu ihren osteuropäischen Brüdern in Erscheinung. Dazu brauchen wir eine nationale Erziehung. Wird der Jugend durch die Erziehung die Ueberzeugung eingeflößt, daß wir ein Volk sind, dessen Mitglieder gegenseitig Pflichten und Aufgaben haben, daß selbst in dem schwächsten unter uns die Kraft liegt, dem Volke Gutes zu tun, wird ein lebhaftes Interesse am jüdischen Volke überhaupt und ein allgemeines jüdisches Empfinden geweckt, so würden Männer heranwachsen, die anstatt eines mattherzigen Geschehenlassens die Selbsthilfe a's ihre Devise aufnehmen würden. -- Man wird—durcheine "nationale' Erziehung viel ' zur Ausbildung dieser Gesinnung tun können, und besonders Charaktere von glänzenden Fähigkeiten und einer gewissen natürlichen Größe und Kraft körn te man durch Erweckung eines hochherzigen, uneigennützigen Stolzes zum Segen unserer Nation, der Verteidigung seiner berechtigten Interessen dienstbar machen. Es liegt in der Macht der Erziehung, Geister dieser Art durch den Hinweis auf die Taten großer Männer zu edlem Wetteifer anzusporn^n und in ihrem Innern ein reineres und höheres Gewissen zu erziehen, ein Gewissen, das unabhängig ist von dem Urteile kurzsichtiger Zeitgenossen. Man müßte sie lehren, ihre Taten und Gesinnungen innerlich zu prüfen, ob sie jene großen Volksgenossen billigen könnten, welche die Bannerträger und Märtyrer der jüdischen Nationalität gewesen sind. Es wird sich in ihnen ein reineres Gewissen und ein weiter Blick in Vergangenheit und Zukunft entwickeln lassen, ein Blick, welcher Festigkeit aus den Vorbildern der Vergangenheit zu schöpfen und sich selbst an dem erhofften Beifall späterer erleuchteter glücklicherer und freierer Geschlechter unseres Volkes in der Zukunft zu weiden imstande ist. So imaginär der Beifall von Vergangenheit und Zukunft von Menschen, die nicht mehr sind, und solchen, welche erst kommen sollen, zu sein scheint, so ist doch auf alle großen Geister, vielleicht bis zu einem gewissen Grad auf alle Menschen, das Vorbild von Leistungen der Vergangenheit — unser »S’chuth Aboth« — und die Hoffnung auf den Nachruhm und das Nachwirken ihrer Ideen in fernen Jahrhunderten ein bedeutender Antrieb zu ihren großen Leistungen und Taten gewesen, und dieses Streben, es der Vergangenheit gleich zu tun und der Zukunft zum Vorbilde zu dienen, war ein wesentlicher und vielleicht der glänzendste Teil jüdischer Leistungen. , Deshalb ist auch die Ueberzeugung von der Sicherheit einer Zukunft des jüdischen Volkes eine Vorbedingung für die psychologische Möglichkeit einer aufrichtigen Gesinnung und energischen Tä igkeit in der Gegenwart. * Gleichwohl kann die nationale Erziehung nur die Keime z.ur Entwicklung edler Charaktere in die Jugend legen können; die .Ausbildung dieser Keime muß immer dem Leben und eigener Anstrengung überlassen sein. Wenn der junge Jude die Bitternisse ’ des Goluth schon in seinen Kindesjahren zu spüren bekam und auf eine gewisse Selbstverteidigung angewiesen war, so wird er doch erst als selbständiger Mensch sich der ganzen Schwierigkeiten und Gefahren bewußt, welche seine festesten Grundsätze bedrohen.; Der eine oder der andere wird vielleicht der Versuchung nicht Widerstehen können und durch Febereilung, durch Unkenntnis der

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