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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-09-05 · 36 (5.9.1913) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
36 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 36 Dk Mochs Wochenschrift. Seite 635 6iii6ii Nährboden verschafft, richtet das jüdische Volk seinen flammenden Protest. (Lebhafter Beifall.) Das ganze Phänomen des Goluth ist in der Zähigkeit dieser absurden Verleumdung enthalten. Nichts kann sie widerlegen, weder die Bullen der Päpste, noch die Dekrete der Könige. Der Autorität der Päpste ist groß, aber der Judenhaß ist noch größer; die Macht der Regierungen istbedeutend, ■ aber die Macht der Finsternis ist noch bedeutender. Der Entrüstungschor großer europäischer Aeropage, der die Schmach zu tilgen hoffte, hat nichts vermocht. Hat der Judenhaß diese pikante Würze nötig, so wird er sie benützen. Die Verfolgungswut ist nie um neuen Brennstoff, der die Flamme des Hasses nähren . soll, verlegen. Dafür ist die Blutlüge geradezu ein Schulbeispiel. Wir haben es bei den Verfolgungen mit einem Entwicklungsprozeß zu tun und da muß noch eine Erscheinung im jüdischen Leben in der Diaspora erwähnt werden: der Boykott gegen die Juden in Polen. (Mehrfaches Pfui.) Ein Teil jenes alten Polenreiches, das seit seinem Bestehen eine -hervorragende Rolle in der Geographie der jüdischen Diaspora spielte, ist seit einem Jahrhundert ein Bruchstück des sogenannten Ansiedlungsrayons geworden. Phantasie oder Tendenz mochten diesen Teil als eine Art eines „Landes Goschen in Mizraim“ bezeichnen. In Ländern, in denen schon das nackte Dasein einen Luxus darstellt, den sich nur ein Mensch leisten kann, der zur ersten Kaufmannsgilde gehört, mag ein Ort, in dem diese Bedingung nicht erfordert wird, als ein Arkadien der Emanzipation gelten. Tatsächlich darf ein Jude auch in diesem Arkadien nicht auf dem Lande wohnen, wo der Boden einem Bauern gehört, wird nicht, wenn er Handwerker ist, in die bestehenden Zünfte aufgenommen, ist mit bezug auf die Erziehung seiner Kinder von Ausnahmegesetzen umringelt. Auch die Furien der großen Pogrome hatten dieses Land verhältnismäßig verschont. Im ganzen wären nur zwei bedeutende Pogrome, Warschau 1881 und Siedlec 1906. Ersterer war zweifelhaften Ursprunges; .letzterer war ein Glied in der Kette sogenannter militärischer Pogrome. Wir dachten nie daran, wegen dieses Zustandes mit der polnischen Nation zu rechten. Die polnische Nation ist selbst eine leidende Nation, die krampfhaft bemüht ist, unter schweren Bedingungen ihre Existenz zu erhalten. Alle unsere Sympathien sind auf seiten der Leidenden. Wir mochten auch annehmen, daß dieses Volk einen ganz and.erep, , Zustand schaffen.. .>vürdH» w^nn.. es zum. . Schmied seines eigenen Schicksals geworden "wäre. Virtuosen eines Optimismus, der an Selbsttäuschung grenzt und der gewissermaßen eine Notwendigkeit der Existenz im Goluth geworden ist, malten sich die Zukunft in rosigen Farben aus. Wenn irgendwo in der Diaspora eine sehr lange Seßhaftigkeit gewisse Zusammenhänge schafft und das Phantom von Eindringlingen lächerlich erscheinen läßt, so ist es dieses Land der alten „Arazoth“ und ,,Kehilloth“. Eine Invasion oder eine Ueberflutung ist die Ausgeburt einer bösartigen Phantasie, die mit Unwissenheit gepaart ist. Wohl sind mehrere Gruppen schwer bedrängter Juden aus anderen Teilen der östlichen Gouvernements nach diesem Teil gekommen, es dürfte aber begreiflich sein, daß dieses keine Lustreise und kein Argonautenzug war. Im Lichte der Geschichte betrachtet, sind es ja die Bewohner früherer Teile Polens; im Zusammenhänge mit der Martyriologie sind es Flüchtlinge der Verfolgung; volkswirtschaftlich ist dies ein Element, das sich durch großen Gewerbefleiß auszeichnet. Diese Einwendung ist eigentlich Nebensache. Die Agitation bemächtigte sich dieses Motives, weil es mehr geeignet ist, durch die Aufbauschung harmloser Dinge, mit allerlei sensationellen Details ausgeschmückt, durch alberne, in sich zusammenfallende Behauptungen, die den „fremden“ Juden eine ungeahnte Mission und Agentenrolle einer fremden Unterjochungspolitik zuschreiben, den Haß und die Volksleidenschaften aufzupeitschen. Es ist dies das bekannte Rezept der Judenhetze, das in Deutschland die Ostjuden, in Frankreich die deutschen Juden und in England die „Aliens“ zum roten Tuch macht. Die Phantasie des Hasses lechzt nach diesem Effekt; wäre dieser Effekt nicht da, es müßte ein anderer geschaffen werden. So ist es auch eine spießbürgerliche Kurzsichtigkeit, anzunehmen, daß die Dumawahlfrage die Verfolgung hervorgerufen hat. Eine solche Auffassung zeugt von einem Mangel sozialpolitischen Verständnisses. Die Ursachen liegen tiefer. Was wir in Polen sehen, ist ein Kampf eines reaktionären und aggressiven Nationalismus, der mit souveräner Ignorierung aller historisch gebenen Voraussetzungen, sittlichen Prinzipien und humanitärer Erwägungen. eine systematische Vertilgung des jüdischen Volkes durch Aushungerung anzubahnen bestimmt ist. Es wird von einem jüdischen Chauvinismus gefaselt. Demütiger war leider noch nie ein Nacken gesenkt, des Rückgrates Schmiegsamkeit .; War leider nirgends größer als unter -unseren dortigen Brüdern. Wenn sie nun jetzt vor der kleinlichen herrschsüchtigen Bevormundung, engherzigen Freiheitsbeschränkung, Verhetzung, Verrohung des öffentlichen Lebens, Aufstachelung der niedrigsten Triebe des Rassenhasses, Beschränkung und Zurücksetzung in der städtischen Selbstverwaltung nicht auf dem Bauehe kriechen und nicht mit heuchlerischer Liebedienerei die Schmälerung hochbedeutsamer Menschenrechte willig akzeptieren, wenn sie nicht Mamelucken und Marionetten der polnischen nationalistischen Partei sein wollen, sondern ihre Rechte und die Individualität ihres Volkstums ehrlich verteidigen und wahren, so sind sie Schädlinge. Nach der bekannten Maxime: „Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlage ich dir den Schädel ein“ ist die Boykottagitation eingeführt worden. Es gab ein Hetzen, nach Rache förmlich kreischend, ohne daß wir gewußt haebn, welche Schuld den Juden beigemessen worden ist, außer der Schuld ihrer Existenz. Die Juden appellieren gegen die Lüge an die Wahrheit und gegen die Diktatur des Antisemitismus an den humanen Sinn und der oft gerühmten Ideale des schwergeprüften polnischen Volkes. Sie erklärten, es sei Wahnsinn, hoffen zu wollen, Polen könne seine Wohlfahrt fördern, indem es die Juden bekämpft; es sei Wahnsinn, zu glauben, l'olen könne des Friedens, der Ruhe, der Sicherheit genießen, wenn es die Rechte des jüdischen Volkes mit Füßen tritt. Kein Widerhall. Wir müssen aber trotzdem damit rechnen, daß wir eine neue Art jüdischer Märtyrer haben werden: Boykottopfer, neue, irrende, suchende, bangende Mensche >k die an den Bettelstab gekommen sind. Sie stieren wirren Blickes in die Ferne. Bald wird man ihnen in Westeuropa, in England, in Amerika, in Südafrika begegnen. Das ist auch der Zweck des Boykotts: Judenaustreibung auf indirektem Wege. Ob die Einwanderungsgebiete, die neuen und sehr zahlreichen Emigrationskandidaten aufnehmen werden, läßt sich nicht sagen. Die Tendenz ist nicht sehr günstig. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die ökonomischen Möglichkeiten für die jüdischen Massen in Amerika sehr groß sind. Ich stehe persönlich unter dem frischen Eindruck großer Genugtuung, wie sich unsere Brüder drüben in den neuen Lebensbedingungen mit Geschick und mustergültiger Tüchtigkeit und auch mit einem wachsenden Interesse für Judentum und Zionismus mehr und mehr zurechtfinden. Aber man möge nicht die Errichtung einer Heimstätte für die jüdische Nation dort erwarten. Genug, daß unsere Brüder dort dem Amalgamierungsprozeß widerstehen, daß sie unter sich jüdischen Sinn, jüdisches Wissen, jüdisches Leben in der heranwachsenden Jugend mit großen Opfern und großer Tatkraft nach Maßgabe des Möglichen erhalten. Von hier soll aber der Notschrei unseres bedrängten Volkes ein volltöniges Echo hervorrufen. Das jüdische -Volk vereinigt sich mit jenem bedeutenden Teil seiner Söhne, die jetzt so schwer leiden und es wird sich gegen den Ansturm des wilden Hasses mit großer Willenskraft verteidigen. Die in ihren Mitteln nicht wählende ruchlose Agitation hat es auch jetzt nicht leicht, den. Besitzstand, die Erfahrungen, den rastlosen Fleiß, die ungeheueren Leistungen der Juden für das Erwerbsleben Polens mit einem 'Male zu vernichten; sie greift deshalb zu immer wilderen Ruchlo igkeib*n und scheut m h nicht die wirtschaftlichen Grundlagen des Landes zu erschüttern, um nur den eigenen Haß und die Habgier zu befriedigen. Gegen eine solche Strömung ökonomischer Pogrome kann unser Volk nicht gleichgültig bleiben. Selbstwehr gegen Angriffe, wirtschaftliche Stärkung gegen das System der Vertilgung und Proletarisierung! Aufrüttelung aus der Apathie, energische Abwehr und zu diesem Zwecke — Einheit. (Beifall.) Wir laufen jedoch Gefahr, im Chaos der Diaspora zu zersplittern, wenn wir nicht einen festen Kreis ziehen. Hier komme ich zu dem eigentlichen Zweck meiner Ausführungen. Man macht uns Zionisten den Vorwurf, daß wir in der Kritik stark, im positiven Programm der Diaspora hingegen schwach seien. Wir sind gewohnt, die Lage des jüdischen Volkes zu schildern. In der ersten Zeit mochten wir den Eindruck wecken, als ob wir prinzipeile Unglücks - Propheten wären. Jetzt stoßen wir auf keinen Widerspruch mehr. Wir haben leider Recht behalten. Aber zwischen den Prämissen und den Schlußfolgerungen scheint noch immer ein Abgrund zu gähnen. Wie wollt ihr, fragt man uns, durch eure Kolonien in Palästina die Leiden des jüdischen Volkes, die gewaltigen Konflikte der Judenfrage in der Diaspora beseitigen? Und ich unterstreiche und betone mit allem Nachdruck: Man fragt besonders uns, die wir eine dem praktischen Leben näher gerückte Richtung des Zionismus vertreten. Denn so lange der Zionismus nur eine abstrakte Idee war, mochte der Gegensatz der Maßstäbe gar' nicht ins Bewußtsein dringen. Eine abstrakte Idee kennt eben keinen Maßstab. Aber so konnte es ja nicht bleiben. Sind wir ja schon an der Arbeit, sieht man ja

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