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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-09-05 · 36 (5.9.1913) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
36 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite «34 Dr. M-chs MMnfchrjft. österreichische Lämelschule, die Subventionen für das Jaffaer Gymnasium, das vom Vertreterkollegium bereits beschlossene Palästina-Komitee, sowie auf die Unterstützungen, die der Vezalel und die Pemenitenfürsorge durch unser jüdisches Museum und unseren Kolonisationsverein erfahren, Institute, die ja auch mit unserer Kultusgemeinde in engster Verbindung stehen. Herr Prof Marburg ging aber noch weiter. Hatte er schon mit einer sehr glücklichen Wendung unsere „K u l t u s"gemeinde als eine „K u l t u r"gemeinde bezeichnet, so pries er sie ausdrücklich als eine jüdische Gemeinde, die nicht nur den jüdischen Kultus, sondern ganz besonders auch die jüdische Kultur pflege und deren Verwaltung mustergiltig und maßgebend werden möge für die Institutionen und Anstalten, die der Zionismus zu schaffen und zu erhalten sich angelegen sein lasse. Die Referate. Das erste Referat erstattete das Mitglied E. A. K Nah um Sokolow: „Geehrter Kongreß! Die Schwierigkeit, das jüdische Lehen zu überschauen, ln großen Linien zu schildern und in abgemessenen Proportionen als Züge eines Bildes darzustellen, liegt auf der Hand; sie liegt eben in der Sache selbst. Die Diaspora ist ein Chaos. Vor dem Auge des Beobachters huschen zusammenhanglose Schattenbilder flüchtig vorüber. Die •mannigfaltigsten Verwicklungen der Judenfrage, die Not und das Elend in den verschiedensten Formen, die Verfolgungen, die Ausnahmegesteze, die Wanderungen, die inneren Zwistigkeiten und dergleichen lassen sich nicht in ein System bringen. Vergebens sucht der ordnende Sinn nach einer Formel. Nichtsdestoweniger dürfte es hier Pflicht sein, wenigstens den Versuch einer solchen Schilderung zu machen. Wo soll denn sonst die Lage des jüdischen Volkes geschildert werden? Wo ist denn sonst eine Tribüne, von der aus das jüdische Volk über seine Angelegeiiheiten offen spricht? Wäre außer dieser Tribüne, die dem Zionismus geweiht ist, noch eine andere irgendwo in der Welt vorhanden, die für die Gesamtinteressen des Volkes bestimmt wäre, dann könnte vielleicht der Gedanke aulkommen, wir täten besser, das allgemeine Problem jener anderen Tribüne zu überlassen. Der Gedanke könnte aufkommen, richtig wäre er nicht. Denn für uns ist eben der Zionisinus die einzig richtige und gründliche Lösung des Juden- Problems und nichts ist natürlicher, als daß wir uns mit diesem Problem eifrig beschäftigen. Haben wir uns doch immer bemüht, das jüdische Empfinden und die Erkenntnis des wahren Zustandes unseres Volkes auf eine höhere Stufe zu heben, nichts zu bemänteln und zu verschweigen, sondern der Wahrheit mit kühnem Mut ins Auge zu schauen. Wir tun dies mehr für uns, als für die Fernstehenden. Der zionistische Kongreß ist unser Forum und wir laden uns selbst vor das Tribunal unseres Gewissens. Möge die Außenwelt uns hören; wir wünschen nichts sehnlicher. Wir bedienen uns deswegen verschiedener Sprachen. Wir haben keine- Mysterien, wir sind nicht in Nebel gehüllt, klar und deutlich kommt die Pein unseres Volkes durch unseren Mund zum Ausdruck, weil wir seine Qualen tief im Herzen tragen und ebenso. klar zeigen wir den Weg der Rettung. Möge die Welt hören — aber vor aU«nr und im wesentlichen gilt der Bericht uns selbst, damit wir Einkehr in unser Gewissen halten und nachzudenken beginnen. Wie sieht das jüdische Leben in der Diaspora jetzt aus? Ein Tohuwabohu. Ziellos, zersplittert, dem Zufall preisgegeben, wie ein Blatt, mit dem der Wind spielt. Stumpfsinnige 'Unterwerfung unter Knechtschaft, Schmach und Elend. Als ob ein böses Geschick mit eiserner Faust ihm seine Schicksale vorschrieb und seine Schrift in lapidaren Lettern in die Tafeln seiner Geschichte graben würde. Das einzige gemeinsame Merkmal, das an allen Teilen dieses Wirrwarrs wahrgenommen werden kann, ist — die düstere Trauer. Die Mehrheit des jüdischen Volkes leidet .jetzt mehr als es seit langer Zeit gelitten hat. Bei der Beurteilung der Lage eines Volkes dürfte zweifellos der Mehrheitsgrundsatz entscheiden. Wir müssen also feststellen, daß das jüdische Volk schwer bedrängt ist. Das Elend umklammert unsere Volksmassen immer fester. Aus dem Stadium der Exzesse ist das Volk in das Stadium , des Niederganges übergegangen; aus der akuten Krise ist die schleichende geworden. Unser Haus ist baufällig geworden, und wir benötigen ein sicheres, schützendes Dach. Inzwischen siechen die einen im Ghetto dahin, . während die anderen wie ein gescheuchtes Wild in ferne Zonen ziehen. Ein anhaltender Notstand wächst lawinenartig ganz von selbst; die Widerstandskraft erlahmt, der erhabene Trotz, früher in Kampf und Not gestählt, senkt schließlich sein stolzes Haupt vor den düsteren Mächten des Lebens.“ Es ist aber nicht nur die Zeit selbst, es sind auch schicksalsschwere Ereignisse, die den Kreis des Elends immer weiter ziehen. Dort, wo sich der wandernde Menschenström beständig hin- und herwälzt, begegnet man in letzter Zeit neuen Gestalten, die durch das Gewühl der Häfen müde und ziellos umherschweifen: Balkanjuden. Mit stummer Gebärde ziehen sie vorbei, die armen sephardischen Juden, die so hart getroffen, durch die Kriegsfurien und die Zerstörungswut verscheuchte Menschen. Ihr Spaniolisch verstehen die anderen Juden nicht, das Yiddisch der anderen Juden verstehen sie nicht und sofern Hebräisch1 nicht verstanden wird, bleibt nur die Mimik als Verständigungsmittel. Eine Goluthpantomime. Aber der Schwerpunkt des Volksleids liegt nicht etwa in den blutigen Launen der Weltgeschichte, in Kriegsausbrüchen und Verwüstungen, die von entfesselter Leidenschaft angerichtet werden. Das sind Konflikte, Spannungen und Katastrophen vorübergehender Art. Wenn es einen Zustand gibt, der viel mehr die Trostlosigkeit der Lage darstellt, so ist es derjenige, der inmitten tiefsten Friedens im jüdischen Ansiedlungsrayon des europäischen Ostens herrscht, Es ist ein Kriegszustand inmitten tiefsten Friedens, ein Kampf, der mit allen Waffen eines wütenden Hasses, einer rücksichtslosen Verfolgung, raffinierter Ausnahmegesteze und grenzenloser Willkür gegen die ganze jüdische Bevölkerung geführt wird. Mit einer Entschiedenheit und mit einer Folgerichtigkeit, die man an den Elementen einer Reaktion nur sehr selten wahrzunehmen Gelegenheit hatte, werden Schritt für Schritt die Quellen des materiellen und geistigen Lebens, des Erwerbs, der Aufklärung, der Erziehung, der Menschen- Würdigkeit, der Sicherheit des Daseins, der Selbständigkeit, der Entwicklung und eines edlen Wettbewerbes systematisch verstopft und verriegelt. Die noch vorhandenen Ueberreste beschränkter Existenzmöglichkeiten werden bis in ihre dunkelsten Tiefen verfolgt und vernichtet. Das ist. das tägliche Brot des: osteuropäischen' Juden. Nun aber gibt es spezielle Prämien. Das Blutmärchen. (Stüi mische Pfuirufe im ganzen Saal.) Die Rotten der schwarzen Hundert, Messerhelden und Hetzbanditen haben aus dem alten Arsenal blödsinniger mittelalterlicher Schauermären, Dämonenvorstellungen, Hexenglaubens, Ketzerverbrennungen, Zauberschwindels und des ganzen Hokus- pokus, durch den das finstere Mittelalter dem Hohne aller Zeiten verfallen ist, jene Waffe gegen uns zum Kämpfe hervorgeholt, die das widrigste Bild einer verwilderten Phantasie darstellt: die Blutlüge. Ist es Wirklichkeit? Man könnte eher an ein Phantom denken. Es kam anfangs so unglaublich und läppisch vor, es schien so unwahrscheinlich, daß der Menschengeist heutzutage sich mit diesem nächtlichen Spuk ernstlich befassen würde. Nun hat sich dieser Haufe von Unmöglichkeiten zur vollendeten Tatsache der Anstrengung eines Prozesses verdichtet. Ein ganzes Volk wird in Atem gehalten, in drückender, spannender Erwartung einer Gerichtsverhandlung wegen eines rituellen Mordes, der durch eine Verkettung von Lügen und Klatsch dem Juden Beilis zugeschrieben wird. Bekanntlich fehlt für diese Anklage jeder Anhalt, ja auch nur der Schein einer Begründung. Jeder von uns könnte in derselben Weise wie der Jude Beilis auf die Anklagebank gesetzt werden. Die Schuld des Juden Beilis ist genau so groß wie die unselige Sie besteht darin, daß wir Juden sind; deshalb möchte man uns unter Wutgeheul und Hohnrufen das Mal auf die Stirn drücken. Es ist' dies eine verbrecherische und ruchlose Herausforderung des Gesamtjudentums der. Welt. Es ist dies eine gemeine Verzerrung und Verunglimpfung der erhabenen Moral jüdischer Lehren, welche die Grundlage menschlicher Gesittung bilden. Daß wir diesem Bestiälismus, der durch die Verbreitung wilder Anklagen seine Orgien 'gegen uns. feiert, etwa apologetisch entgegentreten, dieser Gedanke allein genügt, uns die Schamröte ins Gesicht zu treiben. Unser ganzes Selbstgefühl bäumt sieh auf, unsere ganze Zornesglut lodert auf und der bedrückten Brust entringt sich ein gewaltiger Aufschrei; der in uns beleidigten Menschheit. Wir weichen voll Eckel und Entsetzen vor dieser abgrundtiefen Niedertracht zurück. Nicht gegen diese Absurdität, die sich selbst richtet, sondern gegen das. System; das einen solchen Blödsinn

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