Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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S-u- 632 Dr. Mochs Wv»«ischM. Nr. SS Der Elfte internationale Zionistenkongrrß. Wien, 2. September. Heute hat der Elfte internationale Zionistenkongreh, der sechs Tage währen wird, seinen Anfang genommen. Die Beteiligung ist ungemein groß und es sind tatsächlich alle Länder der Welt vertreten. Der Kongreh hat alle großen Saallokalitäten der Stadt für seine Zwecke gemietet, vor allem den Musikvereinssaal und die Katharinenhalle im Dreherpark in Meidling. Die Zahl der Besucher des Kongresses ist bis heute auf 9002 gestiegen. Insgesamt sind 550 Delegierte von zionistischen Organisationen aus allen Ländern und Erdteilen erschienen. Mit dem Kongreß ist eine Ausstellung des jüdischen Nationalfonds, der Kunstgewerbeschule Bezalel in Jerusalem, des jüdischen Verlages, des Verbandes jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina verbunden. Das Vermögen der zionistischen Organisation. Heber die finanziellen Machtmittel der zionistischen Bewegung, gibt der Bericht, den der Arbeitsausschuß der Zionistischen Organisation dem XI. Zionistenkongreß in Form eines schön ausgestatteten Werkes, das im Jüdischen Verlag, Berlin, erschienen ist, erstattet hat, Auskunft. Daraus ergibt sich, daß das Haupt- Bankinstitut der zionistischen Bewegung, die in London ansässige Jüdische Colonialbank, zurzeit ein Kapital von über 5l/2 Millionen Mark, die beiden anderen Bankinstitute in Palästina und Konstantinopel zurzeit zusammen 2,800.000 Mark besitzen. Der Jüdische Nationalfonds für Landerwerb in Palästina und der neugeschaffene Kulturfonds für kulturelle palästinensische Aktionen verfügen gegenwärtig über ein Vermögen von zusammen 3,530.000 Mark. Dazu kommt eine Reihe besonderer Institute für Spezialaufgaben, die ihr eigenes Vermögen besitzen, so daß sich insgesamt ein Vermögensstand von 12,640.000 Mark ergibt. Zu beachten ist dabei, daß die Einnahmen der zionistischen Organisation sowohl, wie' ihrer verschiedenen finanziellen Institute, in sehr rascher Steigerung wachsen. So betrugen die Einnahmen in der zweijährigen Rechnungsperiode von Mitte 1911 bis Mitte 1913 über 2,372.000 Mark. Das sind sehr stattliche Ziffern, wenn man bedenkt, daß die zionistische Organisation knapp sechzehn Jahre alt ist und daß in den ersten Jahren der Bewegung für die finanziellen Institute, die zum Teil' erst seit ein paar Jahren existieren, nur die Vorarbeiten geleistet werden konnten. Es kann kein Zweifel mehr darüber obwalten, daß der Zionismus, wie immer man über seine theoretische Begründung denken mag, in den nächsten Jahren immer mehr zu einem bedeutsamen Faktor für die Kolonisation Palästinas werden wird. Man darf deshalb den Verhandlungen des XI. Zionistenkongresses, der vom 2.—9. September in Wien tagen wird, mit begründetem Interesse entgegensetzen. D ^Eröffnungssitzung. Unter sehr groher Teilnahme wurde heule um 8 Uhr abends der Kongreß mit einer Festsitzung in der schön dekorierten Katharinenhalle im Dreherpark eröffnet. Der Saal war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt und Hunderte fanden raummangels halber keinen Einlaß mehr. Die Kongreßdelegierten hatten sich vollzählig eingefunden. Unter ihnen befanden sich Vertreter aus China, Kanada und Australien; Palästina ist durch 50 Delegierte vertreten. Der Vorsitzende der Organisation Professor Dr. Marburg (Berlin) eröffnete den Kongreß mit einer Ansprache, in der er unter anderm sagte: Eine ehrfurchtsvolle, feierliche, Stimmung erfüllt uns heute hier bei dem Gedanken, daß wir diesmal unseren Zionistenkongreß in jener ehrwürdigen und schönen Stadt abhalten, von der aus unser großer Führer Theodor H e r z l in die Oeffentlichkeit trat. Durch die Ausstrahlungen seines tiefen Gemüts, seines scharfen Verstandes und seines prophetischen Geistes gelang es diesem gewaltigen Mann, die tausendjährige Zionshoffnung des jüdischen Volkes wieder zu erwecken. Aus ihr, die damals in tiefem Versteck der Volksseele schlafend ruhte, schuf er mit lautem Weckruf eine mächtige, weltumspannende Organisation. Nur 17 Jahre sind seitdem verflossen, aber die Saat, die er streute, ging auf und wuchs zu einem stattlichen Baume heran; in diesen 17 Jahren, kaum einem Augenblicke im Leben eines Volkes, entstand ein vielgestaltiger Organismus von reicher Gliederung und mannigfachen Ansätzen zu weiterer Ausgestaltung. Theodor Herzl gebührt hier an erster Stelle in tief empfundener Würdigung seiner unsterblichen Leistungen für das jüdische Volk der Tribut unserer Dankbarkeit. Seine irdische Hülle betteten wir hier nur allzu früh zur ewigen Ruhe; aber sein Geist schwebt über uns und möge bei unseren Verhandlungen in uns sein, der Geist des echten Zionismus, der Inbegriff jener ewigen Ideen, denen das Leben und die Zukunft unseres jüdischen Volkes gehören. Auch andere Erinnerungen ziehen hier an unserem Geiste vorüber. Hatten sich doch schon in Wien vor Herzl kleine Gruppen jungjüdischer Bannerträger gesammelt, Pfadfinder unserer jüdischnationalen Studentenschaft. Anfangs rangen sie schwer in fast hoffnungsloser Pionierarbeit, jetzt aber haben wir in der ganzen Welt eine wohlorganisierte, stark jüdisch fühlende Studentenschaft, bei deren Anblick uns das Herz aufgeht. Noch ein Name darf hier nicht unerwähnt bleiben. Es ist Perez Smolenskin, ein Meister unserer nationalen Sprache, der hier in Wien in der Vorzeit des Zionismus mit flammender Begeisterung für Palästina eintrat. Kein Zufall ist es, daß gerade in Wien so viele Keime unserer Bewegung sproßten. Sind wir doch hier in der geistigen und physischen Nähe unserer schwer kämpfenden und hart bedrückten östlichen 'Volksmassen. Ein jeder muß hier die ganze Tragik der Heimatlosigkeit der Mehrheit unserer Brüder stark empfinden. Die finsteren Schatten des stummen jüdischen Leides, des Dahinsiechens vieler Millionen unserer Brüder unter unerträglicher Bürde senken sich auch auf unseren Kongreß. Aber bei uns erzeugen sie nicht mehr bleierne Schwermut und brütende Verzweiflung, nein, eine treibende, spannende Kraft geht von ihnen aus, denn unter dem Zeichen des Zionismus eröffnen sich uns weite Wege und hohe Ziele. Die Kongreßperiode, die hinter uns liegt, war die Zeit großer und ernster Ereignisse für das Reich, dessen förderndes Wohlwollen wir für unsere Aufgaben in Palästina in erster Reihe erstreben. Das jüdische Volk, dessen Sympathie für das türkische Staatswesen tief und unerschütterlich bleibt, hegt den sehnlichsten Wunsch, daß die Türkei die jetzige Krise überwinde und als ein machtvolles Staatsgebilde erhalten bleibe, um einer großen kulturellen Erneuerung entgegenzugehen. Was wir in Palästina zum Wohle des jüdischen Volkes erstreben, bildet einen wichtigen Teil dieser Neuentwicklung des Ottomanischen Reiches. Der Redner schilderte dann das Programm, das auf dem System des Baseler Programms aufgebaut ist. In dieser Entwicklungsgeschichte lassen sich drei Perioden unterscheiden. In der ersten Periode verhielt sich die Organisation der praktischen Arbeit in Palästina gegenüber ablehnend. In der zweiten Periode sah man schon ein, daß man praktischer Maßnahmen bedürfe zur Beschwichtigung der Ungeduldigen und zur Heranziehung neuer Kräfte. Die dritte Periode ist bereits die Folge einer völligen geistigen Umgestaltung des Ideenkompleres. der sich unter dem Worte Zionismus verbirgt. Politische Arbeit und praktische Palästinaarbeit greifen jetzt ineinander. Das jüdische Volksleben in Palästina müsse gehoben und erweitert werden, die wirtschaftliche Position in Stadt und Land gefestigt werden. Zu diesem Zwecke sind wir bemüht, die öffentliche Meinung und die maßgebenden Kreise der Türkei von dem friedlichen und kulturfördernden Charakter unserer Bewegung zu überzeugen. Wir können mit Genugtuung feststellen, daß da manche Vorurteile gefallen sind. Hatte die Türkei doch im Laufe der letzten Jahre Gelegenheit genug, die Treue