Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 36 De. Bkochs Wochenschrift. Sette 631 durch Beschluß des Bundesrates die gleiche Vergünstigung auch den Juden eingeräumt.. Die Regierung des Kantons Aargau, der hauptsächlich in Frage kam, weigerte sich jedoch noch bis 1863, diese bundesratliche Verfügung anzuerkennen und in der Exekutive, die den Kantonen überlassen bleibt, tatsächlich durchzusühren. Erst als das Drängen des Bundesrats keinen anderen Weg mehr offen liest, verstand sich der aargauische grohe Rat dazu, den jüdischen Einwohnern seines Gebietes, die in den Gemeinden Eudingen und Lengnau wohnten, das Bürgerrecht zu verleihen. Aber auch der Bundesrat selbst handelte nicht aus freien Stücken, wenn er in seinen Beschlüssen von 1856 und 1863 für die Judenemanzipation cintrat. Auf ihn übte das Ausland einen Druck aus, dem er schließlich nachgeben mußte; Frankreich drohte nämlich mit der Kündigung des Handelsvertrages, wenn nicht den französischen Untertanen jeder Konfession, also auch den Juden, das unbeschränkte Niederlassungsrecht eingeräumt werde. Auch Holland und Amerika traten mit Nachdruck für die Rechte der Juden ein. Ist auch heute noch die Gleichberechtigung der schweizerischen Juden keine lückenlose durch das Schüchtverbot, das die Antisemiten vor zehn Jahren zur Durchführung brachten, so steht die Judenemanzipation in der Schweiz doch keineswegs nur auf deni Papier. Die Judeir find tatsächlich gleichberechtigt und sind in allen Äemtern und Würden v e rt-r e t e n. Auch im Heere finden wir eine große Zahl jüdischer Offiziere. Ein grandioser Plan zur Evakuierung Rumäniens von Juden. Der Direktor der städtischen Wohlfahrtsanstalten in Philadelphia Hermann Loeb hat einen Plan ausgearbeitet und veröffentlichtder den Zweck hat, die gesamten 250.000 Juden von Rumänien in Teras anzusiedeln. Die Aktion würde nach der Aufstellung des Direktors Loeb 10 Millionen Dollar beanspruchen. Loeb erklärt jedoch, daß er als praktischer Amerikaner einen Plan nicht nur entwirft, sondern auch den Weg zeigt, wie diese Mittel zu beschaffen seien. Er habe von hervorragenden Philanthropen in Amerika sowohl als auch in Europa bereits die feste Zusicherung einer grasten materiellen Förderung des Projektes. Ebenso haben ihm mastgebende Persönlichkeiten aus Texas versichert, dast der Durchführung dieses Planes von Seite der teranischen mastgebenden Kreise nicht nur kein Hindernis in den Weg gelegt, sondern die weitestgehende Unterstützung entgegengebracht'werden wird. Loeb erklärt auch gleichzeitig, dast er bei der Durchführung seines Planes durchaus nicht auf eine Unterstützung seitens der Regierung rechne, sondern im Gegenteile die ganze Aktion auf die Basis der Selbsthilfe und eines Uebereinkommens gedacht ist, in welchem es klar zum Ausdrucke kommen soll, dast der Staat Texas die Ueberzeugung hat, durch eine Kolonisation zu gewinnen und andererseits die zu kolonisierenden Juden sich von vornherein dessen bewußt werden, dast sie in Teras prosperieren nnb in jeder Beziehung sich frei entwickeln werden. Aber, ebenso energisch lehnt Direktor Loeb den Gedanken ab, die rumänischen Juden in die Industriestädte zu verteilen, denn, wie er sagt, gebe es in Amerika auch jetzt schon viel zu viel Ghetti. Diese zu vermehren wäre ein Verbrechen. Der Gouverneur von Mazedonien und die Juden. Die in Athen erscheinende „Revue Israelite" bespricht die von uns bereits veröffentlichte Unterredung des Redakteurs des „Jndependant" in Saloniki mit dem Gouverneur von Mazedonien, Dragoumis, und sagt aus diesem Anlasse über Dragoumis unter anderem folgendes: „Herr Dragoumis hat eine besondere Sympathie für die jüdische Rasse, und wenn er seine Zufriedenheit darüber ausdrückt, daß die Bewohner von Saloniki, deren Mehrzahl Juden find, an der gemeinsamen Arbeit der Wiederherstellung der Ordnung und der Reorganisation teilnehmen, so spricht er durchaus aufrichtig, und ist hierbei treu der Tradition seiner Familie. In der Tat hat sein Vater, der die bedeutendste diplomatische Geschichte der griechischen Renaissance geschrieben hat, in diesem hervorragenden Werke als das bezeichnendste Beispiel für die allgemeine Sympathie, welche die griechische Revolution für sich gewonnen hatte, die Teilnahme angeführt, welche die Juden in Deutschland an der Bewegung zugunsten Griechenlands bekundet haben. In dem Buche wird ganz besonders eine Predigt, die der Oberrabbiner von Westphalen in dieser Sache im Tempel gehalten hat. und eine erfolgreiche Geldsammlung hervorgehoben, welche in Deutschland unter den Juden zugunsten der griechischen Kombattanten veranstaltet wurde. Es ist gar kein Zweifel, daß unter dem Regime des Herrn Dragoumis die Juden in Saloniki Gelegenheit haben werden, Maßnahmen angewendet zu sehen, welche die ungestörte Fortentwicklung der Judengemeinde dieser großen Stadt sichern. Die von Dragoumis getroffenen Maßnahmen dürften später die Grundlage für Gesetze bilden, welche das Parlament in Athen zu ratifizieren sicher nicht zögern wird. Kongreß der Judengememden von Großgriechenland. Aus Kreisen der Athener Judengemeinde wird uns geschrieben: Mit Rücksicht darauf, dast die Zahl der Juden Griechenlands infolge der Balkankrise von ungeführ 5000 auf rund 100.000 gestiegen ist, hat sich eine Anzahl von Fragen ergeben, welche nunmehr einer Lösung zugeführt werden müssen. Es liegt im Interesse der griechischen Juden, sich über die Lösung dieser Fragen selbst zu einigen, ehe die Regierung zu ihnen Stellung nimmt. Es handelt sich hier um alte Rechte, welche im Rahmen der griechischen Verfassung weiter aufrecht erhalten bleiben sollen, andererseits um eine einheitliche Gestaltung des jüdischen Gemeindelebens in Griechenland. Aber auch Fragen politischer und wirtschaftlicher Natur, wie sie dem Orient eigentümlich sind, entstanden durch die Neugestaltung der Dinge und müssen beantwortet werden, ohne dast die Interessen der Juden geschädigt werden. Zur Erörterung dieser Angelegenheiten und Beschlußfassung über dieselben wird im Laufe des kommenden Monates ein Kongreß der Judengemeinden Griechenlands stattfinden, fcn welchen auch jüdische Organisationen durch ihre Vertreter teilnehmen werden. Wegen des Ortes der Beratungen finden gegenwärtig zwischen Athen und Saloniki Pourparlers statt. Dis englischen Rothschilds und die „Neun Tage". Die Londoner Zeitungen verzeichneten vorige Woche die Meldung, dast die Pferde Leopold de Rothschilds in dem dieswöchentlichen Rennen nicht starten werden. Die Blätter fügen seltsamerweise als Begründung hierfür hinzu, dast Leopold de Rothschild, trotzdem er ein perfekter englischer Gentleman ist. doch alles unterlasse, was irgendwie seine religiösen Gefühle sowie die religiösen Gefühle seiner Glaubensgenossen verletzen könnte. Aus diesem Grunde haben Leopold de Rothschild sowie die übrigen Mitglieder des englischen Rothschild-Hauses es bisher immer unterlassen, an Sabbaten, jüdischen Festtagen, sowie an den neun Trauertagen zum Andenken an die Zerstörung Jerusalems an öffentlichen Veranstaltungen, in welcher Form immer, teilzunehmen. Aus diesem Grunde habe er auch mitgeteilt, daß seine Farmen bei den dieswöchentlichen Rennen nicht vertreten sein werden. Es sei hier erwähnt, daß Leopold de Rothschild an den jüdischen Angelegenheiten regen Anteil nimmt und unter anderen Aemtern auch das Schatzmeisteramt im Emigrationsdepartement der Ito. sowie in der geographischen Kommission dieser Organisation^ bekleidet. Die Judenfrage auf einem Kongreß in Spanien. Die in Jerusalem erscheinende Zeitung „Hacheruth" veröffentlicht einen Brief des kommerziellen Vertreters der spanischen Regierung in Jaffa, dem wir folgendes entnehmen: Der Minister des Aeußern in Madrid bittet bekannt geben zu wollen, daß im Monate November in Barcelona der Kongreß für handelsgeographische Wissenschaft abgehalten werden wird. Einen der wichtigsten Beratungsgegenstände des Kongresses wird die Frage bilden, auf welche Weise der spanische Handel im Orient verbreitet werden und durch welche Mittel die Juden spanischer Abkunft hierbei für eine tatkräftige Mitarbeit gewonnen werden könnten. Die Kongreßleitung sowohl wie die spanische Regierung würden es sehr begrüßen, wenn die spanischen Juden an diesem Kongresse persönlich teilnehmen oder zumindest durch ihre schriftliche Zustimmung ihre Bereitwilligkeit zur Mitarbeit kundgeben würden. Wir bitten daher, hievon den jüdischen Handelsgesellschaften und literarischen wissenschaftlichen Körperschaften in. Palästina Kenntnis zu geben.