Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 35 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 3b De. Blochs Wochenschrift. Seite 621 aufgabe der Erziehung ist, die Kinder zu Talmenschen zu machen. In der Debatte» die dem Referate folgte und die bis einhalb 1 Uhr nachts dauerte, beteiligten sich mit großem Eifer und höchst rethorischer Begabung die Herren Berliner, Schweiger, Rabbiner Haibri, Barchen, Milakowski, Dr. Ka minka, Dr. Brande und Dr. Torczyner. Tags darauf fand um einhalb 11 Uhr die zweite Sitzung der Konferenz statt, zu welcher sich der Präsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, Dr. A. Stern, rechtzeitig einfand, und dessen Erscheinen alle Delegierten sichtlich mit hoher Befriedigung erfüllte. Rach dem Verlesen der Telegramme durch den Sekretär der Organisation erhielt Präsident Dr. A. Stern das Wort. In seiner einfachen und schlichten Art begrüßte er die Konferenz mit einem herzlichen altjüdischen Scholaum Alecliem und sagte u. a.:. „Es hat eine Zeit gegeben, in der man daran ging, die hebräische Sprache aus der jüdischen Kultur zu eliminieren. Ich war ein Gegner dieser Richtung und es freut mich zu sehen, daß die hebräische Sprache wieder zu neuem Leben erblüht. Aus meiner vollsten Seele wünsche ich Ihren Verhandlungen besten Erfolg." Herr Slatopolski dankte mit herzlichen Worten dem Herrn Präsidenten und wünschte ihm, es zu erleben, daß die hebräische Sprache Gemeingut des ganzen Volkes Israel werde. Rach Fortsetzung und Beendigung der gestrigen Debatte und Abhaltung eines ausgezeichneten Referates seitens Solman Epstein erhielt der berühmte hebräische Dichter und Glanzredner Bialik das Wort zu seinem Referate über „Das hebräische Buch". Diese echt jesajanische Rede bildete den Glanzpunkt des Tages. - In der Sitzung von Mittwoch vormittag wurden nach einer lebhaften Debatte nachstehende Entschließungen gefaßt.: 1. Ein dreigliedriges Komitee mit der Abfassung eines Promomorias zur Einführung der hebräischen Unterrichtssprache bei dem geplanten Polytechnikum in Chaifa zu betrauen: 2. dem „Schmerze" Ausdruck zu leihen, daß Männer ohne Kenntnis der hebräischen Sprache im zionistischen Aktionskomitee leitende Stellen inne haben: 3. dem „Schmerze" Ausdruck zu geben über den traurigen Sprachenwirrwarr der Kongreßverhandlungen, bei welchen Hebräisch nur einen sehr bescheidenen Raum einnimmt; 4. Mitglieder der hebräischen Organisation sind verpflichtet, bei den Kongreßverhandlungen sich nur der hebräischen Sprache zu bedienen: 5. bei der eventuellen Wahl von neuen Mitgliedern für das zionistische Aktionskomitee darauf zu dringen, daß nur Kandidaten mit hinreichender Kenntnis der hebräischen Sprache in Vorschlag gebracht werden. L. V. Eine Weltkonferenz der sephardischen Juden in Wien. Der Wiener jüdisch-akademische Verein „Esperanza", eine Vereinigung spaniolischer Studenten, hat an die Spaniolen in allen Weltteilen eine Einladung gerichtet, anläßlich des Zionistenkongresses in Wien an einer Wellkonferenz der spaniolischen Juden teilzunehmen. Wie die Einladung besagt, sei diese Konferenz infolge der großen Katastrophen, welche die Juden auf dem Balkan und im nahen Orient, wo der größte Teil der spaniolischen Juden derzeit leben, in den letzten.Monaten ereilt haben, notwendig geworden. In dieser Konferenz sollen wichtige Fragen betreffend die Zukunft der Sepharden behandelt werden. Hauptsächlich aber werde es sich um die Besprechung der Schaffung einer allgemeinen Organisation der Sepharden, die Entwicklung der spaniolischen Sprache, die Errichtung von Schulen und die Stellungnahme der Spaniolen sowohl zu den Ereignissen im Orient, wie auch zu den Bemühungen der spanischen Regierung gegenüber den spaniolischen Juden, handeln. Landeskongreß der uugarkändischen Jtoisten. Wie uns aus Budapest gemeldet wird, findet daselbst Ende September d. I. der erste Landeskongreß der ungarländischen Jtoisten statt. Auf dein Kongreß werden 32 Ortsgruppen durch 80 Delegierte vertreten sein. Ueberdies werden die englischen, schweizerischen, holländischen und österreichischen Landesorganisationen Vertreter entsenden. Man rechnet auch mit der Anwesenheit Israel Zangwills, der das Präsidium innehaben wird. Zu Leitern der Beratungen wurden die Führer der ungarischen Jtoisten, und zwar Hofrat Julius Winterberg, Redakteur Mar Szavolczy und Dr. Moritz Mezei, gewählt. Oberbürgermeister Franz Heltai als Jude. Anläßlich des Ablebens des Budapester Oberbürgermeisters, Dr. Franz Heltai, teilt das Budapester ungarisch-jüdische Blatt einige sehr interessante Charakterstriche des Verstorbenen mit. Als es bereits bekannt war, haß Dr. Heltai zum Oberbürgermeister ernannt werden wird, suchte ihn ein Vertreter des genannten Blattes auf und bat ihn, den Lesern seine Stellung im Judentume bekanntzugeben. Dr. Heltai antwortete: „Sagen Sie, ich bitte dem Herrn Redakteur, daß ich Jude bin und auch Jude bleibe und meine Religion niemals verlassen werde. Das Organ der ungarischen Juden,.('§^6nlo36K" kann daher mit vollem Recht meine Kandidatur, beziehungsweise meine Wahl zum Oberbürgermeister von Budapest registrieren." Dann fügte er noch hinzu: „Jetzt bitte ich Sie aber noch, in Betracht zu ziehen, daß uns nur noch zwei Tage von jener Generalversammlung der Hauptstadt trennen, in welcher meine Wahl entschieden werden wird. Ich möchte in dieser Generalversammlung alle konfessionellen Erzesse vermieden sehen. Das Organ der Antisemiten greift mich auch schon wegen meiner Zugehörigkeit zum Judentum an. Deshalb bitte ich Sie, nehmen oie meine vorherige Erklärung einfach zur Kenntnis, betonen Sie aber mit Rücksicht auf die Ruhe und die Wichtigkeit der entscheidenden Plenarsitzung den Inhalt meiner Erklärung nicht allzustart." Das Blatt hat seinerzeit diesem Wunsche auch Rechnung getragen. Als Oberbürgermeister Dr. Heltai nun starb, da gab es im Budapester Rathaus einige Verlegenheit. Die Kommune hatte den Wunsch geäußert, daß im Trauerhause wohl eine Art rituelle Abschiedsfeier veranstaltet werde, die Beisetzung aber im hauptstädtischen Zentralfriedhofe erfolgen möge, wo die Stadt ihm auf dem sogenannten Vürgermeisterwege, wo sämtliche verstorbene Oberbürgermeister und Bürgermeister der Stadt Budapest nebeneinander liegen, ein Ehrengrab bestimmt hatte. Die Pester Chewra-Kadischa hatte jedoch mit Berufung auf Religion, Tradition und Sitte gegen eine solche Verfügung Einspruch erhoben und die Leiche des jüdischen Oberbürgermeisters zur Bestattung auf dem jüdischen Friedhofe für sich reklamiert. Der Magistrat der Stadt Budapest hat diese Argumente gewürdigt und schließlich eingewilligt, daß Dr. Heltai auf dem jüdischen Friedhofe bestattet werde. Einen geradezu überwältigenden Eindruck machte es, als der Oberrabbiner von Ofen, Dr. Arnold Kiß, in seinem poetischen Nachrufe auch jene schöne Episode aus den letzten Lebensmonaten Hellais erzählte, die sich gleichfalls auf seine Ernennung zum Oberbürgermeister bezog. Der Rabbiner erzählte nämlich, daß, als die Wahl Hellais vorüber war und der jüdische Oberbürgermeister vor Sr. Majestät dem Kaiser erscheinen sollte, um ihm für die