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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-08-29 · 35 (29.8.1913) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
35 (29.8.1913)
Date
1913-08-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 622 Dr. Bwchs Wochenschrift. Nr. 35 Ernennung zu danken und sich als Oberbürgermeister der Haupt- und Residenzstadt Budapest vorzustellen, da verschwand Heltai vorerst auf einige Tage aus der Hauptstadt. Er fuhr in seine Geburtsstadt Szentes und begab sich dort auf den jüdischen Friedhof, suchte das Grab seiner nebeneinander ruhenden Eltern auf und verrichtete dort ein stilles, andächtiges Dankgebet. Denn Heltai wußte, daß er all seine Erfolge in allererster Linie der Charakterbildung zu danken habe, die ihm seine wegen ihrer Frömmigkeit und ihres guten Herzens in der Heimat hochgeachteten jüdischen Eltern gegeben haben. Diese Erinnerung an das jüdische Elternhaus, diese Verehrung der Gräber seiner jüdischen Eltern auf dem jüdischen Friedhofe waren seine Führer und Begleiter auf seiner glänzenden Karriere. Oderberg-Bhf. Am 17. August wurde unser erster Rabbiner, Sr. Ehrwürden Herr Dr. M. Friediger aus Pohrlitz, in sein Amt auf die feierlichste Weise eingeführt. Aus den kleinsten Anfängen entwickelte sich hier in kaum einem Menschenalter eine jüdische Gemeinde, die mit Hilfe der an ihrer Spitze wirkenden tatkräftigen Männer durch ihr festes Zusammenhalten und durch ihre Opfcrwilligkeit, zu einem bedeutenden religiös-kulturellen Faktor wurde. Seit zwei Jahren ist sie eine selbständige Kultusgemeinde und nun erhielt sie auch ihren religiösen Führer. Kurz vor Beginn des Gottesdienstes, der um 4 Uhr nachmittag begann, erschien zur Begrüßung in der Wohnung des Herrn Rabbiners eine Deputation des Kultusborstandes unter der Leitung des Vorstandstellvertreters Herrn Hermann Jmmerglück und eine Deputation des Frauenvereines unter Führung der Präsidentin Frau Charlotte Zänker. Unterdeffen versammelten sich in der festlich geschmückten Synagoge die ganze jüdische Bevölkerung unseres Ortes und die Ehrengäste, unter ihnen in Vertretung der k. k. schlesischen Landesregierung und der Bezirkshauptmannschaft, Herr Bezirkshauptmann Jaxa Ritter von Bobovsky, dann Landtagsabgeordneter und Bürgermeister Dr. Ott, Bürgermeister Dr. Dvorzak, mehrere Rabbiner, Vertreter der benachbarten Kultusgemeinden u. a. m. Am Eingänge der Synagoge wurde Herr Dr. Friediger von sämtlichen Ausschußmitgliedern mit Thorarollen erwartet und vom Kultusvorsteher, Herrn Viktor Lustig, mit einer feierlichen Begrüßungsansprache empfangen. Hierauf begab sich Herr Dr. Friediger unter, vom Oberkantor Gold manu vorzüglich geleiteten Cborgesang und begleitet vom ganzen Vorstande auf seinen festlich geschmückten Ehrensitz, wo ihn der Tempelvorsteher, Herr Josef Zänker, im Gotteshause willkommen hieß und in einer geistreichen, an hebräischen Zitaten reichen Ansprache auf die Bedeutung der Wirksamkeit des Rabbiners im Gotteshause hinwies. Nach dem Minchagottesdienst nahm der bisherige Leiter der rabbinischen Angelegenheiten. Sr. Ehrwürden Herr Dr. Spira» Rabbiner in Mähr.-Ostrau, Abschied von der Gemeinde und übergab die Kanzel durch eine feierliche Ansprache seinem Nachfolger. Hierauf folgte die gedankenreiche, von Begeisterung getragene Anttittsrede des neuen Rabbiners, die unt ungeteiltem Beifall ausgenommen wurde. Anschließend an den Festgottesdienst fand im Saale des Hotel Austria ein Bankett statt, das die Festgäste bis Mitternacht in fröhlicher Stimmung vereinte. Von den vielen ernsten und humoristischen Tischreden seien erwähnt: Die Begrüßungsansprache des Vorsteherstellvertreters Herrn Dr. Goldklang, die in Kaisertoaste ausklang. Herr Kultusvorsteher Viktor Lustig dankte der hohen k. k. Landesregierung für das Entgegenkommen, das sie bei der Konstituierung unserer Kultusgemeinde bewies. Herr Bezirkshauptmann Jaxa Ritter von Bobovsky legte in einer liebenswürdigen, geistvollen Ansprache seinen liberalen und edlen Standpunkt klar, den er in seiner Amtstätigkeit allen Nationalitäten und Konfessionen gegenüber gleichmäßig einzunehmen für seine Pflicht hält. Es sprachen noch Herr Kultusrat Josef Tobias, Herr Tempel- Vorsteher Josef Zänker, Herr Vorstandstellvertreter Hermann Jmmerglück, Kaltusrat Josef Schwarz. Herr Dr. Straßmaun, die Herren Rabbiner Dr. Spira und Dr. Färber aus Mähr.-Ostrau u. a. m. Am Schluffe sprach Herr Dr. Friediger allen seinen Dank aus. Am nächsten Tage fand um 11 Uhr vormittags anläßlich des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers ein Festgottesdienst statt, zu welchem alle Spitzen der Behörden, Bahnleitungen, Zollämter, Industrie, Lehrkörper, Feuerwehr. Veteranen erschienen waren. Als der einleitende, sehr schöne Chorgesang, geleitet von Oberkantor Goldman«, verklungen war, hielt Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Friediger die Festrede, welche von sämmtlichen Zuhörern mit Begeisterung ausgenommen wurde. Die Abstngung der Volkshymne schloß die erhebende Feier. Die italienische Regierung über das Blutmärchen in Eritrea. Bekanntlich hat sich in Asmara, einer kleinen Stadt der italienischen Kolonie Eritrea, vor kurzem ein bedauerlicher Vorfall abgespielt: Italienische Soldaten drangen in die dortige Synagoge ein, um, wie sie behaupteten, nach den Spuren eines Ritualmordes zu suchen. Die hiedurch verursachte Aufregung unter den Juden der Stadt wurde noch dadurch gesteigert, daß der Gouverneur, bei dem sie über diesen Angriff Beschwerde führten, sie mit der Begründung abwies, daß dies nicht in seine Kompetenz, sondern in diejenige des Justizministers in Rom falle. Als das Präsidium des Verbandes der jüdischen Gemeinden hievon erfuhr, ließ es durch den Präsidenten Angelo Sereni beim Kolonialminister gegen diesen Gewaltakt Vorstellungen erheben. Der Minister gab die autoritative Versicherung, daß dieses unerhörte Versehen der Behörden in Eritrea geahndet werden wird, und entschuldigte das Versäumnis damit, daß der Prokurator in Asmara vor kurzem gestorben ist und sein Nachfolger erst in den allerletzten Tagen ernannt wurde. Der Minister versicherte, daß er solche Gehässigkeiten gegen die Juden in keinem Teile italienischen Gebietes werde aufkeimen lassen. Der Ritualmordprozeß in Kiew. Die Verteidiger des Angeklagten Beilis, die bedeutendsten russischen Anwälte.Grußenberg, Karabschewsky und Zaroudny, erhielten vom Gericht die Aufforderung, zur Verhandlung am 8. Oktober zu erscheinen. Auch die wichtigsten Zeugen sind bereits für den ersten Verhandkungstag geladen. Der frühere Verteidiger Beilis', Margolin, ist diesmal als Zeuge geladen. Unter den Zeugen befinden sich ferner der frühere Untersuchungsführer Oberst Iwanow und der Richter Fenenko, Staatsanwalt Lachkarew, der die erste Anklageschrift verfaßt hatte, ferner die Entdecker des wirklichen Sachverhaltes beim Mord des. Knaben Justschinsky, der Journalist Brasul Bruschkowsky und der Detektiv Krasowsky. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Wipper von Petersburg. Die 231 Zeugen werden gruppenweise verhört. Das Verhalten des Kiew er Gerichts noch vor dem Prozeß läßt darauf schließen, welch harten Kampf die Verteidigung während der Verhandlungen zu führen haben wird. Das Gericht hat fast alle von der Verteidigung vorgeschlagenen Gutachten zurückgewiesen und will die Zitierung des Berliner Theolügieprofessors Strack keinesfalls zugeben. Dies ist um so auffälliger, als es kaum einen kompetenteren Sachkenner auf dem Gebiete der sogenannten Rituakmordfrage als Strack gibt.' Zudem beherrscht er auch die russische Sprache, so daß nicht das geringste Hindernis vorliegt. Da mußte der Gerichtshof zur Ausrede greifen, daß die Entfernung zwischen Berlin und Kiew zu groß sei. Achtung, die Missionäre kommen! Vor kurzem fand in Basel der Kongreß der Vereinigten Missionsgesellschaften statt. An demselben hat auch die Vereinigung „Freunde Israels" mit mehreren Delegierten teilgenommen.' Diese Vereinigung führt bekanntlich innerhalb des gesamten 'Missionswesens ein selbstständiges Leben, und ihre Spezialität ist die Rettung jüdischer Seelen. Die Berichte der Judenmissionäre lauten für diese recht trostlos, denn sie sind mit den Erfolgen durchaus nicht zufrieden, und es wurde öffentlich betont, daß in dieser Richtung ein gründlicher Personenwechsel notwendig sein werde, denn es sei einfach undenkbar, daß unter den Juden die Mission aus die Dauer so schlechte Erfolge aufzuweisen haben soll. Recht zufrieden scheint die Mission mit den Ergebnissen ihrer Seekenretterei im Orient zu sein, wo sie große Schulen besitzt, die von zahlreichen jüdischen Schülerinnen besucht werden. Für die meisten erweisen sich diese schulen als erfolgreiche Vorbereitung zur Taufe. Es wurde beschlossen, von nun ab sich mit Vehemenz und großem Apparat auf die Juden in Russisch-Polen, Galizien und

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