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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-08-29 · 35 (29.8.1913) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
35 (29.8.1913)
Date
1913-08-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 614 Dr. Wochs WochenWrfft. Nr. 35 fordern! Die russische Regierung stellt dieses unglaubliche Verlangen an den jüdischen Eiperten; braucht es da eines weiteren Nachweises, daß sie das Judentum von vornherein stigmatisieren und vernichten will? Was soll nun geschehen? Vorstellungen von Seiten der anderen europäischen Staaten an Rußland wären vielleicht nicht ganz erfolglos, wenn es geschähe. Täuschen wir uns aber nicht. Für uns Juden rührt heute, Amerika ausgenommen, kein Staat der Welt ernstlich auch nur einen Finger; jeder hat mit sich zu tun und hat an seinen eigen Sorgen und an seinen eigenen Juden genug. Eine Abordnung jüdischer Notabeln an den Zar würde wahrscheinlich kaum vorgelassen werden, und wenn ja. wäre sie des ungnädigsten Empfanges sicher. Und doch muß von unserer Seite etwas Großes und Ernstes in dieser Angelegenheit vor aller Welt und der gesamten Oeffentlichkeit unternommen werden. Ich stelle daher an die gesamte Judenheit folgenden Antrag: Am Tage der Eröffnung des Beilis- Prozesses in Kiew am 8. Oktober l. I. sollen von den angesehensten Juden und Christen in allen Städten und allen Gemeinden der Welt Protestversammlungen veranstaltet werden, die Verwahrung einlegen gegen den Schimpf, der mit diesem Prozeß dem Judentum, der Wahrheit und Gerechtigkeit angetan wird. Juden aller Lander und aller Staaten» rüstet zum Protest! Keine Stadt und kein Städtchen fehle! Sammelt euere Besten um euch, bittet edle, wahrheitsliebende Christen, Theologen wie Laien, euch zur Seite zu stehen, handelt es sich doch um die Ehre jener Religion, die auch Jesus mit jeder Faser seines Herzens geliebt hat. Die gesamte Kulturwelt vereinige sich, die Schmach des Beilisprozesses von sich abzuwälzen! Der Zionistenkongreß beginne! Der Wiener xiomstifche Kongreß. Der Kongreß der Zionisten wird diesmal in Wien abgehalten und in der ersten Woche des Septembers im Großen Musikvereinssaal tagen. Eine große Anzahl von treuen, selbstlosen Stammes- und Schicksalsgenossen werden hier vereinigt sein und bei allen Juden Wiens ein herzliches Willkommen finden. Denn jeder Jude, ohne Unterschied der Parteistellung, wird jede Bestrebung dankbar begrüßen, welche aus idealen Motiven ideale Ziele verfolgt und der moralischen und materiellen Not des jüdischen Volkes beizukommen sucht. Man muß wohl unterscheiden zwischen der recht unglücklichen und unreifen Taktik der Wiener Gruppe, welche in falscher Nachahmung österreichischer radikaler Nadauparteien selbst ihre letzten Freunde abstieß, und jener zionistischen Weltbewegung, welche großangelegte und programmatische Politik treibt. Dieser hat die „Oesterreichische Wochenschrift", wenn sie nicht durch mutwillige und willkürliche Angriffe in eine gegnerische Stellung gedrängt wurde, stets denn auch werktätige Sympathien bewiesen. Wie denn anders! Jeder aufmerksame Beobachter wird zugeben müssen, daß die zionistische Bewegung in ihren Anfängen durchaus nur die Ideen ausführen wollte, welche in unserem Blatte von jüdischen Führern ausgesprochen und vertreten worden sind. 'So hat auch der erste und größte Führer der Zionisten, Theodor Herzl, seine ersten Ennunziationen zur Judenfrage in der ,„Oesterreichischen Wochenschrift" publiziert; er hat sein Buch „Der Judenstaat" dem Herausgeber der „Oesterreichifchen Wochenschrift" noch als Manuskript persönlich vorgelesen. Das Manuskript war damals noch nicht zionistisch, enthielt keine Bemerkung über Palästina und Zion, sondern war rein judenstaatlich. Die ersten jüdisch-nationalen Programmschristen Leo Pinsker's „Autoemanzipation" (1881), Dr. Rülf's „Aruclias Bas-Ammi“ (1883) und Dr. Bl o ch's „Der nationale Zwist und die Juden in Oesterreich" (1886) lieh sich Theodor Herzl aus der Redaktionsbibliothek der „Österreichischen Wochenschrift". Außer Herzl haben noch viele andere führende Persönlichkeiten die Ideen des Zionismus in unserem Blatte vertreten. Wir heben von diesen nur die Programmpunkte hervor, welche heute noch in Geltung sind, wie die vollständige Abkehr von der Assimilation, die Schaffung einer Zufluchtsstätte für unsere armen Brüder aus den Ländern des Elends. Das bloß zur Steuer der historischen Wahrheit. Die „Oesterreichische Wochenschrift" und viele ihrer alten und treuen Freunde haben gar kein Interesse daran, eine Anerkennung bei der Partei zu finden, aber sie wünschen aus unzerstörbaren ideellen Gründen, daß von dem Programm dieser Partei einige wichtige Punkte zur Durchführung gelangen. Im Vordergründe steht da die von unserem Herausgeber seit drei Jahrzehnten bekämpfte Gefolgschaft der Assimilation. Alle Ereignisse der jüngsten Geschichte drängen zu einem mutigen, offenen Bekenntnis des rein jüdischen Standpunktes gegenüber der unbedankten Hilfe für andere Nationen und Volksstämme. Die natürliche Folge dieses Standpunktes ist die Entwicklung einer eigenen geistigen und der Reform des körperlichen Lebens, wofür die große zionistische Bewegung Vieles und Wichtiges geleistet hat. Die während der Kongreßtage anberaumten Vorführungen sind eine kleine Revue des Aufschwunges, welchen die speziellen jüdischen Künste und Wissenschaften, aber auch die wichtigen Vereinigungen für Sport und Körperbewegung seit einigen Jahren unter der Aegide der zionistischen Bewegung genommen haben. Jüdische Literatur und Musik, jüdische Ehre und Kraft haben durch den Sammelruf und durch die Besinnung auf die glorreiche Vergangenheit der Juden viel gewonnen. Förderung durch alle Parteien verdient das große Kolonisationswerk, das dazu bestimmt ist, jene Zuflucht zu schaffen, wo sich große fluktuierende Massen unseres Volkes unter gesunden Verhältnissen dauernd seßhaft machen können. Niemand kann wissen, ob und wann wir ein solches Land der Zuflucht unbedingt nötig haben werden, wenn sich alle bisherigen Volksherbergen vor unseren Auswanderern schließen. Da ist es jedenfalls ein Gebot der zwingendsten Logik, nicht im Augenblick der Panik zu handeln, sondern in voller Freiheit und ohne Zwang alle Möglichkeiten vorzubereiten. Die Nebenfrage eines solchen Unternehmens ist die Umwandlung unserer Massen aus einem entnervten und entkräfteten Stadlvolk in ein gesundes und stolzes Bauernvolk. Diesem hohen Zweck dienen zwar schon viele Gesellschaften jeder Art. Es hat sich aber immer wieder herausgestellt, daß philanthropische Kolonisation, welche Bauernhöfe zum Geschenk macht, nur wenig Erfolg aufzuweisen hat, und daß die Besiedelung ohne innere Triebfeder, ohne organische Notwendigkeit, ohne Begeisterung keinen Bestand hat. Auf dieser Grundlage arbeitet jetzt die zionistische Bewegung, und sie benützt dabei die unvergängliche, von der Religion bewahrte Begeisterung der jüdischen Massen für Palästina, die auch schon sehr erhebende bekannte Resultate auf ^dem Gebiete des Nationalfonds, Landerwerbs, Schulwesens und Bauernarbeit hervorgebracht hat. Natürlich sind auch die Bemühungen für Reservegebiete sehr notwendig, die günstige Bedingungen haben und die Männer, die dafür arbeiten, sind allen Dankes und aller Unterstützung wert. Sie sollten mit den Palästinensern gemeinsam arbeiten, bis man sich entscheiden kann, wohin man das Hauptgewicht der Kolonisationsbestrebungen richten soll. Wie überhaupt die ganze Judenfrage nur durch die Einigkeit beantwortet werden Tann. Die zionistische Partei und ihre Nebengruppen finden viele Unter-

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