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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-08-22 · 34 (22.8.1913) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
34 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 600 De. BLochs Wochenschrift. '.Kr. 34 schlechter Ware nicht heran. Sehr mit Unrecht wird der Händler für dessen Sünde zur Verantwortung gezogen, wiewohl er den Schund ja oft gar nicht als solchen beurteilen kann, insbesonders wenn absichtliche Täuschung vorliegt,- er ist dem Erzeuger rücksichtlich des Gegenstandes, den er berufsmäßig anpreisen mutz, in den meisten Fällen glatt ausgeliefert. Sieht sich dann der Käufer, der trotz der Schleuderpreise beste Qualität verlangt, in seinen Erwartungen getäuscht, dann wird, sobald der Verkäufer Jude ist, tapfer auf „die Juden", wenn er aber als waschechter Arier sich präsentiert, aus den jüdischen Fabrikanten losgefahren. Wir besitzen Gesetze gegen die Lebensmittelfälschung. Leider nicht hart genug. Die Mehrzahl der Verbrechen auf diesem Gebiete wird von arischer Seite begangen, und es ist gewih ein pikanter Beweis arischer Moral, daß gerade dort, wo die größte Sorgfalt herrschen sollte, in der für die Volksernährung so wichtigen Milch, die ärgste Niedertracht besieht. Der Bauer braucht nicht schlechte Leinwand zu kaufen — wie aber soll sich das arme Kind, namentlich der Säugling, gegen mit Mehl und Margarine oder ähnliches versetzte und verdünnte Milch schützen?! Auch hier ist zumeist der Verschleißer in die Hand der Erzeuger, somit der Fälscher, gegeben. Was wird hier der Befähigungsnachweis nützen? Wenn etwas zur Hebung des Ansehens unseres Handelsstandes geschehen soll, so kann dies nur durch Verbesserung der Unterlage n, auf welche derselbe sich aufbaut, geschehen. Tatsächlich fehlt uns ein Forum, welches sein Urteil über Qualität der Erzeugnisse zu fällen hätte. Da können aber mittelalterliche Vorschriften, und wären sie noch so weise, noch so spitzfindig, nichts helfen, sie würden sich nur hemmend, niemals fördernd erweisen. Es gibt nur ein, eine Art Natur-Gesetz, und das ist die breiteste Oeffentlichkeit. Man sorge dafür, und hier könnte eventuell das Gesetz den nötigen Nachdruck erteilen, daß nur jene Waren zum Verschleiße gelangen, die ausnahmslos ihre Ursprungsmarke aufweisen. Damit, daß das Publikum zur Mithilfe herangezogen wird, wozu die Massenbelehrung namentlich auf dem flachen Lande notwendig wäre, würde sich von selbst das Erlöschen der Schundware ergeben. Der Handelsmann, insbesonders der jüdische, ist sodann nicht mehr der unverschuldeten Mißachtung preisgegeben, und das stolze Kaiserwort, das dieser Tage in Lübeck gesprochen wurde: „JchschätzedenKaufmann. SeinFeind ist mein Feind" — es wird auch bei uns zum Wahrwort werden! Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Die Ehrenbeleidigungsklage Dr. Emil o. Hofmannsthals. Anläßlich der in dieser Woche erfolgten Publikation der Begründung des Urteils in der Affäre Hofmannsthal möchte ich als Augen- und Ohrenzeugin der Beleidigung, die ich wie einen physischen Peitschenschlag empfunden habe, nochmals auf die leidige Affäre zurückkommen. Mit dankbarer Befriedigung werden weite Kreise, hoffentlich nicht nur jüdische, hoffentlich nicht nur antiduellistische, die lange Begründung gelesen haben, welche trotz den Resten eines noch anhaftenden Curialstiles in wohltuendster und sachlichster Beleuchtung die ganze Affäre darstellt, und die läppischen Entschuldigungen des Beklagten bekämpft, er hätte die Abstammung des Klägers nicht gekannt, er habe es nicht so gemeint rc., wogegen die Begründung richtig sagt, nicht für das, was er meine, sondern was er sagte, muß der Angeklagte bestraft werden. Ich gestehe, daß ich und der energische Großindustrielle, der den Beleidiger moralisch zur Nennung seines Namens zwang, von tiefstem Mitleid mit den jungen Herren erfüllt waren, welche, die meisten noch von den eben in der Aula erlittenen Wunden blutend und fiebernd, zum großen Teile „ganz reizende Jungen" waren, wie sich der Industrielle ausdrückte, denen man deutlich ansehen konnte, daß sie die Opfer aufhetzender Hintermänner sind, welche die Jugend ins Treffen führen und durch langjährige Verhetzung und Umgebung mit Scheuklappen mißbrauchen. Ist doch der liebenswürdige und hochbegabte Hans Rudolf Bartsch dafür das beste Beispiel, der eingesteht, keinen einzigen Juden persönlich gekannt zu haben, als er seine gehässige jüdische Figur schuf. In diese Kategorie schienen mir einige der ländlichen Jünglinge mit ihrer Lyrikermiene zu gehören, ja ich will, trotzdem ich überzeugte Gegnerin des Duells bin, eingestehen, daß mir alle Argumente, welche unsere Liga vorbrachte, nicht immer mit nötiger Ruhe vorgebracht schienen, ich es auch taktisch besser empfunden hätte, wenn, wie in der zweiten Versammlung, Arier und Aristokraten mit das Wort ergriffen hätten. Die ignoble Art aber, mit welcher der junge Germane bei der Verhandlung seine Aeußerung zu bemänteln suchte, anstatt sie ruhig als Ausfluß seiner Gesinnung einzugestehen-, hat in mir und wohl allen Tatzeugen jedes Mitleid erstickt. Umsomehr war ich überrascht, in weiten Kreisen, und nicht etwa bei sentimentalen Damen, sondern Männern und Vätern, die im Berufsleben stehen und deren Söhne täglich ähnlichen Beschimpfungen ausgesetzt sind, aufs lebhafteste bedauern, zu hören, daß Herr Dr. Emil v. Hofmannsthal zum Gericht seine Zuflucht genommen habe, ja es wurde die feige Furcht ausgesprochen, dies werde der jüdischen Jugend nur schaden, und österreichische Lauheit und Indolenz hat sich mit jüdischer „Vorsicht" zu solchem Urteil vereint. Ich sah also, daß Dr. v. Hosmannsthal das Schicksal der meisten Juden teilt, die sich mutig für ihre Stammesgenossen in die Bresche stellen, er hat mit Anfeindungen aus dem eigenen Lager zu kämpfen, was mir übrigens aus Erfahrungen im eigensten Kreise nicht fremd ist. Diese Tadler hätten schon aus den politischen Ereignissen am Balkan die Einsicht schöpfen müssen, daß man in der Jetztzeit mit Tatsachen kommen müsse, und mit ewigen schönen Reden über Unterdrückung rc. nichts geschehen sei. Die Urteilsbegründung war einsichtiger und hebt den sozialen Rang des Klägers hervor, der die Beleidigung doppelt fühlbar machen mußte. So ist es mir ein Bedürfnis, Herrn Dr. v. Hofmannsthal zu danken, daß er die Zeit, die ihm seine Unabhängigkeit läßt, idealen Zielen, wie der Propagierung weiblicher Geschworenengerichte, der Verteidigung seiner Glaubensgenossen und anderem widmet. Es war ihm nicht darum zu tun, den mißgeleiteten germanischen Jüngling auf zwei Monate hinter Mauern zu stecken, ich möchte herzlich wünschen, daß diesmal noch Gnade für Recht ergehen möge, es war ihm darum zu tun, für seine jungen Stammesgenossen, von denen viele unter Beschimpfungen nicht nur moralisch leiden, die gänzlich, gewiß nicht zum beiderseitigen Vorteil, von christlicher Gesellschaft ausgeschlossen sind und durch die Glaubens- und Rassenangehörigkeit an der Erwerbung des bescheidensten Stückchen Brots verhindert sind, endlich ein Erempel zu statuieren, daß der akademische Jude nicht mehr vogelfrei ist. Habe ich doch in dieser abscheulichen Versammlung ein kleines Erlebnis gehabt, was mich an die düsteren Zeiten der Marannenscheiterhaufen erinnerte, wo jedes Autodafe einige seit Jahrhunderten Abgefallene zum Judentum zurückbrachte. Eine mir innigst befreundete Schriftstellerin, die seit der. Geburt Christin, von Glaubens- und Rassenantisemitismus nichts weniger als frei ist, hatte den wirklich nicht zu unterschätzenden Mut, sich offen als Jüdin zu bekennen und sich in ebenso geistreiche als energische Diskussionen mit der erregten Jugend einzulassen. So mögen sich überängstliche Gemüter beruhigen, ja ich würde nur wün-

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