Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 34 (22.8.1913)
- Date
- 1913-08-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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( Seite 609 Dr. Wochs WochenWlst. Nr. 34 Vom Jahrmarkt des Lehens. Die Heimkehrenden jüdischen Reservisten. Vom Obmann des Erekutivkomitees des Vereines für Arbeitsnachweis, Herrn Dr. Bola Taussig, erhalten wir nachstehende Zuschrift: Goßensaß, 18. August 1913. Sehr geehrter Herr Redakteur! In Ihrer letzten Nummer besprechen Sie an leitender Stelle in treffender Weise die Lage der 'heimkehrenden Reservisten. Den höchst beachtenswerten Worten, mit welchen Sie die politische Seite der Frage beleuchten, ist wohl nichts hinzuzufügen, um so weniger, als eine Remedur der geradezu himmelschreienden Tatsachen rechtzeitig kaum geschaffen werden können. Anders die wirtschaftliche Seite. Die aus den diversen Arbeitsgelegenheiten Geworfenen, die ihrer Stellung verlustig Gewordenen, sie werden massenhaft an den Schalter unseres Arbeitsnachweises erscheinen. Wir werden uns die größte Mühe geben, ihnen Arbeitsgelegenheit zu bieten; aber unser guter Wille hat seine Grenzen am können. Wir können keine Arbeitsstellen schaffen, wir find nur in der Lage, solche zu vermitteln. Ans dies zu ermöglichen, hierzu kann jeder beitragen. Jeder, der einen Posten zu vergeben, der eine Arbeitsstelle zu besetzen hat, kann der Not der Wackeren, die Monate der Entbehrung hinter sich haben und nun vom schlimmsten Uebel, der Arbeitslosigkeit, bedroht werden, entgegentreten. Dem Massenelend kann nur durch zielbewußte sach- und fachgemäße Arbeit entgegengetreten werden. Das Bureau des Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis (II. Taborstraße 59, Tel. 13920) hat in jeder Hinsicht die Qualifikation, diese Arbeit zu leisten. Mehr als vierzigtausend Vermittlungen in einer verhältnismäßig kurzen Spanne Zeit sprechen dafür, daß der Befähigungsnachweis hiefür erbracht wurde. Rur bedürfen wir hiezu der kräftigen, vorurteilslosen — es ist dies traurig betonen zu müssen, aber notwendig — Unterstützung aller, die eine Arbeit zu vergeben haben. Diese Unterstützung zu erbitten, ist der Zweck dieser Zeilen. Hochachtend Dr. B e l a T a u s s i g. Der Besah igrrngs- und Verwendungsnachwe s für Kaufleute. In dieser Frage, die von eminentester Bedeutung für das Judentum ist, haben sich die Meinungen zu förmlichen Gegensätzen zugespitzt, was, wie immer in solchen Fällen, nicht zum Nutzen gereicht, indem die Gelegenheit zur Verständigung verabsäumt wird. Da mag es denn angezeigt sein, wenn von unbeteiligter Seite eine, überdies von aufrichtigem Wohlwollen diktierte Aeutzerung abgegeben wird. Die Beschlüsse des Komotauer Kaufmannstages — siehe den Artikel „Ernst Schneider's sei. Erben" in Nr. 32 der „Oesterr. Wochenschrift" — können natürlich als harmlos hingestellt werben. Zweifellos sind die Verfechter derselben, die Herren Handelskammerrat S. Krakauer und Gremialvorstand Bechert, von der edelsten Absicht beseelt gewesen, ihrem Stande zu dienen und ihn auf ein höheres Niveau zu heben, wie aus der Zuschrift des Erstgenannten deutlich hervorgeht. Allein, wie so oft bei menschlichen Institutionen, wird sich der schöne Gedanke in der Praris in das Gegenteil verwandeln, wenn der gute Wille auf gegnerischer Seite, das Wohlwollen in diesem Falle, zur Durchführung fehlt. Und wann hätte ein Wohlwollen gegen jüdische Mitbürger bestanden? Ungeachtet uns die meisterhaften Ausführungen Dr. Bloch's auf Seite 566—567, die erschöpfender im Sinne der Abwehr des Antisemitismus nicht geschrieben hätten werden können, jeden weiteren Kommentars entbinden könnten, müssen wir doch auf einige Bemerkungen des Herrn Kammerrates Krakauer zurückkommen. Wenn derselbe zur Bekräftigung seiner Ansicht darauf hinweist, daß in der gegenständlichen Versammlung zu Komotau unter 1400 Delegierten sich „mindestens" 300 Juden befanden — und Herr Kammerrat Krakauer wird gewiß nicht zu gering geschätzt haben, — so kann der Erklärungsgrund für die Zustimmung von jüdischer Seite auch in der Minderzahl (21 4 0/o) zu suchen sein. Wir wollen diese 300 Herren keineswegs der Ueberzeugungslosigkeit bezichtigen, sie waren gewiß ebenso wie der Herr Antragsteller in idealem Feuer befangen, allein hätte ihnen eine kühle Reflexion, die ja gleichbedeutend mit Opposition gewesen wäre, irgend etwas genützt? Ihnen persönlich und dem Stande? Im Gegenteil, ein Riesenskandal wäre die unmittelbare Folge davon geworden. Das wildeste Hepp-Hepp-Geschrei hätte sich ausgelöst und wieder wären die bösen Juden die Stänkerer und Friedensstörer gewesen. Uns ist es kein „Rätsel", wie im „Verlangen nach Einbringung des Bildungs- und Verwendungsnachweises behufs Antritt des Detailhandels eine gegen die Jude« gerichtete Tat erblickt werden kann". Noch weniger wahrscheinlich Herrn Dr. S. Bloch, vor dessen erwägendem Geiste wohl die ganze gräßliche Leidensgeschichte des Judentums aufgetaucht sein mochte, der überdies — in keineswegs historischer Zeit — am eigenen Leibe anläßlich des Prozesses Rohling erfahren hatte, welche Erzesse an Niedertracht, böswilliger Wortverdrehung und boshafter Voreingenommenheit sogar „Leuchten" der arischen Gesellschaft aufzubringen vermögen. Und gehört jenes skandalöse Justizverbrechen, gegen welches wir und mit uns leider so Viele vergebens — trotz aller Gleichberechtigungsparagraphe — ankämpfen, nicht in dasselbe Gebiet der bewußten Schädigung; bezw. Vernichtung des Juden? Beide diese Episoden stehen aber unter dem Zeichen der Bildung, ja im letzteren Falle hätten sich jene, deren Beruf höchste Gerechtigkeit, d. h. höchste Ethik bildet, bloß zu einem einzigen Worte zu einigen, um diese Schmach zweier Jahrhunderte aus der Welt zu schaffen. Dieses Wort bringen sie nicht über sich! Wie kann da von Leuten, denen die Ethik weniger in Fleisch und Blut übergegangen ist, verlangt werden, daß sie bei der Prüfung des vom jüdischen Kandidaten verlangten Befähigungsnachweises Billigkeit und Wohlwollen walten lassen sollen? Denn ein wenig Ethik ist doch bei jeder Prüfung notwendig. In einem Punkte stimmen wir Herrn Kammerrat Krakauer jedoch vorbehaltlos zu: in dem Wunsche, es mögen „jene bösen Elemente verschwinden, welche die Konkurrenz, wie sie heute besteht, geradezu unerträglich machen". Gemeint ist natürlich die sogenannte Schmutz- Konkurrenz. Bleiben wir hierbei nur auf dem ohnehin so weilen Gebiete des Handels und sehen wir..ab von allen Kniffen sowie Unterbietungen im ärztlich« oder Advokaten-, sowie jedem anderen Stande, so müssen auch wir rückhallslos zugeben, daß die Erzeugung — nicht der Verschleiß — der „Powel"-Ware genau so wie der betrügerische Bankerott zu verurteilen ist. Während aber für letzteres Vergehen der Schutz der Gesetze besteht, kann man heute an den Erzeuger bewußt