Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-08-15 · 33 (15.8.1913) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
33 (15.8.1913)
Date
1913-08-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022069--22376-3047519
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 588 Dr. Blochs Wochenschrift Ute. 33 der Korrespondent des „Hajnt" darin vielleicht recht, wenn er von dem Mißtrauen gegen eine Parteileitung spricht, deren Mitglieder zum Teil aus der Parteitasse bezahlt werden. Theodor H e r z l sprach mit Sarkasmus von den Leuten, die nicht sowohl für das Judentum als vielmehr von dem Judentum leben. Seine engeren Freunde mag es mit Unbehagen erfüllen, daß Zionismus eine Erwerbsquelle geworden. Alle diese Erklärungs versuche lüften indes das Geheimnis nicht vollständig, das sich in den erbitterten Reden der beiden Pariser Führer verrät. Oberbürgermeister Dr. Franz Heltai gestorben. Der Oberbürgermeister von Budapest Dr. Franz Heltai ist am 10. d. M. in Bad Ischl im 52. Lebensjahre gestorben. Dr. Heltai war der Sohn eines Arztes in Szentes und hatte nach Absolvierung der juristischen Studien seine Karriere als Journalist begonnen. Er betätigte sich namentlich als Fachschriftsteller. Im Jahre 1896 wurde er in den Reichstag entsendet. Als Referent für eine Reihe wichtiger Gesetzentwürfe im volkswirtschaftlichen Ausschutz, sowie bei den Verhandlungen des Heeresbudgets in den Delegationen spielte er eine bedeutende Rolle. 1907 wurde er zum Direktor der Allgemeinen Gesellschaft und 1909 zum Generaldirektor der Gaswerke Budapest ernannt. Er war ferner Präsident des Landesvereines für chemische Industrie und des Vereines der Gas- und Wasserfachleute Oesterreich-Ungarns. Im Februar d. I. wurde er zum Oberbürgermeister von Budapest gewählt. Einige Wochen später wurde er in das Magnatenhaus berufen. Dr. Heltai war ein treuer Sohn des jüdischen Volkes und das ungarische Judentum verliert in ihm einen seiner besten Söhne. Flügeladjutant Oberst Ritter v. Margutti sprach in der Villa Heltai zu einem Kondolenzbesuche vor, überbrachte hiebei folgende Kondolenz des Kaisers: „Seine kaiserlich und königliche Apostolische Majestät vernahmen zu Allerhochstihrem tief empfundenen Bedauern das Ableben des Herrn Oberbürgermeisters Dr. Franz Heltai, Euer Hochwohlgeboren nun zu. Gott Heimgegangenen Gemahls, und geruhen Euer Hochwohlgeboren und Familie. Allerhöchstihre aufrichtigst gefühlte Versicherung Allerhöchstderen wärmster Teilnahme an dem Schmerz ob dieses überaus schweren Verlustes huldvollst auszudrücken. Ritter v. Margutti." Der gemeinsame Finanzminister Dr. Ritter v. Bilinski sandte an die Witwe Dr. Heltais folgendes Schreiben: „Hochgeehrte gnädige Frau! Tiefbetrübt durch die Nachricht von dem jähen Ableben Ihres teuren Gatten, gestatte ich mir. Ihnen von mir und unbekannter Weise auch von meiner Frau, den Ausdruck innigster Anteilnahme zu übermitteln. Mit Wehmut gedenke ich der schönen Geselligkeit in Ihrem Budapester Heim, wo der Verewigte den Kollegen seines öffentlichen Lebens mitten in der herzlichsten Gastfreundschaft wertvolle Anregung zu grotzen politischen Gedanken zu geben pflegte. Genehmigen Sie, hochgeehrte gnädige Frau, den Ausdruck meiner aufrichtigsten Verehrung. Bilinski." Auch an den Bürgermeister Dr. Stephan B a r c z y sandte der gemeinsame Finanzminister ein Kondolenztelegramm. lleberfall auf eine betende Judengrnppe. Aus Krakau wird uns geschrieben: Bis jetzt wurden die Juden in Galizien wenigstens in ihren religiösen Hebungen nicht gestört. Die fortgesetzte antisemitische Hetze der letzten Zeit hat jedoch die Gemüter der polnischen Chauvinisten so verroht, daß die Juden jetzt, besonders in manchen Städten, nicht einmal ihren Gottesdienst von Störungen sicher abhalten können. Vorigen Samstag hat eine grotze Gruppe von Juden in Vadovice nach Sabbatausgang vor dem Tempel Kiddufh-Levanah verrichtet, als ungefähr ein Dutzend junger Polen die betende Gruppe überfiel und sie mit Steinen bewarf. Während die meisten der Betenden erschreckt auseinanderliefen, hatten sich einige gegen die Angreifer gestellt, und ein Jude faßte den Anführer der Polen an der Hand, um ihn der Polizei zu übergeben. Nun zogen mehrere aus dieser polnischen Gesellschaft den Revolver und zwangen auf solche Weise die Juden zur Flucht. Die mutigen Polen fielen über einen Juden, der zurückgeblieben war, her, und schlugen ihn halbtot. Als die Polizei erschienen war, fand sie bloß den arg mißhandelten Hirsch Groner vor, von den polnischen Helden war keine Spur. Die Polizei stellte wohl eine genaue Untersuchung in Aussicht, doch befürchtet man, daß auch diese Untersuchung mit ähnlicher Resultatlosigkeit verlaufen werde, wie frühere Untersuchungen anläßlich ähnlicher Ausschreitungen. Dis jüdischen Gefangenen in Belgrad. In der Belgrader Festung befinden sich gegenwärtig folgende 20 gefangenen Juden, die im bulgarischen Heer dienten : aus Küstendil : Samuel N. Jankow, Schimon J. Koän, Tschilibi J. Beracna, Samuel J. Konforna, Nissim J Lazar; aus Si fia : Tschilibi B. Ninia, Ascher. B. Isak; aus fatar-Basardschik : David A. Benbasai; aus Rustschuk : Ni&sim Arstin; aus Warna: Chaim 6. Barach, Emanuel S. Achlillon, Chaim Almalach, Moscha Balul, Halomon Albu, Rafael J. Ramschei, Azarda Benarotü, Moscho Benzion; aus Pbilippoppel : Josef J. Israel, Marko B. Sarata? aus Samokow : David Ch. Melamed. Die jüd sehen Gefangenen aus dem türkischen Heere sind bereits in die Heimat entlassen. Ausser den erwähnten 20 gefangenen. Juden sind noch mehrere in N i s c h und Kumanowo interniert. Die Gefangenen werden in Belgrad menschlich behandelt. Nach den Wahrnehmungen des Unterzeichneten, der vom Kriegsminister um die Erlaubnis erhielt, die Gefangenen zu besuchen, werden sie genügend genährt. Die Kasernen sind rein gehalten. R. Das Wohnrecht der jüdischen Soldaten. Aus Petersburg wird uns geschrieben: Endlich hat sich die russische Regierung dazu ausgerafst, dem Skandal bezüglich des Wohnrechtes.der jüdischen Soldaten, die am russisch-japanischen Kriege teilgenommen haben, ein Ende zu bereiten. Bekanntlich haben einzelne Gouverneure in ihrem eigenen Wirkungskreise die Praxis geübt, daß jüdische Soldaten, die am russisch-japanischen Kriege teilnahmen, nur dann in ganz Rußland das Wohnrecht besitzen, wenn sie effektiv an einer Schlacht beteiligt waren. Die Regierung hat nun in einem Erlasse festgestellt, daß jeder jüdische Soldat, der am russisch-japanischen Kriege überhaupt teilgenommen hat, gleich den alten jüdischen Nikolajewer Soldaten, das Vorrecht genießen, auch außerhalb des jüdischen Ansiedelungsgebietes in ganz Rußland wohnen zu dürfen. Stanislaus Mendelsohn. Warschau. Am 25. v. M. ist hier Herr Stanislaus Mendelsohn im Alter von 55 Jahren plötzlich verschieden. Er war zuletzt Chefredakteur des in polnischer Sprache erscheinenden Organs der jüdischen Nationalisten „Przeglond Codzienny". Der Tod ereilte ihn im Redaktionsbureau während des Schreibens eines Artikels für das Morgenblatt. Mendelsohn war der Hauptschöpfer der polnischen Sozialistenpartei. Wegen seiner politischen Tätigkeit mußte er 1878 ins Ausland fliehen. Der Reihe nach wurde er aus Oesterreich aus der Schweiz, aus Preußen und Frankreich ausgewiesen. Wegen seiner Ausweisung aus Preußen kam es zu einer Parlamentsdebatte, in der seine Maßregelung vom Fürsten Bismarck gerechtfertigt wurde. Von Frankreich begab sich Mendelsohn nach England, wo er die juristischen Prüfungen bestand und eine Zeitlang als Rechtsanwalt wirkte. Nach-,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.