Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seite 5'5 Licht und Luft, zwischen Winkel- und Wackelwerk dort lebte, aber doch — lebte. Bis auch die vom Schicksal erreicht wurde. Bis zum „schwarzen Sonnabend", bis zum rotgezeichneten 17. Mai des Jahres 1913, standen sie hier Haus an Haus jene verträumten Zeugen einer ruhigeren, seligeren Zeit, denen wir trotzdem so gern keine Träne nachweinen möchten. Denn seitdem nach 1848 die wohlhabenden Juden „in die Stadt", resp. nach Wien, Budapest übersiedelten, um dort neue Werte zu schaffen, (siehe S. Mayer: Ein jüdischer Kaufmann) wohnte bloß Armut und Entbehrung hinter den spinnverwebten Fensterläden. Die künstlerisch gezierten, liebevoll gemeißelten Fronten und Tore, die Erker und Gallerien von Schmiedeeisen sahen gar selten ein schönheitsdurstiges Auge auf sich ruhen: düstere, stets geschäftige Gestalten schlichen durch die Gasse und auf den hohen Holztreppen und -gängen klang jeder Schritt wie dumpfes ^argesgedröhne. Aber die schmalen, finsteren Häuserschachte, die riesenhaft hingestreckten Doppel- und Trippelhöfe mit ihren übereinander liegenden Korridorgallerien waren von Erinnerungen belebt, die sich nicht an Individuen und Familienereignisse bloß knüpften, sondern an die ganze Judenheit, die seit ungefähr zehn Generationen, seit 1599, in ununterbrochener Reihe — wenn auch seit 1848 nicht ungemischt — diese Massenquartiere bewohnte. Wie es auf diesem teuren Boden keine kleinen Häuschen, keine Familienheime gab, so waren die Geschicke jedes einzelnen mit dem der Gesamtheit verknüpft. Kanonenkugeln an einem Einzelgebäude, Martererinnerungen eines grausam entehrten Weibes — aus allen und jedem sprach die Geschichte der Gasse. Und die Geschichte dieser eingepferchten Judengemeinden war ja überall dieselbe, ob an der Donau, ob am Main, die eine wie die andere weiß von barbarischen Einbrüchen und Plünderungen, von Seuchen und Feuersbrünsten zu erzählen, während ihr geistiges Leben andererseits Heroen der Wissenschaft, Helden und Märtyrer des Lebens aufweist, die wie leuchtende Fackeln die sie umgebende Finsternis des Mittelalters erhellen. In Folgendem möchte ich in den Schicksalen der beiden titelbenannten Städte und speziell in ihrer heutigen Bedeutung für das Judentum manche gemeinsamen Züge skizzieren. An mächtigen, schiffbaren Strömen, längs großer Volksheerstraßen gelegen, waren hier schon in grauer Vorzeit befestigte Ansiedelungen, römische Lastelle zu treffen. Trotz ihrer periphialen Lage wurden sie beide bald zu politischen Zentren, Frankfurt Reichswahlstadt, Preßburg etwas später Krönungsstätte der ungarischen Könige und Sitz des Landtages, bis sie in der Neuzeit als Verkehrs- und Kulturemporien, als Vertreter des guten, vornehmen Tones zur Bedeutung gelangten, um als geistige Rolande Wache zu Hallen gegen den drohenden „Urfeind" des Westens- Juden hat es in diesen mittelalterlichen Freistädten sicherlich schon in frühester Zeit gegeben, interessant ist es aber, daß sowohl die Franffurter wie die Preßburger Juden in der Literatur erst an der Schwelle des 12. Jahrhunderts auftreten, und zwar auffallenderweise bei einem und demselben Mainzer Chronisten zuerst erwähnt. * Das Gemeindewesen war damals noch ziemlich unorganisiert, die Einwohnerzahl fluktuierte beständig, und trotz ihrer Bedeutung, die sie im Judentum bald erlangten, mußten sie ihren politischen Einfluß oft mit anderen und kleineren Gemeinden ihrer Umgebung teilen, so Frankfurt mit den berühmten Rheingemeinden Köln, Worms, Offenbach rc., Preßburg mit Allofen und den sogenannten „sieben Gemeinden". Erst im 19. Jahrhundert begann jene Entwicklung, die den beiden Städten eine -führende, dominierende, fast unbestrittene Stelle innerhalb der Judenheit ihres Landes oder wenigstens ihres Lagers zuwies. Es war die Zeit, da im Gefolge der Aufllärung die Strömung der Iudenbefreiung Europa durchtobte, ein Orkan, der wohl siegreich die morschen Mauern des politischen und geistigen Ghettos in den Staub warf, aus deren Trümmern aber neue Schanzen und Grenzwälle zwischen Jud und Jud, zwischen Altgläubigen und Neologen aufrichten half. In diesen Kämpfen waren es eben Frankfurt und Preßburg. wo sich wieder in paralleler Entwicklung, ja in gegenseitiger Wechselwirkung wahre Bollwerke der konservativen, orthodoren Partei erhoben, deren Macht und Einfluß bis heute fast ungeschmälert währt. Und beide verdanken, wie einst das Jabne des Talmuds, ihre Bedeutung in erster Reihe ihren Schulen. Im Jahre 1806 war es. als ein Frankfurter Kind im besten Mannesalter auf dem Umwege über die kleine ungarische Gemeinde Mattersdors in Preßburg landete und dort nicht bloß die weitverbreitete Rabbinerdynastie der Szöfer-Schreiber begründete, sondern auch eine Meister- und Musterschule der im hebräischen Sinne sogenannten Szoferim-Schristkundigen, die bald zu Hunderten jüdische Lern- und Lehrweise, Wissen und Wissenschaft über den ganzen Erdball verbreiteten. Rabbi Moses Szüfer. in dem sich immenses Wissen mit deutscher Gründlichkeit und Energie paarte, wurde bald die anerkannt erste Autorität in dem damals zu gähren beginnenden Ungarn und seine Rabbinerschule ward zur „Jeschiwa" pur excellence, die seit ihrem Bestände Tausende von Rabbinern und noch viel mehr „Laienbrüder", dem In- und Auslande geliefert hat. Im Jahre 1856 wurde sie von der Regierung als alleinige „Hochschule" anerkannt, dem Rabbinerseminar quasi gleichgestellt, was ihre Popularität natürlich nur steigerte. Wohl nicht direkt, doch durch die Emanation des Geistes hat auch der große Reformator Frankfurts, der sogenannte Regenerator des deutschen, gesetzestreuen Judentums und dessen Gesetzgeber. Samson Raphael Hirsch, den Einfluß des obenerwähnten „Chassam Sz«>fer" gefühlt. Im Begründungsjahre der Preßberger Jeschiwa geboren, setzte seine lutherische Wirksamkeit eben ein Menschenalter später ein und indem er mit seinen 11 Getreuen den Auszug aus der Frankfurter Großgemeinde unternahm, zog er sozusagen nur die letzten Konsequenzen aus dem inneren Parteienkampf, der in Deutschland seit Mendelssohns Auftreten tobte. Doch mit dem Spalten nicht zufrieden, wollte Hirsch auch bauen. So entstand seine eigenartigste Schöpfung, die Realschule der „Israelitischen Religionsgesellschaft", die er — als Gegen- und Gegnerstück zum Philanthropinum gedacht — zum Prüfstein und zum Werkzeug seiner Ueberzeugung machen wollte, daß jüdisches Studium bloß auf Grundlage und im Besitze vollster Kultur und allgemeiner Bildung möglich, erfolgreich und dauerhaft sein könne! Der große Aufschwung des konservativen Frankfurts, dem heute wirklich nichts Jüdisches ftemd ist, in dem jede jüdische Strömung der Gegenwart ihren Ausgang oder doch ihren mächtigen Förderer findet, das Tausende in die Schlachtreihen des traditionellen Judentums und klingende Millionen in dessen Dienst stellt. — diese Entwicklung, die auch auf die Gegenparteien aneifernd, beispielgebend, jedenfalls oft moderierend wirkte, ist in erster Reihe auf die Tendenz der Hirsch'schen Schule zurückzuführen. Daß diesem jüdisch erzogenen Laienpublikum auch entsprechende geistige Führer und Lehrer erzogen werden, war eine ganz naheliegende Aufgabe, der sich aber Hirsch nicht mehr unterzog. Erst seinem Nachfolger und Schwiegersöhne, Dr. S. Breuer, war dies Vorbehalten. Nicht umsonst war dieser Mann aus dem Ungarlande hingekommen: sein erstes war, kaum daß er das Rabbinat übernommen, den Stolz seiner Heimat, die Preßburger