Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette bk? schirrhandel, einen Glashandel, einen Handel mit Kinderspielzeug, Papier, oder in irgend einer anderen speziellen Ware errichten will, mühte sie eine Lehr- und Servierzeit. die sie eine Reihe von Jahren durchgemacht hat, Nachweisen,- die Bedeutung einer solchen Beschränkung für die Erwerbsmöglichkeil oder vielmehr -Unmöglichkeit ungezählter Tausender, und gerade der Kleinsten, springt deutlich in die Augen — der Unsinn kann schon nicht größer sein. Herr Krakauer möchte es so darstellen, als ob seine Forderung auch im Interesse der Angestellten im Handelsgewerbe, der Handelsgehilfen, zu befürworten wären. Allein in der Gewerbe-Enquete hat der Obmann der Handelsgehilfen im Namen seiner Standesgenossen diese Wohltat höflich, aber entschieden abgewiesen. Er fügte hinzu: „Dort, wo der Befähigungsnachweis die Lebenslage der Angestellten berührt, tut er dies einzig in schädigender und drückender Weise." Das ist ja natürlich, die Anzahl der stellungslosen Handelsgehilfen ist eine erschreckend große: die Leute sind brotlos und brauchen Posten und diese können sie nur erlangen, wenn neue Geschäfte entstehen. Indem man dem Unternehmungsgeist Hindernisse bereitet, die Konkurrenzen ausschließt, schädigt man auch den Handlungsgehilfenstand. Je mehr Geschäfte, desto mehr Arbeitsgelegenheit, ihr Entstehen künstlich erschweren, heißt neue Arbeitsmöglichkeiten behindern. Aus der Geschichte der Kämpfe um den Befähigungsnachweis konnte auch der Laie die Ueberzeugung gewinnen, daß die Tendenz dieses sonderbaren Gesetzesprojektes gegen die Juden gerichtet ist. Die Juden müssen auf unbedingte Freiheit der Wahl bestehen, weil für sie nur die eine Hälfte der Erwerbsarien, nämlich die nichtagrarischen, in Frage kommen, während bei den christlichen die ganze Hälfte durch Grund und Boden versorgt ist. Ein weiterer Teil der christlichen Bevölkerung ist bei den staatlichen, bei den Landesstellen und im Kommunaldienst als Beamte untergebracht. Die Juden aber sind auf die wenigen freien Berufe angewiesen. Sie genießen vom Staate keinen Schutz, von der Bevölkerung kein Wohlwollen. Alles was sie erreichen, verdanken sie allein ihrer Fähigkeit. Darum verlangen sie vor allem Bewegungsfreiheit. Diese in ihrer Wirkung unterbinden, heißt die Juden unterdrücken. Freie Berufswahl ist für sie Lebensbedingung.' im Kampfe ums Dasein bildet ihre einzige Waffe die Fähigkeit, si-ch am ehesten dem Wechsel der Konjunktur und der Veränderungen im Gewerbe zu fügen, und wenn ein Gewerbe, sei es durch die Mode, sei es durch neue Erfindungen, aufhört, zu einem anderen überzugehen. Auch dem Schiffbrüchigen darf die Möglichkeit nicht verschlossen bleiben, auf einem anderen Gebiet neuerdings sein Glück zu versuchen. Warum soll ein verunglückter Schauspieler und Opernsänger oder ein von einer antisemitischen Gemeinderatsmajorität aufs Pflaster geworfener Kommunalbeamte nicht ein Warengeschäft eröffnen, um sich eine bürgerliche Existenz zu schaffen? Ist das vielleicht moralisch verwerflich oder volkswirtschaftlich schädlich? Von den Lueger, Liechtenstein, Schneider und Genossen haben ihre jüdischen Nachbeter es erlernt, das Klappern der eigenen Mühle als die Harmonie der Sphären anzupreisen. Man redet von den Interessen des Berufes und des Standes, wenn e-s gilt, eine unangenehme Konkurrenz, und zwar nicht die talentlose, sondern gerade die tüchtigere und überlegenere. sich vom Halse zu schaffen. Der Herr Einsender spricht von den im kaufmännischen Berufe „häufigen Mißerfolgen" aus Mangel an „Talent", „Befähigung", „Verständnis" und ..moralische Qualifikation". Glaubt er im Ernst, daß wer drei Jahre in einem Greislerladen den Kehrbesen geführt hat, dadurch „Talent" und „moralische Qualifikation" erwirbt? Der Lehrling aus einem Spezereigeschäft, vulgo Greislerei, einem Kramhandel, kann sich mit seinem „Verwendungsnachweis" nicht nur ein Seidenwarengeschäft, ein Gold-, Silber- und Iuwelengeschäft, er kann sich auch, wenn er das Geld und den Witz dazu hat, eine Bank errichten. Aber der Prokurist einer Bank, der „nur" studiert hat und nicht durch drei Jahre den Kehrbesen in einem Laden gehandhabt, also keinen „Verwendungsnachweis" besitzt, kann sich diesen Spezereiladen nicht eröffen. Wir waren Zeugen, daß ein Sektionschef aus dem Staatsdienst trat, um in der Leitung der Südbahn- Gesellschaft eine neue Wirksamkeit zu beginnen; ein zweiter Sektionschef trat an die Spitze der Kredit-Anstalt: indes an eine Greislerei, an ein sogenanntes kaufmännisches Detail-Geschäft dürfen sie sich nicht wagen, denn es fehlt ihnen, — was „Talent", „Befähigung", „Verständnis" und „moralische Qualifikation" verbürgt — der Verwendungsnachweis. Man versucht, diesen Nonsens sozialpolitisch als Schutz für die „Schwachen" darzüstellen. Das ist er aber nicht. Der Schwache wird von dem gelernten Starken noch häufiger und ebenso mitleidslos konkurrenziert, wie von dem ungelernten. Sein ganzer Zweck ist, eine Art numerus clausus zu bilden, den Zuzug zu verhindern, er soll, wie der numerus clausus auf anderen Gebieten, der Stachelzaundraht sein gegen die „Ueberflutung aus dem Osten". Allein die Schädigung wird nicht den östlichen Juden allein, sondern die jüdische Gesamtheit treffen. In welchem Ausmaß aber die Herren Bechert und Genossen von antisemitischen Gedankengängen bereits influenziert sind, ergibt sich aus einer anderen beschämenden Tatsache. Auf dem Komotauer Kaufmanns'ag hat der christlichsoziale Antisemit Johann Pa bst die Forderung nach einem neuen Hausiergesetz erhoben, um die letzten jüdischen Hausierer auszumerzen, und keiner der anwesenden jüdischen Kaufleute, auch keiner der Zionisten, hat zum Schutze der armen bedrängten Stammes¬ und Glaubensgenossen ein Wort gefunden. Dem Herrn Einsender aber, an den uns alte freundliche Verbindungen knüpfen, möchten wir zurufen: „Es tut mir in der Seele weh, daß ich Dich in der Gesellschaft seh." Wien. 5. August 1913. Dr. Josef S. Bloch. Vom Zabrmarkt des Lebens. Ehrung eines Wiener Arztes in Newyork. In Newyork erscheint eine Monatsschrift, die sich zur Aufgabe stellt, die ausführlichen Biographien und technisch vollendeten Porträts der um den Staat Newyork verdientesten Bürger monatlich zu veröffentlichen, und zwar in der ausgesprochenen Absicht, neben den Alt-Amerikanern auch die Verdienste der Eingewanderten zur Geltung zu bringen und so den Vorurteilen gegen jede Rasse und jeden Glauben zu begegnen. Unter den Gründern der Zeitschrift „American Citizen" („Amerikanische Bürger") finden wir den Gouverneur, die ober-