Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 31 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 660 Dr. BL>chs Wochenschrift. Nr. 31 Mitgift) zu geben. Endlich wurden sie sich darüber einig, daß. wenn jeder von ihnen des morgens statt zweier Semmeln nur immer eine Semmel atze, statt der nicht gegessenen Semmel aber das ersparte Geld dafür in' die. bis jetzt ganz leere Truhe würfe, so würden sie mit der Zeit doch a Nedunje für die Tochter zusammenkriegen. Seitdem sammelten sie eifrig Münzen, ohne daß jemand im Orte eine Ahnung davon hatte, daß der nebbich arme Melamed eine Truhe hätte, und in der Tiruhe Geld, wenn auch nur kleine Kupfermünzen. Sie wohnten am äußersten Ende des Ortes, oben auf einem Hügel, und die Straße führte von dort bis zur Mitte des Städtchens abwärts. Und dort am Markt war die Synagoge. Von seiner hochgelegenen Wohnung überblickte der Melamed die ganze Straße. Aber niemand wußte, was in seinem entlegenen Häuschen vor sich ginge. Eines Tages kamen der Melamed und die Melamedke auf den Gedanken, das Geld in der Truhe zu zählen. Der Alkerschi war eng, die Truhe groß und mehr als mannshoch!. Sie mußten also hineinsteigen, wenn sie es zählen wollten. Da es aber finster war, denn der Deckel wollte sich nicht ganz öffnen lassen, so öffneten sie, um mehr Licht im Kasten zu haben, die Türe des „Älkersch" zur Straße, stiegen dann beide in die Truhe hinein und machten sich alsbald ans Zählen. Sie könnten sich aber nicht einigen, wer zählen sollte. Jeder war darauf erpicht, und bei ihrem heftigen Dispüt stießen sie so an den Kasten, in dem sie standen, daß der Deckel über ihrem Kopfe zuschlug und ins Schloß schnappte und zugleich auf die Straße hinausrollte. Die aber war, wie gesagt, eine Bergstraße, und so lief und rollte denn der Kasten auf dem holprigen Weg mit beschleunigtem Tempo die Gasse herunter, gerade auf die Synagoge zu, wo die Männer standen, die eben aus der Kohlsstube (Beratungszimmer der Gemeinde) gekommen waren. Entsetzt waren diese, als ein großer Kasten ganz allein auf den Marktplatz angelaufen kam. Aber drinnen lärmte und rumorte es, so daß ihnen gar kein Zweifel war, daß darin der Szoton (Satan) saß. Der Kasten blieb mitten auf dem Markte stehen, aber der Lärm und das Schreien im Kasten dauerte an. Was macht man? Man tut, was man kann! Man macht an Aßife (eine Gemeindeversammlung). Nach langen Ueberlegungen wird beschlossen, man soll mit einer Art den Kasten aufschlagen. An wem bleibt's hängen? Natürlich beim Schammes. Der Schammes soll in die Mikweh (das rituelle Tauchbad) gein, soll sich täuwel sein (sich nach der rituellen Vorschrift dort untertauchen), um gegen die Scheidim (die bösen Mächte) gefeit zu sein. Das geschieht. Der Schammes sagt die Widde (Widduj, das Vußgebet des Versöhnungstages) und ergreift unter Todesangst die Art, uM den Kasten zu erbrechen. Der Deckel springt auf, und es kommen heraus — — a Melamed mit a Melamedke. Darum fleht im Pinkas Hakkohl (im Gemeinde-Protokollbuche) verzeichnet: „Von nun an soll a Melamed mit a Melamedke nit kein Kasten auf vier Rädern hoben. "'^) In Chetm gab es eine große Plage von Raiten. Was man zum Essen bestimmt hatte, schleppten ffe weg oder verekelten es wenigstens dadurch, daß sse cs anknabberten. Und nichts half gegen d'ese Rattenplage. In ihrer Not wußten die Chelmer nicht, sich zu helfen, als von ungefähr ein Fremder in die Stadt kam, und ihm klagten sie ihr Leid. Er sah natürlich sehr schnell, wen er vor sich hatte, und versprach ihnen zu helfen, wenn sie gut bezahlen wollten. Das geschah, und er lieferte ihnen, die noch nie eine Katze gesehen hatten, einen gehörigen Kater, machte sich aber alsbald aus dem rh Mündlich aus Plock in Polen. Staube in der Furcht, es möchte sie der Kauf doch vielleicht gereuen. Als er schon in Sicherheit war, freuten fidj, die Theimer zuerst des mächtigen Erfolges ihres Katers, der ein wildes Morden unter den Ratten anrichtete. Aber die Freude der Cheimer verwandelte sich in Furcht und Grausen, als die Ratten mehr und mehr sich auch aus Furcht vor der Katze scheu zurückzogen. Denn ihnen kam nun der Gedanke, das fremde Tier möchte, wenn es keine Ratten Mehr zu vertilgen hätte, sich daran machen, Menschen zu fressen. In ihrer Angst machten sie ane Aßife (Versammlung) und es wurde beschlossen, der Schammes (Synagogendiener) solle das Tier fangen und in einen Sack stecken. Inzwischen war die Katze auf das Synagogendach geklettert und saß dort ganz vergnüglich, als der Schammes Heraufstieg, rlm sie ernzufangen. Voller Eifer warf er sich auf die Katze, ohne sie jedoch zu ergreifen. Wohl abe/ fiel er vom Dachei und brach das Genick. Die Katze aber wor aweg (war fort). Die Geschichte von der Katze, die den Chetmer Juden unbekannt ist, hat ihr fast gleiches Vorbild bei den Schildbürgern. In Schilda, wo es keine Katze gab. aber soviel Mäuse, daß ihnen auch iM Brotkorb nichts sicher war, kehrt ein Wandersmann mit einer Katze auf dem Arme bei dem Wirte des Dorfes ein. Der Wirt fragt ihn, was doch dieses für ein Tier fei. Er sprach: es sei ein Maushund. Nun waren die Mäuse zu Schilde da so heimisch und zahm, daß sie auch vor den Leuten nicht mehr flohen, liefen bei Tag hin und her ohne alles Scheuen: darumließ der Wandersmann die Katze laufen, die erlegt alsbald, ln Beisein des Wirts, der Mäuse gar viel. Die Gemeinde kauft für hundert Gulden den „Maushund", der in der Burg, die gleichzeitig als Getreidespeicher dient, untergebracht wird. Sie hatten aber vergessen, den Wandersmann, der eiligst mit seinem Gelbe abgezogen war, zu fragen, was der „Maushünd" fresse, wenn die Mäuse vertilgt wären. Ein Eilbote wird ihm zu diesem Zwecke nachgesandt. In der Meinung, man wolle ihm das Geld wieder abnehmen, läuft der Wanderer so schnell, daß der nachgesandte Bauer ihn nur auf Hörweite erreichen kann. Darum schrie er ihmvon ferne nach: „Was isset er? Was isset er?" Jener antwortete: „Was man ihm beut, was man ihm beut!" Der Bauer hatte verstanden: „Vieh und Leut', Vieh und Leut'!" kehrt deswegen in großem Unmut wieder heim und zeiget solches seinen gnädigen Herrn an. Es wurde beschlossen, die Katze zu töten, aber keiner wollte sie angreifen. Darum wurden sie Mats, sie eit dem Schloß mit Feuer zu verbrennen: denn es wäre besser, ein geringer Schaden, als daß sie alle 'sollten um Leib und Leben kommen. Also zündeten sie das Schloß an. Das Schloß verbrannte. Die Katze sprang zu einem Fenster hinaus und floh in ein anderes Haus. Dies Haus kauft die Gemeinde, um es ebenfalls zu verbrennen. An einem langen Spieße, mit dem man nach ihr stechen will, als sie auf dem Dach sitzt, läuft s'e herab, worüber die ganze Gemeinde so erschrak, daß sie davonliefen und das Feuer brennen ließen. Das ganze Dorf verbrennt bis auf ein Haus, und gleichwohl kam die Katze Mit heiler Haut davon, während die Bauern mit Weib und Kind in einen Wald geflohen waren. Damalen verbrennet auch ihre Kanzlei: also daß von ihren Geschichten nichts Ordentliches mehr verzeichnet zu finden. Aus Furcht vor dem „Maushund" verließen sie die Heimat und sind seitdem in alle Welt verstreuet.-) as) Nach: Friedrich Heinrich von der Hage n: Narrenbuch Halle 1811. Stück 44 und 45 (Seite 208-214)- Beachte im Anh. Seite 428 „und so sind sie nun wieder, wie die Juden, durch die ganze Welt zerstreuet, und überall anzutreffen."