Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 31 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 31 Auszeichnung eines jüdischen Gelehrten. Die Pariser Akademie der Wissenschaften hat. wie aus Paris berichtet wird, für die Besetzung, des Lehrstuhles für koloniale Studien an dem College de France mit 41 von 42 Stimmen primo et unico loco Professor Natan Larier in Vorschlag gebracht. Eine wackere Tat des Professors Auer. Aus Petersburg wird uns geschrieben: Der aus Ungarn stammende Direktor des hiesigen Konservatoriums und populäre Musiklehrer Auer hat dieser Tage eine wackere Tat begangen, die hier vielfach besprochen wird. Professor Auer brachte in Erfahrung, daß die russische Regierung beschlossen habe, auch am Konservatorium eine Prozentnorm für Juden einzuführen, wie sie an den anderen Hoch- und Mittelschulen besteht. Professor Auer teilte der Regierung mit, daß er im Falle der Einführung der Prozentnorm entschlossen ist, alle seine Aemter am Konservatorium niederzulegen, eventuell sogar Rußland zu verlassen. Bei der großen Popularität, die der gefeierte Künstler in Rußland genießt, fiel es der russischen Regierung schwer, Professor Auer ziehen zu lassen, und sie beeilte sich, dem Meister mitzuteilen, daß vorderhand eine Einführung der Prozentnorm gar nicht geplant sei. Feuilleton. Der Mische Witz. Von kgl. Bibliothekar Dr. Heinrich Loewe. Berlin. (Schluß.) V. Zu den Zeiten, wo Mordche Rackewer durch seine lustigen Streiche sich einen Namen machte, lebte auch ein Rabbi, der schon irgend etwas gelesen haben mochte, weswegen er in den Ruf eines Apikäures, eines Freigeistes, kam. Aber völlig wurde er zum Abbilds des Posche Iißroel (Abtrünnigen von Israel), als er sich als Werkzeug einer Tabaksteuer der russischen Regierung hergab, so daß sein Bild auf den Steuerbanderolen der Regierung zu sehen war. Der Lencziner Row wurde damit zum Inbegriff aller Untugenden und Laster, und ihnl wurden die im Volke umlaufenden Anekdoten an an die Fersen geheftet, in denen der Unsittlichkeit der Stab gebrochen wurde. Eines Tages, so erzählt man in P 1 o ck, waren der Lentschiner Row und Reb Mordche Rackewer gemeinsam auf einem Fuhrwerk unterwegs, wobei Reb Mordche zugleich den Baalegule (nVw bvi — Fuhrmann) vertrat. Es war ein schöner Sommerabend, als sie in einer einsamen Kretschme (jüdische Schenke) zur Nacht einkehrten. Der Kretschmer (Schankwirt) war abwesend, und die schmucke junge Wirtin führte das Hauswesen. Das betrachtete der Lentschiner Row, der eine sehr würdige männliche Figur machte, als einen Wink des Geschickes, sich zur Kurtzweil an die dralle Frau heranzumächen. Mordche beobachtete bald, wie der Row sich mehr mit der jungen Frau beschäftigte, als mit Beten und Psalmensingen. Als Mordche sich in dem Schlafzimmer, das für ihn und den Row gemeinsam hergerichtet war, zur Ruhe legte, hörte er, daß der Row drinnen nebenan der jungen Frau zuredete, sich in Abwesenheit ihres Mannes mit seiner starken männlichen Persönlichkeit zu trösten. Die junge Frau war zuerst sehr empört. Wieder und wieder hörte Mordche, wie der Rebbe in sie einredete, und sie endlich sagte, daß sie die große Sünde scheue. Er sagte ihr, er werde, um die Sünde zu tilgen, eine ganze Woche lang täglich einen Peirek Mischnajes (Kapitel der Mischna) mehr Sette bös lernen. Sie aber weigerte sich, es sei eine zu große Sünde, sie sei doch Eisches Isch (eine einem Manne angelraute Frau). Der forsche Row aber wußte ihr klar zu machen, daß diese Sünde nicht so groß wäre, daß er sie nicht für beide Teile durch das Lernen von täglich zwei Perokim Mischnajes wieder gutmachen würde, so daß Mordche hörte, wie die Frau sich nunmehr bereit erklärte, ihm die Stelle des Mannes für diese Nacht einzuräumen. Da nahm Mordche je'ne große Kutscherpeitsche und klopfte grob und derb an die Türe zu dem Zimmer, wo sie beide waren und rief hinein: „Rebbe, kimmt, es ist Zeit, aweg zu fahren." Der Schreck und Mordches Drängen taten das ihrige, daß der Lentschiner Row seine böse Lust fahren ließ, um statt eines Ehebruchs sich der Fahrt auf dem holprigen Wege zu erfreuen. Lange saßen sie stumm nebeneinander, bis endlich Mordche Rackewer das tiefe Schweigen unterbrach, indem er sagte: „Rebbe, heint nacht hob ich von eich gelernt zu verstein, was die Gemore meint, wenn sie erklärt? Monäuch (Manoach, der Vater Simsons) ist gewen an Amorez (ein talmudisch Unwissender), weil es im Poßuk") heißt: irrarc '->nrr rrca und Monäuch is gegangen hinter saan Waab. Wos ist dos fer an Amrazzes (Unwissenheit im Jüdischen), daß er hinter saan Waab is gegangen? Ietzter weiß ich es, er is gewen an Amovez, weil er is gegangen hinter saan Waab, saan aagenes (eigenes) Waab. Wäre er ein Lamdan (ein Gesetzesgelehrter) gewesen, so hätte er gewußt, daß er hinter fremden Weibern hergehen darf, man brauch ja nur zwei Perokim Mischnajes zu lernen und kann gehen zu Eisches Isch. Er ist tacke (wirklich) gewen an Amorez. ihr obber seid ein Lamden, und jetzt verstei ich den Poßuk." Ohne diesen anekdotischen Hintergrund ist d'ese Erklärung der Talmudstelle auch in Dessauers Witzbuch übergegangen: Im Talmud heißt es. daß Manoach, der Vater Simsons (s. Richter. Kap. 13, 11) ein Amorez war. weil er seinem Weibe folgte. „Und mit Recht", bemerkte ein Weltling. „warum ist er nicht schönen anderen Damen nachgegangen? Warum nur seinem Weibe? Daher wird er ein Amorez genannt!"^") Schließlich aber täte man Unrecht, wenn von jüdischem Witz und Humor die Rede ist, zu schließen, ohne der Chelmer Neronim zu gedenken, die alle Schildbürgerstreiche gemacht und neue jüdische dazu erdacht haben. Zu Chelm steht im Pinkas Hakkohl (in dem Gemeinde-Protokollbuche) eingeschrieben: „A Melamed mit a Melantedke (Elementarlehrer und seine Frau) soll nit kein Kasten auf vier Rädern hoben." » Das hat folgenden Zusammenhang: In alten Zeiten und noch bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bewahrte man sein ganzes Gold und Silber bei den Juden in Polen in einer großen Truhe auf. die auf vier Rädern ruhte. Die Truhe stand in einem „Alkersch" (Alkoven) an der Tür. Diese war nach der Straße zu öffnen und inwendig mit Ketten verschlossen. Brach nun Feuer aus, so nahm man einfach die Ketten weg, gab der Truhe einen Stoß und rollte sie in Sicherheit auf die Straße. Dann ging man erst daran, zu löschen. Denn das Wertvollste war jedenfalls gerettet. In Chelm lebte nun a Melamed mit aMelamedke. denen es. wie allen Melamdim, sehr traurig ging. Sie hatten eine Tochter und dachten oft daran, daß sie nicht in der Lage sein würden, ihr a Naddn (Nedun — '->) Richter XNI.ZII. -°) D e?s saue r, Julius: Der jüdische Humorist. 2. Aust. Rev. von August Wünsche. (1899). Seite 49. Dr. Blochs Wochenschrift