Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 31 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 31 regung, welche im Jahre 1840 anläßlich der Blutbeschuldigung in Damaskus sich der gesamten Iudenheit bemächtigte und welche Sir Moses Montefiore und Adolphe Cremieur zu einer Aktion im Namen der jüdischen Gesamtheit veranlaßt hat. ist doch gar nichts gegenüber der Empörung, die in unseren Tagen, wo wir für die Ehre des Judentums viel empfindlicher sind, wie ein Sturm durch alle Länder gehen müßte. Glücklicherweise leben jetzt schon über die Hälfte unserer Glaubensgenossen in freien Ländern und, so ohnmächtig sie auch gegenüber der russischen Barbarei sind, so haben sie doch die Möglichkeit, im Namen der Wahrheit und Gerechtigkeit ihre Stimme so laut und so energisch zu erheben, daß sie von den redlichen und anständigen Menschen der zivilisierten Welt nicht überhört werden könnten. Ich meine damit, daß ein grandioses Protestmeeting, an welchem neben den Vertretern aller großen jüdischen Gemeinden auch hervorragende Christen teilnehmen würden, unvermeidlich ist. Ich habe mit Herrn Dr. Paul Nathan über die Frage einer internationalen Protestkundgebung vor kurzem korrespondiert. Dr. Nathan hält London für den geeignetsten Ort. Ich gehe aber noch weiter. Mit Rücksicht auf den Umstand, daß die schändliche Blutbeschuldigung in Kiew, wie in dieser Stadt selbst und im ganzen russischen Reiche unter den Gebildeten bekannt ist, auf einer mala fides des Justizministeriums beruht; daß man seit zwei Jahren konseguent die Verfolgung der wirklichen, in der Stadt bekannten Verbrecher unterläßt und von St. Petersburg aus eine Pression auf das Gericht in Kiew ausübt, daß der Jude. Beilis, und zwar eben nur, weil er Jude ist, mit Hilfe von blödsinnigen Gutachten über die Ritualmordlegende als Mörder angeklagt werde: daß diese ganze, von offiziellen und offiziösen Organen in Rußland seit zwei Jahren betriebene wütende Agitation das russische Volk durch die Ritualmordbeschuldigung in einer Pogromstimmung gegen die Juden zu erhalten, nur ein Glied in der langen Klette der unmenschlichen Verfolgungen ist, unter welchen die Juden in Rußland leiden — wäre es notwendig, daß ein Weltkongreß von Menschenfreunden einberufen werde, welcher sich mit der Frage der Befreiung dieser in Wahrheit als letzte SklavenEuropas zu bezeichnenden sechs Millionen Menschen befasse. Die öffentliche Moral der Kulturwelt, das Gewissen der gebildeten Menschheit wird für die Dauer die Heuchelei nicht bestehen lassen, daß es sich hier um eine interne Angelegenheit Rußlands handle, an die man nicht rühren dürfe. Europa und Amerika müssen erfahren, in welcher Weise die Juden in Rußland von der Regierung des Zaren systematisch nicht nur von allen bürgerlichen Rechten ausgeschlossen, wirtschaftlich in Not und Elend gedrängt, sondern auch durch Entziehung der Möglichkeit der Bildung geistig herabgesetzt und demoralisiert werden. Zu den Ausgaben eines derartigen Kongresses würde es auch gehören, gegen die Degradierung der ausländischen Juden in Rußland Protest zu erheben. Die Agitation, die in Amerika zur Erwirkung der Freizügigkeit amerikanischer Juden in Rußland eingeleitet wurde und vorläufig ergebnislos blieb, muß auf breiterer Basis gleichzeitig auf beiden Kontinenten wieder ausgenommen werden. Die im politischen und ökonomischen Leben der Völker vielfach eine hohe Position einnehmenden Juden, die sich jetzt mit ihren Glaubensgenossen wenig solidarisch fühlen, würden vielleicht durch einen Weltkongreß daran erinnert werden, daß es sich auch um ihre persönliche Ehre und Würde handelt, und mit vereinten Kräften würden sie doch etwas mehr ausrichten können. Das positive Ergebnis eines Kongresses müßte die Bildung eines ständigen internationalen Komitees sein, das auf rein humanitärer Grundlage ebenso wie die White Slave Seite 551 Traffic Liga gegen die Judenverfolgungen eine aufklärende Propaganda energisch zu betreiben hätte. Wie sich diese beiden Gebiete berühren, hat Chiefrabbi Dr. Hertz jüngst in einer besonders dankenswerten Weise öffentlich hervorgehoben. Es muß dafür gesorgt werden, daß aus allen internationalen Kongressen, wo Rußland sich als Kulturstaat vertreten läßt, seinen Vertretern in ähnlicher Weise die Wahrheit gesagt werde. Sollte der Iustschinski-Prozeß durch die Erregung, die er hervorruft, zu einer derartigen Aktion Anlaß geben, so wird er vielleicht der Ausgangspunkt zu einer neuen und wirksamen Organisation der Selbsthilfe unter den Juden Europas und Amerikas werden. Geheimrat Professor von Wassermann. Geheimrat Professor Dr. August von Wassermann, der hervorragende Berliner Bakteriologe, der unter anderem die nach ihm Genannte Wassermann'sche Reaktion entdeckt hat, die gegenwärtig eines der wichtigsten diagnostischen Hilfsmittel der praktischen Medizin bildet, wurde zum Direktor des Kaiser Wilhelms-Instituts für erperimentale Therapie in Dahlen bei Berlin ernannt. Geheimrat von Wassermann hat sich in der letzten Zeit namentlich mit der Krebsforschung beschäftigt und sucht auf dem Wege der Chemotherapie, auf dem Ehrlich die Entdeckung des Salvarsan gelungen ist, ein Heilmittel gegen die furchtbare Krankheit zu finden. Staatsmrmster Asser. Nach einer Meldung aus dem Haag ist dort der niederländische Staatsminister Dr. T. M. C. Asser rm 76. Lebensjahre gestorben. Asser hat sich auf dem Gebiet des internationalen Rechtes große Verdienste erworben. Er war der ständige Vertreter seines Landes auf allen das internationale Recht behandelnden Kongressen: mit Rolin-Iacquemys errichtete er die „Revue |de Droit International et de Legislation Compareeu, zu der ec die meisten Beiträge lieferte, ferner war er Mitglied des Komitees der Rheinuferstaaten, und sowohl auf der ersten wie auf der zweiten Friedenskonferenz gehörte er zu den niederländischen Vertretern, in welcher Eigenschaft er bei der Vorbereitung und Abfassung der von der Konferenz zu bearbeitenden Materien häufig eine ausschlaggebende Rolle spielte. Kein Vertrag, in dem schwierige internationale Rechtsfragen gelöst werden mußten, ist von den Niederlanden mit einem anderen Staat geschlossen worden, bei dem Assers Einfluß sich nicht geltend gemacht hat. Er hat seinem Vaterlande zu der Ehre verholfen, den ersten Anstoß zur Festlegung des internationalen Privatrechtes gegeben zu haben. Von den finnkandischen Juden. (Ein Interview mit Dr. Thekla Hultin.) Der Redakteur des ungarischen Wochenblattes „Egyenlöseg" hatte mit dem in Budapest weilenden Mitgliede des finnischen Landtages Dr. Thekla Hultin eine Unterredung, in welcher Dr. Hultin sich üher>die Juden wie folgt äußerte: „Die Lage der Juden ist in Finnland dort» wo sie unter Finnen und nicht unter Russen leben, eine gute und zufriedenstellende. Es ist ihnen auch gelungen, das finnländische Staatsbürgerrecht zu erlangen. Dieser Zustand hat sich natürlich in dem Augenblicke geändert, als die russische Willkür ihre Hand auf Finnland gelegt hat und alles aufbietet, um die Finnen auf allen Gebieten zu unterdrücken. Die Juden sind in Rußland in einige Rayons eingepfercht, aus denen sie sich nicht herausrühren dürfen, und da Finnland nicht zu diesen Rayons gehört, so können Juden jetzt überhaupt nicht nach Finnland gelangen. Das Hauptbestreben Rußlands Dr. Vßochs Wochenschrift.