Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 31 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 550 De. BLochs Wochenschrift. Nc. 31 sehen, daß die rumänische Negierung sich der einfachsten und selbstverständlichsten Menschlichkeit zu nähern beginne. Das was jetzt gesagt wurde, hat man schon einmal während eines Krieges gesagt und dann doch nicht gehalten. Man kann auch nur wenig Vertrauen zu einer Regierung haben, welche vor ganz Europa die gerechte Behandlung der Juden feierlich versprochen hat, um dann ihre Zusage in ein empörendes Gegenteil zu verkehren. Die Rumänen lassen sich gerne die Franzosen des Ostens nennen. Rach dem, was bis jetzt dort in der Behandlung der Juden geschehen ist, würde sich die Mehrzahl der Franzosen sicherlich für den Vergleich bedanken. Immerhin aber ist es möglich und denkbar, daß die Staatsmänner von Bukarest nicht neuerlich den Vorwurf der Verlogenheit auf sich nehmen und eine Besserung herbeiführen werden. Man mutz aber unter allen Umständen die Zusage festhalten und ihre Erfüllung verfolgen. Dazu haben wir eben unsere jüdischen Organisationen. Diese müssen die Affäre mit ihrem ganzen Einflutz betreiben und im Wege der Kabinette vielleicht jetzt schon etwas durchzusetzen suchen, wo jedes politische Interesse auf Bukarest konzentriert ist. Die Lache selbst iit es wohl reichlich wert. Man gewöhnt sich nur allzuleicht an Uebelstände, wenn sie lange dauern und entwickelt dann nicht den rechten Eifer. Die Erlösung der rumänischen Juden aus Elend und sklavischer Entrechtung aber wäre eine historische Tat der Kultur für unser ganzes Jahrhundert. __ Vom Jahrmarkt des Lebens. (grifft Schneiders fei. Erben. Die österreichische Rückständigkeit hat zweifellos ihren schärfsten Ausdruck in dem famosen „Befähigungsnachweis" gefunden, welcher Handwerk und Gewerbe zünftlerisch einschnürt, jede freie Bewegung hemmt, den Uebergang von einem Berufe zum andern unmöglich . macht und jeden gewerblichen Fortschritt unterbindet. Diese Gesetzgebung, deren Urheber Graf Egbert Belc r e b i und Prinz Alois Liechten st ein waren, bilden das Resultat jahrzehntelanger agitatorischer Arbeit des eben verstorbenen Ernst Schneider. Die Gesetze über den „Befähigungsnachweis", ein Unikum in Europa, halten eine ausgesprochen antisemitische Tendenz, die Juden aus dem Handwerk und Gewerbe möglichst auszuscheiden. Christliche Handwerker nehmen keine jüdischen Lehrlinge auf, die Zünfte weigern sich, einen jüdischen Lehrling freizusprechen, selbst solche, welche Handwerkerschulen besucht haben, können schwer das Zertifikat erlangen, welches ihnen die Ausübung des erlernten Handwerks ermöglicht. Die Baron Hirsch-Stiftung für Galizien hat mit den Zünften deswegen jahrelang Prozesse geführt und die Macht der Zünfte, welche die Juden aussperren, war nicht zu brechen. Nun soll dieser so wirksame „Befähigungsnachweis" auch auf das Handelsgewerbe ausgedehnt werden, d. h. auch auf diesem Gebiete soll die Einschnürung oder Einschränkung der Juden Platz greifen. In Komotau hat am 28. Juli ein Kaufmannstag stattgefunden, welcher eine dahinzielende Resolution zum Beschlutz erhob. Das Präsidium führte der deutschnationale Landtagsabgeordnete Pabst (Wien) und die antisemitischen Matadore beider Sekten, christlichsozial und deutschnational, haben sich auf dieser Tagung zusammengefunden. Nachdem der Vorsitzende, der antisemitische Abgeordnete Pabst, speziell „die Schaffung eines Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb", „eines neuen Hausierergesetzes" usw. als dringlich proklamierte, trat als zweiter Redner Herr Ernst Bechert (Teplitz) auf, um das Verlangen nach einem neuen Gesetz zur „Erweiterung des kaufmännischen Befähigungsnachweises" zu begründen. Herr Bechert beantragte eine Resolution, deren wesentlichste Stelle lautet: „Tre w chtigste ■bUfu Folderungkn ist die Erweiterung des k..usmännischen Befähigungsnachweises. Tie Ueberflutung der freien Branchen ist eine Gefahr. Die Zustände sind unhaltbarer als vor Einführung des Befähigungsnachweises für einige Handelszweige. Diesen unhaltbaren Zustand zu beseitigen, erklärt dieser österreichische Kaufmannstag alseine dringende Notwendigkeit und stillt c.u die Regierung und insbesondere an die bürgerlichen Abgeordneten di.s Verlangen, die Beseitigung dieses gefährl'chen Zustandes rasch und in't aller Energie herbeizuführen." In der Debatte gerieten die Anhänger und Gegner des.Befähigungsnachweises hart aneinander. Es kam zu leidenschaftlich erregten Auseinandersetzungen, die in Tumultszenen und Handgreiflichkeiten auszuarten drohten. Die Herren Freund („Merkur", Teplitz) und Feigl (Auscha) führten unter dem stürmischen Widerspruche der übergroßen Mehrheit der Versammlungsteilnehmer ihre Argumente gegen den Befähigungsnachweis ins Treffen. Die Auseinandersetzungen fanden auch im Zuhörerraum oft von Mann zu Mann ihre Fortsetzung, schließlich aber gelangte die vorgeschlagene Resolution mit allen gegen 4 Stimmen zur Annahme. Die Reaktionäre halten also den Triumph des Tages für sich. Mit einem solchen Gesetze würden sie einen doppelten Zweck erreichen: Zunächst den Zuzug jüdischer Elemente zum Handelsgewerbe einzuschränken und dann den Ilebergang von einem Beruf zu einem anderen gesetzlich zu erschwerden. Da schon derzeit zahlreiche Firmen, leider selbst solche, deren Chefs Juden sind, jüdische Angestellte nur widerwillig aufnehmen, weil sie der Kundschaft wegen es für vorteilhafter erachten, arische Kommis zu halten, so wird der Befähigungsnachweis einen Stachelzaundraht gegen die Verladung des Handelsstandes bilden. Der Antragsteller aber, Herr R e ch e r t aus Teplitz, ein Parteigänger der österreichischen Zionisten, hat unseres Erinnerns auf diversen Parteitagen des österreichischen Zionismus als Wortführer fungiert. Er etabliert sich nunmehr als Nachfolger Ernst Schneiders, als Pfleger seiner Tradition, das Werk zu vollenden, welches Ernst Schneider in seinem Verfolgungseifer gegen das jüdische Volk begonnen. Ernst Schneiders sei. Erben! Ein Kongreß für die Menschenrechte der russischen Juden. Der „Iewish Chronicle" publiziert folgendes Schreiben des Herrn Dr. Armand Kaminka, das eine unter den gegenwärtigen Verhältnissen beachtenswerte Anregung enthält: Als vor einem Jahre Baron Heyking in London gewagt hatte, die Behauptung aufzustellen, es könnte eine Sette unter den Juden geben, die zu rituellen Zwecken Christenkinder morde, wurde dies nicht als harmlose Ignoranz eines russischen Funktionärs betrachtet, und der Präsident unserer Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, der zugleich Präsident des Bundes aller österreichischen jüdischen Gemeinden ist, in deren Mitte alle religiösen Gruppen des Judentums ohne Ausnahme vertreten sind, richtete an die „Times" ein Telegramm, in welchem er seine Entrüstung über diese niederträchtige Insinuation ausdrückte. Nun ist das Unerhörte geschehen, daß nicht irgendein russischer Diplomat, sondern die Regierung des Zarenreiches als solche, die Regierung einer Großmacht, welche mit England und Frankreich alliiert ist und welche den Anspruch erhebt, daß ihre Justiz und ihre staatlichen Einrichtungen in der Kulturwelt geachtet werden, sich zum Glauben, daß ein Jude aus religiösen Gründen ein christliches Kind bestialisch martern und töten kann, öffentlich bekennt. Diese Tatsache ist eine so ungeheuerliche, daß alle jüdischen Gemeinden der Welt, alle großen jüdischen Korporationen, alle Rabbiner Europas und Amerikas durch sie ausgerüttelt werden müssen. Die Er-