Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Bkochs Wochenschrift Sette 545 unter den Grenzbeaufsichtigungen schon deshalb mehr als andere zu leiden hatten, weil man es noch bis auf den heutigen Tag an den meisten Grenzen für besonders angebracht hält, gegen Juden strenger zu sein, als gegen andere Erdenbewohner, sind in vielen Ländern außerdem noch so sehr in allen Erwerbsarten beschränkt, daß sie vielfach, so weit sie überhaupt an den Grenzen wohnen, in gewissem! Sinne auf den Schmuggel hingewiesen sind, zuMal wenn es das Gesetz, wie dies beim russischen Reiche der Fall ist, absichtlich daraus absieht, dem Juden jeden ehrlichen Erwerb unmöglich zu machen. Infolgedessen gibt es auch eine große Menge jüdischer Grenz- und Schmuggleranekdoten, die natürlich zum Inhalt haben, wie man das feindliche Argusauge d s Fonje Gannew (diebischen Athanasius, der Typus des Russen in der jüdischen Volkserzählung) doch getäuscht hat. Da in Rußland das Branntweinmonopol lediglich dazu erfunden wurde, um den Juden diesen Erwerbszweig zu nehmen, und da die Branntweinsteuer schon früher immer gerade die kleinen jüdischen Schankwirte traf, so ist es der Branntweinschmuggel, der die meisten solcher Anekdoten hervorgebracht hat. Eine jüdische Frau kommt auf die Grenzkam.uer offenbar ohne Gepäck, abgesehen von dem kleinen Bündel mit Eßwaren in der Hand. Auf dem Rücken trägt sie ihr Kind, wie es dort bei jüdischen armen Frauen. und polnischen Bäuerinnen Brauch ist. Offenbar hatte sie Angst, daß das Kind schreien würde, denn sie schaukelte und wiegte es ununterbrochen, indem sie die linke Hand unter ihrer Rückenlast wippen ließ. Dabei sang sie eintönig: „Häh, häh, Todresläh. häh, häh, Todresläh (Theodoros-leben)", während sie mit der Rechten ihr schmales Bündelchen -mühselig öffnet und wieder zusammenwickelt, um dann ohne für dieses Bündelchen Zoll zahlen zu müssen, weiter zu wandern.' Unter ihrem Singsang: „Häh, häh, Todresläh" verläßt sie die Kammer. Das Kind bleibt ruhig. Zuhause angekommen, wickelt sie ihr noch immer schweigsames Kindchen aus Windeln und Steckkissen heraus, und cs gibt sich nunmehr als geschmuggeltes Branntweinsäßchen zu erkennen. Ein alter Jude kommt auf die Kammer. Cr hat sich in Thorn ein neues Schofar (rituelles Horn zum Blasen) gekauft und hat keine Lust, dafür Zoll zu zahlen. Auf der Kammer in Alerandrowo gefragt, ob er etwas Zollbares habe, hält er denn das neue Scholar an das Ohr, wie ein Hörrohr, und fragt wie ein Halbtauber den Beamten: „Häh?" Der wiederholt seine Frage. Der Alte schüttelt mit dem Kopfe und bringt das Schofar als Hörrohr unverzollt über die Grenze. In gewissem Sinne ist auch die „Wissenschaft des Judentums" durchaus ein Stückchen Assimilation. Man wollte das Judentum in den Augen der Gojim (Nichtjuden) rehabilitieren, indem man das alte jüdische Gesetzes und Literaturstudium in die Formen der europäischen wissenschaftlichen Forschung umgoß. So verdienstlich diese Bestrebungen sind, war doch nicht zu verkennen, daß gleichzeitig mit der Zunahme formalen europäischen Geistes in dieser jüdischen 'Wissenschaft die Kenntnis des wirklichen Inhalts litt. Die Kenner der feinen Scholastik des Mittelalters und sogar der talmudisch-juristischen Terte wurden immer dünner gesät, und ganz große Talmudisten haben niemals die äußere Form europäischer Gelehrsamkeit richtig angenommen, wiewohl n'cht geleugnet werden soll, daß es unter ihnen viele gibt, die nrit mindestens der gleichen wissenschaftlichen Exaktheit ihre jüdischen Wissenschaften pflegen, wie dies in modernen Wissenschaften der Fall ist. Schon gegenüber dem Schöpfer der modernen wissenschaftlichen Richtung, der auch das Wort „Wissenschaft des Judentums" prägte. Leopold Zunz, machte sich der Zweifel an der Fülle alten hebräischliterarischen Wissens geltend. „Wenn ihr wissen wollt", sagte Reb Chone (Rabbiner Elchanan Rosenstein in Berlin), „was Rasche für a Schnupptabakdose gehabt und wo er seinen Schnupptabak gekauft hat, so geht zu Dr. Zunz. Der weiß das. Wenn ihr wissen wollt, was Rasche geschrieben hat. kommt zu mir!" (Schluß folgt.) Literatur. Eine Deutsche Encyklopädie des Judentums. Es dürfte in allen jüdischen Kreisen mit Genugtuung begrüßt werden, daß endlich ein Längst gehegter Wunsch in Erfüllung geht. Schon längst wurde die berechtigte Klage laut, daß es den deutschsprechenden Juden an einer jüdischen Encyklopädie in deutscher Sprache, die alle Gebiete des jüdischen Lebens und der jüdischen Geistestätigkeit erschöpfend darstellt, mangelt. Der Mangel an einem solch encyklopädischen Werke in deutscher Sprache hat sich nicht nur in der jüdischen, sondern selbst in der nichtjüdischen gebildeten Welt fühlbar gemacht. So sehr Hamburgers Realencyxlopüdie nicht zu unterschätzen ist, und so sehr es uns fernliegt, seine großen Verdienste, die er sich durch dieses sein Werk um die Wissenschaft, des Judentums erworben, zu schmälern, so ist es dennoelV klar, daß die Leistungen eines einzelnen auf diesem weiten Gebiete die Arbeit und den Fleiß vieler Kräfte nicht zu ersetzen vermögen. Daher die Unvollständigkeit seines Werkes. Aus diesem Grunde entschlossen sich Dr. Kaufmann und Dr. M. Margel, unter Mitwirkung hervorragender jüdischer Fachgelehrter, Männer der Wissenschaft ersten Ranges, eine deutsche E u c y k 1 o p ä d i e des Judentums in vierzehn Bänden herauszugeben. Diese Encyklopädie, deren Finanzierung bereits gesichert ist, soll vor allem durch eine Vollständigkeit des zu behandelnden, Jahrtausende umspannenden Stoffes ein unentbehrliches Nachschlagewerk in der Hand eines jeden Gebildeten sein. Wiewohl die moderne jüdische Wissenschaft ursprünglich in deutscher Sprache gepflegt worden ist, und Lust ein Jahrhundert hindurch vorwiegend in Deutschland ihre Pflanzstätte gefunden, so war trotzdem zuerst dem amerikanischen Judentum die Schöpfung einer allgemeinen encyklopädischen Darstellung der jüdischen Geistestätigkeit durch die Herausgabe der Jewish E neyelopedia Vorbehalten. Diese Ausgabe vermochte dennoch den ungeheuren Drang der amerikanischen Juden, die jüdische Seele zu erforschen, nicht befriedigen, so daß sie sich veranlaßt sahen, ein gleiches auf zehn Bände berechnetes Werk (Ozar Yisrael) erscheinen zu lassen. Dem amerikanischen Beispiele sind die Juden in Rußland unmittelbar gefolgt, indem sie die Herausgabe einer jüdischen Encyklopädie in russischer Sprache veranstalteten. Es wäre eine unverzeihliche Nachlässigkeit, daß nach dieser Richtung hin gerade die deutschsprechenden Juden, bei denen die intensive Beschäftigung mit der jüdischen Wissenschaft fortdauert, für die moralische und finanzielle Förderung der Herausgabe einer deutschen Encyklopädie keine Sorge trügen. Wir dürften daher mit Sicherheit erwarten, daß das nicht genug hoch zu veranschlagende Unternehmen der Herausgeber der deutschen Encyk 1 o p ä die des Juileut u m s das Interesse aller jüdischen Kreise wecken wird. Eine jüdische Encyklopädie in deutscher Sprache hat noch den besonderen Vorzug, daß sie sich eignet, die durch judenfeindlich Talmigelehrte verbreiteten Irrtiimer und Vorurteile in bezug auf Juden und Judentum zu zerstreuen und aus der Welt zu schaffen. Um auch nach der wissenschaftlichen Seite hin eine Gewähr zu bieten, daß den an ein solches Monumentalwerk gestellten Anforderungen entsprochen werde, wird Dr. Margel auf seiner gegenwärtigen europäischen Reise mit den verschiedenen Fachgelehrten persönlich in Verbindung treten und zur Mitarbeit heranzuziehen. Lachendes Leben. Von Paul von Hohenau (Wien 1913, Paul Kneppler). ln kürzester Frist hat Hohenau. — bekanntlich das Pseudonym für Dozent Dr. Paul Cohn, den Sohn unsers Rultusvoi stehers Herrn Salo Cohn — den dritten Novellenhand mit reizender Vignette erscheinen lassen. Jede der s^chs Novellen bringt ein spannendes Erlebnis aus dem allermodernsten Leben und das G schehnis verliert nicht an Interesse durch den wechselnden Rahmen, in dem es spieß. Hohenau führt uns von der Kieler Woche ins Casino von Monte Carlo, von den Münchner Künstler-