Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 544 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 30 wenn auch Labischin im Jahre 1817 unter 1524 Einwohnern 606 Juden zählte, heute aber unter 2200 Einwohnern noch nicht einmal mehr 200 Juden hat, so würde das keine Besonderheit allen posenschen und westpreußischen Städten gegenüber bedeuten. Aber auch die Gelehrsamkeit der Labischiner Juden war und ist nur gering. Als nun vor dreißig Jahren der Rabbiner B. M. Auerbach nach Labischin kam, erzählte man ihm sofort und wiederholt, daß Labischin früher immer Kle:n-Erez- Jißroel genannt worden sei. Er achtele nicht weiter darauf, als bis einmal zufällig seine Blicke auf dem Friedhof im Gestrüpp einem hohen Grabstein begegneten, aus dem er zu seinem Staunen die Worte p* na entzifferte. Also doch etwas Wahres im Volksmunde, dachte er. Als er nach einigen Tagen die erste freie Zeit wahrnahm, den alten Stein vom Gestrüpp zu befreien und ihn zu reinigen, da las er, daß hier ein R. Jißroel begraben sei. Er war am Sabbat gestorben und am Sonntag beerdigt. Dies war umschrieben, daß am Sonntag dies (R.) Israels Stätte geworden sei. bK-icr pjt na rvej». Dieser Grabstein war offenbar der historische Grund der lleberlieferung von Klein-Erez- Jißroel gewesen. Fragt man in Labischin: „Die ftille (Gemeinde) ist doch so klein?!" — so oekommt man zur Antwort: „Die Kille ist groß. — Geht nur hinaus zum Beiß hakwores, werdet ihr sehen, wie viel Jiden wir hier hoben, die nicht nach Berlin ziehen!" In vielen Volkserzählungen kommt die Gegnerschaft zwischen polnischen und deutschen Juden, die ja erst seit kaum mehr als einem Jahrhundert begonnen 'haben, sich kulturell zu scheiden, zum lebhaften Ausdruck, viel schärfer als die Gegnerschaft wirklich ist. Die allergrößten Vorwürfe macht man in Polen dem „Daatsch", der übrigens noch mehr als der deutsche Jude selbst, der nach deutschen Begriffen hinneigende polnische Jude ist. Eines Tages waren ein polnischer und ein preußischer Jude in einen Disput geraten. Da fragte pik:ert der preußische Jude den polnischen: „Warum hat eigentlich Mausche Rabbeine (unser Lehrer Moses) Staub genommen, als er jene Kinnem (Läufe) hervorrief, durch die er Aegypten in Verzweiflung brachte. Er hätte doch einfach so einen polnischen Juden wie dich auszuschütteln brauchen, und er hätte genug gehabt, um ganz Aegypten zu versorgen. Und doch hätte er einen sähr einleuchtenden Grund: Die Chartumim (Zeichendeuter) der Aegypter konnten ihm alles nachmachen, so lange es sich um Gegenstände handelte, die größer waren als ein Gerstenkorn. Waren sie aber kleiner als ein Gerstenkorn, so versagte ihre Zauberkunst. Darum machte Mausche Rabbeine die Kinnem aus Staub. Dann waren sie kleiner als ein Gerstenkorn. Wenn er aber zu seiner Bequemlichkeit einfach einen polnischen Juden ausgeschüttelt hätte, da wären die Ehartumem in keiner Verlegenheit gewesen. D i e Kinnen: Hütten sie nachmachen können, die sind ausnahmslos größer als ein Gerstenkorn." Der polnische Jude nahm keinen Anstand, seinem preußischen Bruder mit gleicher Münze heimzuzahlen. „Weißt du," erwiderte er, „warum' Jeinkew owinu (unser Ahnherr Jakob) bei seinem Streite mit Löwen (Laban) a Stock geschält hat, damit sich die Herden daran versehen und gefleckte und gescheckte Junge zur Welt bringen? Er hätte es doch viel einfacher haben können. Er Hütte einen Daatschen nehmen sollen. Da gibts schwärze Hoisen (Hosen), weißes Vorhemd, a dunklen Schlips, a rasiertes Gesicht, a schtoarzen Zylinder, das ist doch genüg gescheckt und gefleckt. Obber nein! Das geit nit. Worüm nit? Er hot gestellt die Steck beschickses hammojim (hebr.: nran ronpws an den Wasserquellen). Bei Schickses (jüdisch - deutsches Wort für Mädchen, insbesondere üichtjüdische Mädchen)^) kann man keinen praißischen Jid nit hinstellen." IV. Auf der Vertauschung von hebräischen Wörtern, die im jüdisch-deutschen Dialekt die gleiche Klängform haben, beruht auch folgende Anekdote: Ein junger Mann aus der zu den Kohänim' gehörigen Familie Hahn sollte veranlaßt werden, ein Mädchen zu heiraten, das er nicht wollte. Sein Grund war der in diesem Falle ganz unstichhaltige, daß sie häßlich wäre. Endlich führte man ihn zum Rabbiner, der als Ow Besden.(Ab-Beth-Din Gerichtsherr) entscheiden solle, ob er nach deM Vorangegangenen bas Mädchen nunmehr auch heiraten müsse. Auf die Frage, warum er sich denn noch weigere, da doch der Fall klar läge, antwortete der junge Herr Hahn: „Rebbe, ich bin a Kann (Kauhein Kohen, PriesterstäMmling), ich tor net gein zur Mieße." Der Rebbe aber ging auf sein Wortspiel ein, indem er entschied: „S e Hat-Tarnegaul jeilech lemieße!"^) Der als eine Art von Wunderrabbi angestaunte und hochangesehene Rabbi Gutmacher von Grätz hatte in dem kleinen posenschen Städtchen 'Borek einen Bruder, der als Trinker galt. Dem Rabbi tat es um seinen Bruder schlr leid, und er nahm die erste Gelegenheit wahr, um ihm klar zu machen, daß er es dem Jichuß (vornehmen Abkunft) der Familie schuldig sei, von seiner Leidenschaft zu lassen. Der aber wies die Vorwürfe als unberechtigt zurück und sagte ihm endlich: „Was willst du von mir? Ich hob a Bruder, a Row, wos soll ich mich schämen? D u hast a Bruder, a Schicker (Trunkenbold). Ich bin Mehr Jachßan (vornehmer) als du."^) Nach ganz derselben Richtung liegt die Antwort, die ein angesehener Berliner Professor, dessen Härte uod Geiz nicht minder bekannt sind, wie seine geschickte Hand, einer Kommission gab, die bei ihm zugunsten armer Kinder um Geld bat. Er wies sie wie immer ab. „Aber sogar Ihr Herr Sohn, der junge Herr Doktor." wandte man ein, „hat doch diesmal dafür etwas gegeben." — „Mein Sohn," antwortete der Professor, „hat auch einen reichen Vater." — Umgekehrt begründete ein Berliner Kunstmaler, der gern im Auto fährt, während er, wenn seine Frau dabei 'ist, Kr 10 Pfennig die elektrische Straßenbahn benutzen muß. diese Neigung seinerseits damit: „Ich,habe einen reichen Schwiegervater, meine Frau nebbich nicht!" Der Witz machl hier den Vorzug zu einer bedauerlichen Sache und umgekehrt. Und darin eben liegt der Witz. Ein Sohn sagt nach seinem Vater Kaddisch. Aber als er die Hälfte gesagt hat, bricht er plötzlich ab. Auf die Frage, waruM er das täte, sägt er als Erklärung: „Mein Vater soll doch durch das Kaddisch in Gau Eiden kommen. Aber er hat mich enterbt. So sage ich nach ihm nur halb Kaddisch. So bleibt er mit einem Fieß in Geinem und mit einem Fieß in Gan Eiden.^) Eine besondere Romantik hat stets bei allen Völkern das Schmügglerleben gehabt. Dis Juden, die stets ") Das Wort „Schickse" ist als ein Femininum von pp® gebildet. Vgl. hierzu Verf. „Sprachen der Juden" Seite 58 und 131. 15) Der Priester und Priesterstämmling darf keiner Leiche nahen, darf also nicht zu einem Todesfall gehen. Der Todesfall N.N'v wird jüdisch-deutsch Mieße gesprochen, ebenso aber auch nciKö die Häßliche. Der Rabbiner entscheidet mit dem Worten, die bei der Sühnezeremonie gesprochen werden: Dieser Hahn soll zur Mieße (zum Tode) gehen, während man in dieser Anssprache natürlich auch verstehen kann, zur Häßlichen. (Aus der Provinz Posen.) 10) Provinz Posen. 17) Mündlich aus Pkock in Polen.