Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 29 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 528 Nr. 29 Dr. Blochs Wochenschrift Paris. Die französische Rabbinerversammlung, die vorige Woche stattgefunden hat, wurde eröffaet durch eine Begrüßungsrede seitens des Vorsitzenden, Herrn Alfred L e v y, Oberrabbiner von Frankreich, der dabei der im Laufe des Jahres verstorbenen Kollegen gedachte. Nach Verlesung des Protokolls wurde in die Tagesordnung eingetreten, die besonders folgende Punkte enthielt: Geeignete Maßregeln für Besserung der Beobachtung des Sabbats und des religiösen Unterrichts. Nach längerer Diskussion, die zu keinem Ergebnis führte, wurde zur genaueren Prüfung der Angelegenheit eine Kommission ernannt. Nachdem auch die Neuwahl zweier Vorstandsmitglieder ergebnislos verlaufen, wurde die Wahl vertagt und die Versammlung, die zwei Tage gedauert, geschloffen. _ Feuilleton. Der jüdische Witz. Von kgl. Bibliothekar Dr. Heinrich Loewe, Berlin. (5. Forts.tz mz.) III. * Ein polnischer Jude ist gelegentlich der Messe in Leipzig. Bei einem Rundzange durch die Stadt sucht er die jüdischen Geschäfte auf und läßt sich gern eine Gabe in die Hand drücken. Er spricht auch bei Lohn L Co. vor. Nachdem er hier eine Gabe erhallen hat, wendet er sich zum Ladentisch und verlangt, man solle ihm von Seidenstoffen dies und das vorlegen. Da er in dem sehr bestimmten Tone eines Kunden spricht, so hat man kein Bedenken, ihm die Waren vorzulegen, unter denen er mit guter Warenkenntnis seine Auswahl trifft und schliesslich in rein geschäftsmassiger Weife sich die Rechnung machen, sowie die Waren einpacken lässt, um dann die ziemlich hohe Summe bar zu bezahlen. Nachdem alles ordnungsmäßig erledigt ist und der etwas eigenartige Kunde zu seiner Zufriedenheit bedient ist, lässt sich der Seniorchef noch einmal in ein Privatgespräch mit ihm ein, um zu sehen, wen er vor sich habe. Er merkt auch darin, dass er einen ordentlichen und ordnungsmäßigen Warschauer Kaufmann vor sich habe, und fragt ihn endlich, wie es denn komme, daß er, der so gute Einkäufe zu machen habe, vorher von Haus zu Haus gehe. Der aber erwidert ihm, dass sein Gebühren gar nichts Wunderliches an sich habe: „Denn sollen wir es machen wie die Daatschen? — Ich gei erst schnorren und nachher mach ich Geschäfte. Ihr Daatschen obber, ihr macht erst Geschäfte und nachher geit ihr schnorren."^o) Eine besondere Art des Volkswitzes äußert sich in den logischen Trugschlüssen, die zwar ganz einleuchtend klingen, deren Fehlschluß aber auf der Hand liegt. Der Taschendieb, der abgefässt wird, beweist dem Bestohlenen, dass er nichts Unrechtes getan hat: „In meine Tasche", so deduziert er, „in die ich ja reinfassen darf, darfst d u doch nicht fassen, kal wochaumer (um wieviel mehr) in deine Tasche, in die du ja fassen darfst, darf ich doch awadd'e (gewisslich) greifen."") Am häufigsten werden aber Anekdoten erzählt, uni aus ihnen praktische Schlüsse auf das Leben zu ziehen. Das ist uralte hebräische Sitte. So erzählt Jothäm den Männern von Sichem die Geschichte, wie die Baume hingingeu, um sich einen König zu wählen, und so erzählt in gewaltig großartiger Dichtung der Prophet Jeschajahü dem versammelten Volke: „Ein Lied will ich singen, ein Lied von Meinem Freunde, von meinem Freunde und seinem Weinberge. Einen Weinberg hatte mein Freund . . ." Diese Erzählung von Beispielen und 10) Provinz Posen. ") Provinz Po ~ Gleichnissen hat sich fortgepflanzt bis in die Berliner Volksversammlungen, in denen jüdische Redner sprechen. Aber im Volkshumor geht dieses Erzählen oft so weit, dass in der Anekdote wieder eine Anekdote zu ihrer Erklärung erzählt wird. Und diese Anekdoten zur Illustration des Lebens sind wieder aus demselben jüdischen Leben gegriffen. In einem posenschen Kleinstädtchen war der Rebbe, der als Schazmaz (als Religionsweiser und Vorbeter) alle Würden synagogaler Aemter in sich vereinigte, es schon gewöhnt, dass män lieber auf die Einhebung von Gemeindesporteln verzichtete, als daß man ihm ein auskömmliches Gehalt zahlte. Gehört es doch seit Jahrhunderten in diesen Gemeinden, die gewissermaßen die Grosseltern der Reformbewegung sind, zum eisernen Bestand der Gemeinderegierung, des Parness, dass man den Gemeindebeamten in möglichster Abhängigkeit hält. Denn stets, steigt der Parness um so höher, je mehr er den Kultusbeamten herabdrückt, und er tut dies um so lieber, als er ja meist in jeder Beziehung nach Stand und Bildung tief, tief unter dem Kultusbeamten steht, der zum mindesten weder unredlichen Geschäften ein Vermögen verdankt, noch seine Bildung in einem Mangel an jüdischem Wissen nachzuweisen gezwungen ist. In einem solchen Kleinstädtchen, dessen Namen wir diskreter Weise verschweigen, war der Rebbe erkrankt. Sorgend ging die Rebbezen auf und ab, denn der Arzt hatte befohlen, dass der Patient sich sorgsam pflegen sollte, da sein schweres Magenleiden ausschließlich mangelhafter Ernährung entspränge. Nur bei sehr guter Ernährung und bei reichlicher Pflege — auch sei täglich ein Glas Rotwein nötig — könne der nicht mehr junge Patient darauf rechnen, wieder zu Kräften zu kommen. Aber woher nehmen und nicht stehlen? Das Gehalt ist gering, so gering, dass es allein die. schlechte Ernährung der zahlreichen Familie verschuldet hat. Was soll Nun werden? Der Rebbe tröstet sie. Er hat Vertrauen auf Gott, und Gott kann sogar das Herz des Vorstandes oder der Repräsentanten erweichen. Denn er ist allmächtig. Inzwischen hört man in der Gemeinde, daß der alte Rebbe schwer erkrankt sei, und man schickt sich an, ihn zu besuchen. Es ist doch a Mizwe (fromme Pflicht und verdienstvolle Tat), mewakker chäulim zu sein (Kranke zu besuchen). Der Parness kommt: „Oboer, Rebbe, wie geits eich? Wos sogt der^Dokter?" Und der Rebbe erzählt sein Leid, und daß der Doktor ihm gute Pflege und Rotwein empfohlen hatte, und dass der Parness selber weiß, dass sein Gehalt lächerlich klein sei, und dass er sich deshalb nicht pflegen könne, weil es aM nötigsten/ gebräche. Ja, wenn Man ihm sein Gehalt erhöhen wolle. — — Und der Parness sagt zu. Man werde das in der Kohlsstub (EeMeindestube) beraten, und was an ihm läge, so würde er als erster dafür stimmen, dem Rebben eine gehörige Zulage zu gewähren. Natürlich hätten ja alle Vorstandsmitglieder und auch alle Repräsentanten mitzustimmen, aber was an ihm läge, versicherte der Parness, so könne sich der Rebbe auf ihn verlassen. Im Laufe der nächsten beiden Tage war allmählich die ganze Gemeinde bei dem Rebbe gewesen, und jeder einzelne hätte das gleich; Gespräch Mit dem Rebben, der von jedeM Vorstandsmitglied und von jedem Repräsentanten die Zusicherung empfing: „Auf mich können Sie sich verlassen, Rebbe! Was an mir liegt, ist es schon abgemacht. . Na, ich bin ja nicht der einzige, aber ich werde alles tun, was in meiner Macht liegt." Die frohe Aussicht, sich jetzt etwas pflegen zu können, und auch in Zukunft eines Teiles seiner ständigen Sorgen enthoben zu sein, trug dazu bei, dass das Befinden