Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 29 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 522 Dr. BMs Wochenschrift. Nr. 89 Wenn es bei der Tötung daraus ankam, das Blut des Knaben zu gewinnen und zu sammeln, dann war die Beibringung so zahlreicher, zerstreuter und relativ kleiner Verletzungen wenig zweckdienlich. Eine einzige tiefe Wunde am Halse, die zu einer einheitlichen heftigen Blutung führte, wäre diesem Zwecke weit mehr dienlich gewesen. Es ist anzunehmen, daß der Täter oder die Täter dem Knaben auf Grund dieser von der Tierschlachtung her auch dem Laien geläufigen Erfahrung eine einzige tiefe Wunde oder einige wenige heftig blutende Verletzungen beigebracht hätten, wenn es ihnen wirklich auf das Sammeln des Blutes ankam. Auch Professor Ernst Ziemke, Direktor des Instituts für gerichtliche Medizin an der Universität zu Kiel erklärt, es sei nicht der Schatten eines Beweises für die Annahme Obolonstys beigebracht, daß etwa zwei Drittel des Gesamtblutes aus dem Körper ausgeslossen seien; es handle sich um eine ganz willkürliche Schätzung. Der Gutachter resümiert sich dahin: _ __^ " «~ben mir"vorgelegten Abschriften der Obduktionsprotokolle sind weder dafür irgendwelche Anhaltspunkte vorhanden, datz eine Ausblutung der Leiche des Juschtschinski stattgesunden hat und daß sein Tod in der Absicht herbeigeführt worden ist, eine solche zu bewerkstelligen, noch dafür, datz die Tötung des Knaben zur Erfüllung irgendwelcher religiöser Gebräuche oder ritueller Vorschriften ausgeführt wurde. Ebenso lehnen die Professoren Lacassagune (Lyon) und Thoinot (Paris) eine Annahme des Ritualmordes entschieden ab und denken, wie auch Professor Forel, an einen Mord aus sadistischen Motiven. In gleichem Sinne haben sich noch eine Reihe anderer Autoritäten, darunter die Professoren Charles Mercier, A. I. Pepper und W. H. Willcor (London), Bleuler (Zürich), Bonhösfer (Berlin), E. Meyer (Königsberg), Baedeker (Berlin) geäußert. Aus die russische Justiz hat das bisher keinen Eindruck gemacht, und wenn man hört, datz der Staatsanwaltssubstitut, der die Anklageschrift verfaßte, zum Kreisgerichtspräsidenten befördert wurde, so sieht man ja deutlich genug, datz dieses ganze Verfahren aus einem politischen System entspringt. Der ru'üsche Justizminister errötet nicht davor, durch eine Beförderung den Richtern vor dem Prozeß deutlich zu machen, was er für ein Urteil erwartet. Demgegenüber ist es wirklich an der Zeit, datz das übrige Europa, wenn die Stimme der Vernunft und der Menschlichkeit in Rußland nicht mehr gehört wird, zu drastischeren Mitteln greift, uni der russischen Negierung begreiflich zu machen, datz die Zugehörigkeit zu Europa ihr auch gewisse elementare Pflichten auferlcgt. vorn Aabrmarkt des Lebens. Ein origineller Vorschlag. Herr Ingenieur Levy in Moskau ersucht uns um die Veröffentlichung der folgenden Zuschrift: Im August des kommenden Jahres, das heißt am 9. Ab des Jahres 5674, werden 2500 Jahre seit der Zerstörung des ersten Tempels in Jerusalem verflossen sein. Ich bin nun der Meinung, datz dieses Jubiläum, dieser h.storische Tag, vom gesamten jüdischen Volke in einer Form begangen werden mutzte, durch welche die Zusammengehörigkeit des jüdischen Volkes in der ganzen Welt dokumentiert würde. Ich schlage daher für dieses historische Jubiläum folgendes vor: 1. Am 9. Ab des Jahres 5674 möge eine Zählung der Juden der ganzen Welt Nach folgendem Modus vorgenommen werden: a) Jeder Jude und jede Jüdin, welche bis zu diesem Tage das dreizehnte Lebensjahr erreicht haben, erwerben eine Iubiläumsmarke, welche für diesen Zweck besonders geschaffen wird. Für Binder unter 13 Jahren kaufen jene Personen oder Anstalten, in deren Obhut sich diese befinden, je eine solche Iubiläumsmarke. Die auf solche Weise verkauften Iubiläumsmarken ergeben die Zahl derjenigen Juden, die sich an dieser Zählung beteiligt haben. b) Die Iubiläumsmarken müssen zwei verschiedene Formen, für Erwachsene und für Binder, haben. Außerdem müssen die Marken in zwei verschiedenen Farben hergestellt werden, zur Unterscheidung für Männer und für Frauen. Die Iubiläumsmarken sollen im Wege eines Konkurses, der so rasch als möglich ausgeschrieben werden sollte, auf Grund des Entwurfes eines jüdischen Künstlers angefertigt werden. Ein Jurorenkomitee hätte die Entscheidung über die beste Skizze zu treffen. e) Die Iubiläumsmarken haben keinen bestimmten Preis. Es bleibt dem Ermessen und der Vermögensverhältnissen des Käufers überlassen, mehr oder weniger zu entrichten. Mittellose Juden müßten sie ganz unentgeltlich erhalten. 2. Der- Reinertrag aus dem Verkaufe der Jubiläumsmarken sollte zum Ankäufe der Denkmäler jüdischer Vergangenheit als Volkseigentum und zur Gründung eines jüdischen Nationalmuseums in Jerusalem verwendet werden. Meiner Meinung nach wäre zur Verwirklichung meines Planes zunächst ein Spezialkomitee, bestehend aus Vertretern der jüdischen Presse und solider jüdischer..Finanzinstitute, wie z. B. der jüdischen Kolonialbank in London, ins Leben zu rufen. Der Familienname Weil. Ueber den Familiennamen Weil schreibt ein Mitarbeiter der „Straßburger Post": „Der Name ist im Elsaß, in ganz Süddeutschland, infolge Auswanderung wohl auch im Ausland (Oesterreich, Frankreich usw.) stark verbreitet. Erinnert sei da z. V. an den namhaften Orientalisten Gustav Weil (geb. 1808 zu Sulzburg, lange Unwersitätsprofessor in Heidelberg, gest. 1889 zu Freiburg i. Br.), den Philologen Henri Weil (geb. 1818 in Frankfurt a. M.), der eine Zeit lang auch an der . alten Straßburger Universität gelehrt hat, dann nach Besanoon ging und 1876 Professor der griechischen Literatur in Paris wurde, den aus dem Elsaß stammenden Schriftsteller Alexander Weil, den Freund Heinrich Heines, den österreichischen Dichter Josef v. Weilen, der ursprünglich ebenfalls Weil hieß, u. a. in. Woher stammt dieses Wort Weil? Gelegentlich hat man das l am Ende ja auch verdoppelt.) Rührt die Bezeichnung von dem in Süddeutschland mehrfach vorkommenden Ortsnamen Weil her? So gibt es ja ein Dorf in Oberbaden, nahe an der schweizerischen Grenze, in Württemberg eine Stadt des Namens (Weilderstadt) und ein Dorf (Weil im Dorf). Die Ableitung würde mir wahrscheinlich erscheinen, wenn nicht die außerordentlich starke Verbreitung des Familiennamens mich in der Beziehung stutzig machen könnte. Vorübergehend ist mir auch der Gedanke gekommen, es möchte sich da um eine der nicht seltenen Zwangsnamenauflegungen handeln, deren sich in Zeiten ausgesprochenster Unduldsamkeit die Christen den Israeliten gegenüber schuldig machten. Doch es fehlt, wie gesagt, darüber jede Gewißheit. Wer kann Aufklärung geben?" Die Namen bei den Juden. Im Hamburger Lehrerverein Mendelssohn sprach Dr. Nathan über die Namen bei den Juden. Er sagte, sie seien Kulturdenkmäler, teils Merkmale für den Grad der Gottesverehrung im Volke, teils charakteristische Bezeichnungen für den Träger eines Namens, teils Gradmesser für die Duldung innerhalb der Wirtsvölker oder für ihre Abgeschlossenheit im Ghetto, teils auch Embleme ihrer Berufsarten. Ihre Rufnamen nahmen sie aus ihrer unmittelbaren Umgebung, und da sie als Nomaden in enger Beziehung zu den Tieren standen, so waren Tiernamen sehr gebräuchlich. In diese Rubrik gehören die Namen Lea, Rahel, Nun, Kaleb, Jona usw. Bekanntlich bedeuten diese Namen in derselben Reihenfolge Wildkuh, Mutterschaf, Fisch, Hund, Taube. Auch Zippora .= Vogel und Deborah Biene, sind bei dieser Gelegenheit zu nennen. Oft gab irgend eine Tätigkeit zu einem Namen Anlaß, so daß eine Gruppe von Namen zusammengefaßt werden kann, die von Verben abgeleitet sind wie Isaak und Jakob. Die Rufnamen