Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-07-18 · 29 (18.7.1913) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
29 (18.7.1913)
Date
1913-07-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022065--22303-3047442
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 29 De. Vlochs Wochenschrift. Seite 519H Tirol oder auf der Insel Borkum^ so daß der Konzertveranstaller über das bis heutzutage sich gleich gebliebene eigensinnige, beiseite stehende Iudenvoll mit weiland Johannes dem Täufer und Christus die Mage erheben konnte: „Wir haben euch gepfiffen und ihr wolltet nicht tanzen." (M. 11, 27.) Die notwendige Folge des Zusammenwirkens aller dieser mißlichen Umstände war dann, daß der deutsche Konsul nach dem Verklingen d^W „Präsentiermarsches" das Kaiserhoch, in welches seine der Bedeutung des Tages oder Abends angemessene, wohlgesetzte und gut einstudierte Festrede ausklang, nahezu vor lauter leeren Stühlen und Bierseideln, mit recht dünnem Beifall ausbringen mußte, und daß diese ganze mit soviel Aplomb, kirchlich-patriotischer Begeisterung und jesuitischer Schläue projektierte und inszenierte arisch-jüdische Jerusalemer Iubiläums-Missions-Musik-Soiree ausging, wie das bekannte Hornberger Schießen und für die Missionskasse eine große Niete und überdies für die Tasche des Festorganisators und Direktors, des vaterländischen, missionseifrigen Herrn Hoffmann ein recht ansehnliches Defizit gebracht hat, für welches er persönlich aufkommen muste. Es sollen arr dem Konzertabend etwa 30 Personen anwesend gewesen sein. Setzen wir nun den unwahrscheinlichen Fall, daß alle Besucher eine Eintrittskarte zu 3 Frcs. für einen reservierten Platz gelöst, so betrug die Eesamteinnahme 90 Frcs. Wenn nun die deutschen und jüdischen Musiker zusammen nur 100 Frcs. erhielten, die Saalmiete 50 Frcs. betrug und Druckkosten und sonstige verschiedenartige Spesen des weiteren in Anrechnung gebracht werden, so können die verehrten Leser und Leserinnen das Gewinn- und Verlustkonto der Mission und des Herrn Hoffmann ja wohl selber schon beiläufig berechnen. Da hatten wir denn auch einmal, wie man es recht selten zu sehen und zu erleben bekommt, ein höchst erfreuliches Jerusalemer Zeit-, Kultur- und Sittenbild, in welchem die Juden eine tonangebende und ihrem Verstände, Herz und Charakter ein gleich sehr ehrendes Zeugnis ausstellende Rolle gespielt haben. Der Korrespondent fühlt sich völlig frei von Schadenfreude über das böse Mißgeschick der Veranstaltung und möchte nur eines hoffen und wünschen, daß das lobenswerte Beispiel der Jerusalemer Juden auch ihren jüdischen mtb deutschen Landsleuten in der Heimat für ähnliche Fälle die Augen möchten geöffnet und ihnen die bedeutsame und beachtenswerte Lehre ins Bewußtsein gebracht haben, daß Patriotismus und Politik mit Religion und Mission absolut nichts zu tun -haben, wie denn schon der Stifter des Christentums mit seinem bekannten, von seinen Anhängern leider nur zu bald vergessenen oder mißachteten Wort zwischen Politik und Religion, zu deren beiderseitigem Vorteil eine reinliche Scheidung gemacht hat: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist." Philipp Kieferndorf, Jerusalem. Das Ergebnis der gallischen Kandtagsmahlen und die Anden. Die Ursache, die zur Auflösung des galizischen Land-, tages im Mai d. I. führte, ließ voraussetzen, daß der Wahlkampf sich unter sehr heftigen Erscheinungen abspielen werde. Galizien war stets der Boden heißer Wahlkämpfe, und die eben vor sich gegangenen Wahlen hatten auch allen Grund, sehr ernst genommen zu werden. Nicht, wie es in diesem Lande sonst üblich ist, um einen Personen- oder Mandatskampfhandelte es sich diesmal, wichtige Motive waren es, die dem Wahlkampfe sein Gepräge gaben. Unter der Devise: „Demokratisierung der Landesstube und Herstellung des nationalen Friedens zwischen den das Land bewohnenden Völkern" gingen die volksfreund lichen Parteien in den Wahlkampf. Die Geschichte lehrt, wie schwer solche Kämpfe zugunsten der breiten Masse des Volkes durchzuführen sind, am allerwenigsten kann das aber glatt vor sich gehen in einem Lande wie Galizien, das vom Klerus und der Schlachta fast vollständig beherrscht wird, wo selbst die Regierungsorgane nur als Vollstrecker ihres Willens betrachtet wurden. Die Geistlichkeit, die die bäuerliche Landbevölkerung wie ein Hauptmann seine Kompagnie in der Hand hat, und der Adel, der durch den Vorzug seiner Geburt in der Landesstube zu herrschen gewohnt ist, betrachten ihre Vorherrschaft als göttliche Einrichtung. Das Abschiednehmen von der Macht fällt den Herren sehr schwer und daher der heftige Widerstand, den Klerus und Adel der Wahlreform des galizischen Landtages leisten. 2n diesen ihren Bestrebungen werden diese Herren von einer sich oolksfreundlich nennenden Partei, die Allpolen, auf das wirkungsvollste unterstützt. Trotz all dieser Erscheinungen muß das Resultat der letzten galizischen Landtagswahlen. vom allgemeinen Standpunkte betrachtet, als ein befriedigendes bezeichnet werden. Se. Erzellenz, der neue galizische Statthalter, Dr. R. v. Koritowski, der von einem modernen Geist durchdrungen ist, bewies, daß man auch in Galizien reine Wahlen durchführen kann und daß diese nicht zum Schaden des Landes gereichen. In der Tat sprechen ihm alle im Wahlkampfe beteiligten Parteien, gleichgiltig ob sie mit dem Ergebnis zufrieden sind oder nicht, ihre vollste Anerkennung aus. Wie klug, und im Interesse des Landes eine solche Haltung gelegen ist, beweist, daß die Russophilen, die im alten Landtage über fünf Mandate verfügten, im neuen Landtag nur durch einen Mandatar vertreten sein werden. Können die demokratisch gesinnten Polen trotz des geschilderten Druckes und schon vollends die Ruthenen, die ihre Mandate um elf vermehrten, mit dem Wahlresultat zufrieden sein, so gilt das leider nicht von den Juden. Die Zahl, und zuweilen auch die Vertreter der Juden im aufgelösten Landtage, entsprachen nicht den Wünschen der galizischen Iudenschaft; wir haben in diesem Blatte gleich nach Auflösung des Landtages die Ursachen dieses Verhältnisses auseinandergesetzt. Wir sprachen bei dieser Gelegenheit die Hoffnung aus, daß die berufenen und verantwortlichen Vertreter der galizischen Iudenschaft aus den Ereignissen der Vergangenheit Lehren ziehen werden. Leider kam es noch schlechter als es war. Statt der bisherigen fünf Mandate, von denen eigentlich nur zwei aus den Wahlen hervorgingen, (denn die anderen drei Mandate gehören den drei galizischen Handelskammern), wurde diesmal nur ein Jude, und zwar in Brody, der Lemberger Advokat Dr. Tobias Askenazy, gewählt, und die drei Handelskammern ernannten, wie früher, zu ihren Vertretern drei Juden. Nicht den polnischen und nicht den ruthenischen Parteien, aber auch nicht den politischen Behörden dürfen wir daraus einen Vorwurf machen, die Führer der galizischen Iudenschaft ohne Parteiunterschied sind es, die allein es verschuldet haben, daß die Juden bei den letzten Wahlen eine solche Abfuhr erlitten. Die zwei Hauptstädte des Landes, Kraukau und Lemberg, die gleichzeitig die Zentren des galizischen Judentums bilden, verloren in diesem Wahlkampfe ihre zwei jüdischen Mandate und in diesen beiden Fällen waren es nur persönliche Interessen der Führer, die die große Zahl der Juden beider Städte um die Mandate brachten. Angesichts dieser Ereignisse ist es wohl hoch an der Zeit, für eine Gesundung der jüdisch-politischen Verhältnisse in Galizien zu sorgen. Nicht die Zionisten Galiziens, die während ihrer mehrjährigen politischen Betätigung auch nicht den geringsten sachlichen Erfolg aufzuweisen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.