Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-07-18 · 29 (18.7.1913) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
29 (18.7.1913)
Date
1913-07-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022065--22302-3047441
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 518 Wochenschrift. Nr. 29 ihrem „Patriotismus" zu prunken. Alle achtenswerten, selbstbewußten und charakterstarken Juden werden aber sicher ein solch ehrloses, selbsterniedcigendes, geistiges Harikiri weit von sich weisen. Man darf im (6egenteil wohl als ganz bestimmt annehmen, daß deutsche Juden, welchen das Palladium der Glaubens- und Gewissensfreiheit heilig ist, sowohl innerhalb der schwarz-weiß-roten Erenzpfähle, wie im Auslande auf jedes etwa direkt oder indirekt an sie ergangene Ansinnen, sich im Rahmen der „Jubiläumsfeier" auch ihrerseits an der nationalen Missionsspende zu beteiligen, eine so treffende und wirkungsvoll schweigende und doch so laut beredte Antwort gefunden haben werden, wie sie in dem letzteren Falle die Jerusalemer deutschen Juden ihren arischen Landsleuten in der „heiligen Stadt" in der ersten Juniwoche des erinnerungsreichen Jahres 1913 tatsächlich gegeben haben. Das Beispiel, welches die Jerusalemer deutschen Juden in solcher Lage tatsächlich gegeben haben, ist in seiner Art so lehrreich, drastisch und humoristisch zugleich, daß es wohl verdient, der Mit- und Nachwelt dargestellt und überliefert zu werden. Nachdem es auch in dem von Berlin ziemlich weit abgelegenen Jerusalem bekannt geworden war. daß man bei der nationalen Kaiser-Jubiläums-Missionsspende namentlich auch auf eine kräftige Mithilfe der Auslanddeutschen rechne, glaubten es die hiesigen christlichen Deutschen dem Rufe Jerusalems,' in dessen Mauern ja auch der Jubilar auf dem Kaiserthron schon ein persönliches, feierliches und freimütiges Bekenntnis zu den biblisch-evangelischen und bekenntnismäßigen „Grundwahrheiten" des Christentums abgelegt hat, in ganz besonderer Weise schuldig zu sein, daß gerade die nationale Missionsspende aus Jerusalem einen möglichst hohen Ertrag erziele. Eine unter den protestantisch und katholisch-christlichen Deutschen in Jerusalem zu dem Zwecke in Umlauf gesetzte Sammelliste scheint aber in dieser Beziehung nicht ganz den erwünschten Erfolg erzielt 3» haben, da der Durchschnittsauslanddeutsche seine überschüssigen Kapitalien lieber in einer Bierhalle oder Weinstube anlect, als bei der Mission. Die deutschen Juden in Jerusalem und Palästina hatte man bei der 'Kollekte zunächst übergangen, da man es „anstandshalber" doch nicht wagte, sie unverblümt zur Unterstützung der Mission aufzufordern. Nachdem aber der Ertrag der Kollekte bei den christlichen Deutschen offenbar recht mager ausgefallen war, hielten es die guten Jerusalemer deutschen Missionspatrioten in Erwägung des selbst schon von Antisemiten zugestandenen Satzes, „ohne den Juden geht's nun einmal nicht", an der Zeit, auf Mittel und Wege zu sinnen, wie sie die latenten und brachliegenden nationalen Gefühle und Kräfte der deutschen Juden in Jerusalem wecken und für die noch aufnahmefähige Missionskasse in Tätigkeit setzen könnten. Die Sache war allerdings nicht so einfach, sondern ziemlich heikel und kitzlich, und gebot den kopfscheuen und mißtrauischen Juden gegenüber das äußerste Zartgefühl und die größte Vorsicht. Endlich glaubte aber ein Herr L. Hoffmann, Monteur der Elektrizitätswerke der Kaiserin - Viktoria - Stiftung auf dem Oelberg, das unfehlbare Mittel entdeckt zu haben, mit dem man auch das Herz des unzugänglichsten Juden für die allgemeine Missionsspende erweichen und gefügig machen zu können hoffte. Dieser Herr, welcher nicht nur geistig, sondern zugleich auch musikalisch sehr begabt ist und dementsprechend mehrere Instrumente meistert, beschloß in persönlich höchst uneigennütziger Weise, seine reiche musikalische Kunst ganz in den Dienst der Jubiläums - Missionsspende zu stellen, fest überzeugt, auf diese Weise auch die Seelen der Juden für den löblichen gottwohlgefälligen Zweck bewegen und geneigt machen zu können. Denn wenn David mit seiner Harfe den bösen Geist Sauls vertrieb, wenn der Rattenfänger von Hameln die Kinder hinter seiner Pfeife Herzog und Orpheus mit den bestrickenden Tönen seiner Stimme und seiner Leier nicht nur die Menschen, sondern auch die wilden Tiere, Pflanzen und Steine entzückte und die Herzen der unerbittlichen Götter in der Unterwelt bewegte, wie sollten dann die Juden der durch die Stimme der Musik an sie ergehenden Einladung 311 der nationalen Missionsspende gegenüber herzlos, kalt und ungerührt bleiben können? Kurz besonnen, arrangierte daher der hoffnungsvolle musikalische Herr Hoffmann für den Abend des 7. Juni in der deutschen Vierhalle von S. Taig vor dem Jaffator eine „25jährige Jubiläums- Vorfeier", zu welcher er die christlichen und jüdischen deutschen Landsleute in Jerusalem unter Uebersendung eines gedruckten Programms mit den folgenden Worten einlud: „P. P. Sie werden hiermit zu der am Samstag, den 7. Juni, abends 8 Uhr, im Lokal 'o. Taig stattfindenden 25jährigen Jubiläums-Vorfeier S. M. des deutschen Kaisers höflichst eingeladen. Es soll hiermit jedem deutschen Patrioten Gelegenheit geboten werdenzur Jubilänmsfeierlichkeit unseres erhabenen Monarchen seinem freudigen Empfinden Ausdruck zu verleihen. Der Erlös an dieser Feier ist bestinrmt zur nationalen Missionsspende. Reservierter Platz 3 Frcs., 1. Platz 1,50 Frcs." — Den Kartenvertrieb hatten, den drei unter den Deutschen in Jerusalem vorherrschenden christlichen Bekenntnissen entsprechend, die Herren „Großkaufmann" H. Wieland (Protestant), A. Taig (Tempelchrist) und A. Eilender (Katholik) übernommen, bei deren einem die Juden, je nach ihrer Zuneigung zu der protestantischsn oder katholischen Mission, nach freiem Belieben ihren Bedarf decken konnten. Für den Abend hatte sich Herr Hoffmann auch die Mitwirkung jüdischer männlicher und weiblicher Musiker gesichert, um sie als Lockvögel für das jüdische Publikum zu gebrauchen. Alles war bis ins Einzelste genau vorbereitet und das reichhaltige ausgewählte Programm, auf welchem auch eine Festrede des deutschen Generalkonsuls Schmidt figurierte, in wiederholten Proben fleißig, und gewissenhast einstudiert. Allein „mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten und das Unglück schre'tet schnell". Herr Hoffmann hat leider mit seiner so genial ersonnenen Idee, durch einen musikalischen arischjüdischen Konzert- und Bier-Jubiläums-Verbrüderungsabend das Heil der We t durch die Mission fördern zu helfen, ein gründliches und kompbtckes Fiasko gemacht. Seinem Bestreben, die arisch-christlichen und die jüdischen Deutschen in Jerusalem auf dem neutralen Boden der Mission, unter Gesang und Musik einander näher zu bringen, hot auf beiden Seiten wenig Verständnis und Entgegenkommen gefunden. Den durch die Bank vom Antisemitismus stark durchseuchten deutschen Kolonisten war schon der Gedanke, während des Konzertes neben einem Juden zu sitzen und gar noch von Juden zu Kaisers Jubiläum zum Besten der christlichen Mission sich aufspielen zu lassen, une t 'äglich. Die Juden aber, welche gerade eben auf der ganzen Linie einen entschiedenen Kampf gegen die Mission eröffnet haben, hielten es für ein ziemlich starkes Stück, daß sie sich unter den Klängen der von Juden gemachten Musik zum Vesten der Mission amüsieren sollken, so daß sie sich auch auf die Gefahr hin, durch ihr ablehnendes Verhallen das Odium mangelnder Vaterlandsliebe und Monarchentreue auf den Hals zu laden, von der Iubiläums-Mijsions- Konzert-Soiree ostentativ fernhielten. Das Lokal des Herrn Taig war am Abend des 7. Juni so judenrein wie eine antisemitische Sommerfrische und Pension in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.