Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 29 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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©r.29 OpB Bloch’s ^iwm Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. -n—Z-D- Wien. 18. Juli 1913 : Lrscbetnt jeden Lrettag.i Brief-Adreffe: Wien» H/i, Praterstraße 9 Telegramm-Adreffe: Bloch'S Wochenschrift, Wien. Br;ugsprri» für JOeßrrrsirfi: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Hellem Für'» L««l«nd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die mal gespaltene Petttzeile 4» Heller. A. ft. poflspurka ffrnamt Clearing* Werft cbr Rr. 810.976. Redattion und Administration. (, Wir« li/i, Praterstraße 9 Telefon 14847 Inhalt: Leitartikel: Das Fiasko des Kaiser - Jubiläums - Miffionspatriotismus in Jerusalem. — Das Ergebnis der galizischen Landtagswahlen und die Juden. — Die Akten des Beiliß-Prozeffes. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Ein origineller Vorschlag. Der Familienname Weil. Die Namen bei den Juden. Der Sohn eines Rabbiners Kommandant der Kolonialarmee. Der König von England bei Leopold de Rothschild. Rekonstruierung des englischen Kabinetts. Ern antisemitisches Bild in der Royal Academy. Ein Misrach-Streit in Warschau. — Korrespondenzen: Leo Herzberg-Fränkel über die Vorgänge an der Wiener Univeisität. Ungültige Stadtberordnetenwahlen wegen Bedrohung jüdischer Wähler. Vom Internationalen Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels. Amerikanische Parlamentarier für die Emanzipation der rumänischen Juden. Die rumänische Judenfrage im amerikanischen Parlament. Das antisemitische Buch eines Geistlichen aus dem Index. Folgen des neuen Balkankrieges für die Juden. Die nächste interparlamentarische Konferenz. Das Wohnrecht jüdischer Soldaten in Rußland. Aufhebung des Schächtverbotes in Finnland. Schließung einer jüdischen Ackerbauschule. Dr. Jochelmanns Klage über die Mißhandlung jüdischer Auswanderer. — Vermischtes. — Feuilleton: Der jüdische Witz. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Das Fiasko de« Kaiser-Iubiläams- Misfionspatriotismas i« Jerusalem. Aus Anlatz des 25jährigen Regierungs-Iubiläums des deutschen Kaisers wurde bekanntlich mit „Allerhöchster" Approbation und Empfehlung die Parole ausgegeben, datz die allgemeine Freude über dieses glückliche Ereignis sich weniger in kostspieligem prunkenden und lärmenden Festfeiern mit obligaten Etz- und Trinkgelagen. als vielmehr der praktischen allgemeinen Menschenliebe einen kräftigen und nachhaltigen Ausdruck geben möge. In geziemender Respektierung dieses Wunsches „von oben", Hat in ganz Deutschland ein allgemeiner Wetteifer eingesetzt, durch Gründung und Stiftung staatlicher, -kommunaler und privater Kultur- und Wohltätigkeitsanstalten die Erinnerung an das Iubiläumsjahr für alle Zeiten fest und tatkräftig zu erhalten. Bis jetzt sind aus diesem Anlatz bereits über 3000 verschiedenartige lokale, soziale und humanitäre Wohltätigkeitseinrichtungen teils projektiert, teils schon praktisch in Wirksamkeit getreten. Dabei empfand man es aber weiterhin noch als Bedürfnis, datz das nationale Empfinden über das bedeutungsvolle Iubiläumsjahr sich auch in einer gemeinfamennationalen Tat zusammenfassen und dokumentieren sollte, und als empfehlenswerter Weg zur Erreichung dieses Zieles wurde die Organisierung einer allgemeinen „nationalen — Missionsspende", an welcher sich alle Deutschen auf dem ganzen Erdenrund beteiligen sollten, in Vorschlag gebracht — ein Projekt, welches auch wieder die lebhafteste und lobendste „Allerhöchste" Zustimmung und Empfehlung gefunden hat. Der Ertrag dieser eigenartigen und anderwärts unerhörten „Nationalspende" sollte dann nach Abschlutz der Sammlungen als „Festangebinde" dem Kaiser zur Verteilung an die verschiedenen christlichen Missionsgesellschaften zur freien Verfügung gestellt werden, wobei man allerdings dem kaiserlichen Willen und Verfügungsrecht insofern einige Schranken gezogen hat, datz bei ausdrücklicher Angabe des Spenders, für welche Mission er seine Gabe bestimme, gewissenhaft und peinlich genau darauf zu achten sei. datz mit dem Gelde die „armen Heiden" und „verstockten Juden" nicht etwa auf lutherische oder katholische Methode der Hölle, dem Fegefeuer und den Klauen des Teufels entrissen werden, wenn es der Spender bei Ueberreichung seiner Gabe ausdrücklich bemerkt hat, datz es sein bestimmter Wunsch sei. datz diese edle und verdienstvolle christliche Tat nach den Regeln undder Taktik der Methodisten-, Baptisten¬ oder Heilsarmee-Mission geschehen solle! Nebenbei bemerkt: wenn es noch irgend eines besonderen Beweises dafür bedurft hätte, datz heutzutage wieder der schwärzeste, mittelalteclich-klerikal-feudale Geist in Deutschland umgeht, so kann man * ihn in dieser gewissermatzen regierungsseitig und amtlich im Namen der Monarchentreue und. des Nationalgefühls dem deutschen Volke, welches heute zu Neunzehntel mit der Kirche und der Religion in jeder konfessionellen Ausprägung innerlich und äutzerlich gänzlich zerfallen ist, geradezu aufgezwungenen „nationalen Missionsspende" erblicken. Es ist doch ein recht starkes Stück, wenn man den Grad des nationalen Volksempfindens bei dem Kaiser-Jubiläum jetzt nach dem Matze der Beteiligung an der nationalen „Missionsspende" bewerten und demgemätz freisinnige und liberale Christen samt den Juden, welchen ihre religiöse und politische Ueberzeugung und Parteistellung eine Vorliebe für die Mission von vornherein verbietet, folgerichtigerweise als antimonarchische, antinationale und unpatriotische Elemente in der öffentlichen Meinung diskreditieren wird. Leider kann man erwarten, datz sich manche „jüdische" Bank-, Börsen- und Warenhausherren — noniina sunt odiosa —, welche seither schon für einen glitzernden Ordensstern mit farbigem Band im Knopfloch dem frommen Kaiserpaar und dessen Sachwalter, dem Grafen v. Mirbach, in dem gottlosen -Spree-Babel eine Reihe christlich-protestantischer Kirchen und Missionshäuser mit namhaften Summen bauen halfen, auch jetzt mit und ohne Einladung werden bereit finden lassen, zum Besten der nationalen Missionsspende tief in den Säckel zu greifen, um mit