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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-07-04 · 27 (4.7.1913) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 490 Dr. BLochs Wochenschrift. Sir. 27 Sind wir aber in Bezug auf Moral, Menschenliebe weitergekommen? Ein Blick in die jüngste Vergangenheit — der Massenmord auf dem Balkan — und wenn wir die gegenwärtigen diplomatischen Verhandlungen — die gegenwärtige Geschichte beobachten. Herrscht nicht die rohe Macht? Unsere meteorologischen Anstalten haben feinempfindliche Instrumente für den leisesten Luftdruck, für das fernste Erbeben der Erde — aber all die hehren Eigenschaften der Menschen, der Idealismus hat keinen Messer. Willst du Frieden, dann mußt du wohl gerüstet sein. Die Kultur hat aufgehört der Gradmesser eines Volkes zu sein. Die Anzahl der Krieger, der Geschütze bewertet das Volk. Die freie Entwicklung des Volkes ist eine Phrase, wie wir deren so viele täglich im Munde führen und zu Papier bringen. Da steht ein Jüngling am Telefon und denkt was? Die Bibel? Alter Kram! — Jetzt erleben wir täglich Wunder, wir werden bald die Luft beherrschen. Ja, wenn uns nur das Luftschiff ethisch höher bringen könnte — wenn auch Gemüt und Herz sich aufschwingen könnten. Es muß also auch der Tempel modernifiert werden, der lange Talis, all die zopfigen, veralteten, nur für die Zeit gemachten Einrichtungen — fort damit — sie passen nicht in unsere Zeit und da ftagt man zuerst m nvan tot;d,K; die Antwort lautet: 'i* w p flWKi* Also auch Mädchenchor und Konfirmation — die Sache ist nicht nur schön, feierlich, erbauend, man braucht fich nicht schämen, die Gojim Habens ja auch. Also kein Rückstand; warum sollen^ wir gegen die Gojim rückständig sein, V3 p rwrsi und last not least, die Geschichte trägt etwas und „diesem Tragen" hat fich die Reform nie verschloffen auch nicht der Totenversicherung. Die Haskarah, das Maskir bildet längst einen wichtigen Posten in den Einnahmen. Man darf daher an diesem alten Minhag nicht rütteln — haben wir doch im Requiem eine Parallele. Es macht volle Häuser, dazu Predigt, weihevolle Stimmung. Gewiß wird so eine Konfirmations-Feier ihren tiefen Eindruck nicht verfehlen — aber welchen Wert hat die im Gesetz begründete Knabenkonfirmation, wenn nicht das Vor- und Weiterleben des Konfirmanden von der Religion geleitet wird. Das ist aber der falsche Standpunkt der Reform, daß sie, das Gesetz nicht beachtend, den Schwerpunkt der Religion ins Gotteshaus zu verlegen glaubt. Die jüdische Religion hat ihren Hauptfitz im jüdischen Haus, welches Schule und Tempel in sich vereinte Der Vater ist Lehrer und Priester in einer Person. Das Lehramt hat ihm die Bibel übertragen. und das Priesteramt a-ans roböö b> 'Ttn tim Es wird in einer Baraitha erzählt: In früheren Zeiten band man den roten Faden an den Fenstern der Häuser — damit aber niemand beschämt werde, wurde die Einrichtung getroffen, den Faden am Heiligtum zu befestigen usw. Das jüdische Haus allein kann unsere Jugend retten, nicht der Tempel und nicht der Gottesdienst, nicht Chor und Predigt. Weg mit all dem Firnis, mit der Dekoration. Der Firnis hebt ein gutes Bild, die Dekoration ist die Vollendung eines gediegenen Baues, einer guten Arbeit — aber Firnis allein, bloße Dekoration ohne Inhalt — das ist Schall und Rauch, Schaum und Luft und ins religiöse übertragen — Lug und Trug. Muß man da nicht trauernd klagen yitai ^n, wehe was haben wir verloren, das Siegel Gottes fiöK. Herr B. führt uns das Bild einer alten Dame vor, die vor 50 Jahren konfirmiert wurde. Da sei es uns gestattet auch einige Skizzen zu bringen. Ein Mädchen <t» Jö das seine Mutter nie entzünden sah, den Vater nie legen — die Speisegesetze nicht kennt, am Jom-Kippur nicht fastet, wird konfirmiert — sie fühlt sich daher nicht zurückgesetzt gegen ihre Kolleginnen. Die Feier hat einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. Sechs Jahre später reicht sie einem Christen die Hand zum Buude. Ein anderer Fall: Die Kinder einer Konfirmandin sind getauft, aber nicht genug damit, sie sind Judenfeinde und hänseln ihre jüdischen Mitschüler wegen ihrer jüdischen Namen — die Täuflinge heißen längst nicht mehr Kohn sondern Kapore. Und nun noch ein Bild einer gottergebenen seelenguten Frau, die nie eine Konfirmation gesehen. Sie läßt keinen Tag ihren rü'ini nr»at unbenützt, liest täglich den rrntyai ö'Sin av und besucht jeden Abend das Gotteshaus, am Montag und Donnerstag auch des Morgens — sie führt ihren einzigen Sohn in die Schule, erklärt ihm die Bedeutung des '2“i '"ö® 'n* p«, sie versteht es die Kinder in Gottesfurcht zu erziehen, prägt ihren Kindern frühzeitig die Abscheu gegen i'vi ein und lehrt sie Gutes tun in unauffälliger Weise. Ohne ns-o wird im Hause nichts genossen und wenn Kinder anderer Familien zu Besuch kamen, erklärte die gute Frau ihnen, was die bedeute. Ihr Haus ist ein njn rra, Thoragelehrte gehen aus und ein, bleiben gar oft über den Samstag, denn die Hausfrau, eine Sn r\m, eine von den riwpnx bmm, ist so überaus gastfreundlich. Wie sie die Männer der Thora ehrte, wie sie n1» nt3sn auszuüben verstand, da könnte ich noch vieles erzählen. Es war meine gute Mutter Korrespondenzen. Die fortschrittlichen Wiener Gemeinderäte gegen den Obmann des Deutschen Schulvereines. Der Obmann der wirtschaftlichen Ärbeitspartei der fortschrittlichen Gemeinderäte, Maler A. D. Goltz, veröffentlicht folgendes: „Herr Hof- und Gerichtsadookat Dr. Prüksch hat im Namen des Obmannes des Deutschen Schulvereines, des RRA. Dr. Gustav Groß, an mehrere Gemeinderäte ein Schreiben gerichtet, in welchem er die Frage stellt, ob die Interpellation, welche an der „antisemitischen Tendenz" der Leitung des Deutschen Schulvereines Kritik übt, von den genannten Herren unterzeichnet wurde. Ich erlaube mir» hiermit mitzuteilen, daß wir alle, die wir dem Verbände angehören, uns "mit dem in der Interpellation an den Bürgermeister Dr. Weiskirchner ausgesprochenen Urteil über das gegenwärtige Verhalten der Leitung des Deutschen Schulvereines und dessen Obmann Dr. Gustav Groß solidarisch erklären. Es sind dies außer meiner Person die Herren Gemeinderäte Schäfer, Kodilschsk, Stern, Klaudy, Herold, Eder, Bezirksvorsteher Blasei und Bezirksvorsteher-Stellvertreter Klebinder. Wir sehen den weiteren Schritten d«S Herrn Obmannes des Deutschen Schulvereines, dessen Rücktritt wir im Interesse der Bestrebungen des Deutschen Schulvereines herzlichst wünschen, mit Vergnügen entgegen. A. D. Goltz, Obmann und Gemeinderat der Stadt Wien." Generalversammlung -es Vereines „Krankenbesuch" (Bikur Chaulim). Am 8. Juni 1913 fand im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde die diesjährige Generalversammlung des Vereines „Krankenbesuch" unter regster Teilnahme der Vereinsmitglieder statt. Die Vorsitzende, Fräulein Lea Vondy, begrüßte die Versammlung mit herzlichen Worten und erössnete, daß Sr. Ehrwürden der Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang, infolge einer Indisposition telegraphisch sein Erscheinen abgesagt hatte, infolgedessen der Punkt 1 der Tagesordnung: „Ansprache des Herrn Rabbiners", entfallen mußte, welcher Umstand seitens der Anwesenden mit dem Ausdrucke des lebhaftesten Bedauerns zur Kenntnis genommen wurde. In dem durch den Vereinssekretär, Herrn Leopold Erünwald, zur Verlesung .gebrachten Rechenschafts- resp. Kassaberichte wird zunächst konstatiert, daß mit dem abgelaufenen Berichtsjahre 1912 der Verein das 10. Jahr seines Bestandes vollendete und daß im Verlaufe des verflossenen Dezenniums 1902—1912 an Naturalspenden und Barunterstützungen zirka 39.000 Kronen verausgabt wurden. Die eminent humanitäre Wirksamkeit des Vereines äußerte sich vor allem in den kontinuierlichen Besuchen sämtlicher Krankenanstalten Wien und Verabreichung von Naturalspenden (Erfrischungen nach der jeweiligen Jahreszeit) an die kranken und bedürftigen Glaubensgenossen. In Erweiterung der statutarischen Bestimmungen des Vereins bestrebte sich der Vereinsvorstand, unter finanzieller Beihilfe an-

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