Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-07-04 · 27 (4.7.1913) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022063--22271-3047408
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 27 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 489 zusammen erhalten, bisweilen auf vier bis fünf metalie in die Höhe. An schlechten Tagen aber, das heißt an angenehm kühlen, die das Gehen erlauben, kommt es oft genug vor, daß die Rutscher sich von ihrer luftigen Höhe auf die Straße herabbegeben, die Vorübergehenden am Rockärmel packen und ihnen ins Gesicht schreien: „Meachorim!" „Machne Jehuda!", „Babu!", „Wollen Sie einsteigen? Ich fahre gleich ab!" Die Namen sind die Benennungen verschiedener Stadtviertel (wie bekannt, gibt es hier keine Straßennamen). So kann es also Vorkommen, daß an manchen Tagen die Leute sich um die Sitze in den Droschken streiten, während an anderen Tagen jemand eine Viertelstunde in seiner Wagenecke sitzen und warten muß, bis sich die übrigen Plätze gefüllt haben. — Nun wollte die Regierung die Ta.re für die Wagenstände erhöhen, sowie das schon alte, aber nie befolgte Gesetz, daß des Nachts nicht ohne brennende Laterne gefahren werden darf, energisch, durchführen. Hauptsächlich aber wollte sie dem Unfug steuern, daß die Menschen auf der Straße angepackt oder angerufen und zum Mitfahren aufgefordert werden. Für diesen Fall sollten die Kutscher eine nicht unbedeutende Strafe zahlen. Jedoch die Droschkenbesitzer wis die Kutscher behaupteten, die erhöhten Abgaben nicht leisten zu können und fühlten sich außerdem in ihrem alten Rechte gekränkt, die Leute nicht mehr zum Einsteigen auffordern zu dürfen. Lieber wollten sie gar nicht fahren. So kam es. daß die Jerusalemer Bevölkerung sich zwei Tage lang nur per pedes vom Platze bewegen konnte. Am Abend des zweiten Tages jedoch endete die droschkenlose, die schreckliche Zeit. Die edlen Rosselenker hatten einen vollen Sieg errungen. Nach 'wie vor wird also dem Jerusalemer Passanten am Jaffator, dem Hauptaufstellungsplatz der Droschken, der Ruf in die Ohren gellen: „Gefällig? - Noch Platz im Wagen. . . .!" Aus der zionistischen Bewegung. Berlin. Bei der Aktionskomitee-Sitzung fehlten Wolffsohn, Ussischkin und die Pariser und die Londoner Mitglieder. Die Polemik der „Welt" gegen Nordau, Marmoreck und Cowen wurde verurteilt. Die Gründung einer Agrarbank wurde beschlossen, über das Programm des Kongresses usw. beraten und die Frage der Verlegung des Nationalfonds-Direktoriums von Köln nach Berlin gutgeheißen. Dr. Bodenheimer dürfte gleichzeitig nach Berlin ziehen. Dr. Tschlenow soll nach Paris fahren, um Dr. Nordau zu veranlassen, zum Kongreß zu kommen. Tschlenow ist tatsächlich nach Paris gereist, um Nordau zu veranlassen, beim Zionistenkongreß zu erscheinen. Woher stammt der Name „Ghetto"? Darüber schreibt die „Newyorker Staatszeitung": Der Ausdruck Ghetto als Bezeichnung für ein besonderes, abgeschlossenes Judenviertel ist bekannt, die wenigsten aber wissen, woher er stammt. Die Antwort lautet: „Aus Venedig." Am äußersten Ende des alten Venedigs, in der Nähe der Kirche St. Geremia, befand sich ein ausgedehntes Terrain, welches so genannt wurde. Dort waren nämlich im 14. Jahrhundert zahlreiche Eisengießereien gewesen, die zwar nicht lange bestanden, aber doch dem Stadtteil ihren Namen gaben; denn Getto, woraus später Ghetto wurde, heißt „Guß". In einem Dokumente von 1458 wird dies, lateinisch natürlich, ausdrücklich gesagt: „Er wurde Getto genannt, weil sich dort mehr als zwölf Oefen befanden, in denen Erz geschmolzen wu^de." Die Juden in Venedig, die Ilniversita ebraica, hatten nun bald mit den widrigen Bürgern, bald gesondert gewohnt, je nachdem ihnen Gesetz und Zeit günstig waren: schließlich waren sie ganz ausgewiesen worden. Im Jahre 1516 nahm man sie zwar wieder auf, wies ihnen aber gesonderte Wohnstätten an, und zwar auf dem öden Terrain, das Ghetto genannt wurde. Von hier aus verbreitete sich der Name in allen Städten, wo man die Juden in besondere Stadtviertel pferchte, bis man die historische Bedeutung des Namens vergaß. Eine Szene auf Ellis Island. Aus Newyork wird uns geschrieben: Auf Ellis Island spielte sich vor einigen Tagen ein Drama ab. das in allen seinen Teilen an das Buch „Ruth" erinnerte. Am 29. Mai landete in Ellis Island der 28jührige Louis Bedier, der nach Amerika kam, um mit seiner in Newyork lebenden Braut Eva Israel getraut zu werden. Unglücklicherweise wurde Bedier von den Aerzten auf der Landungsinsel als mit Trachom behaftet bezeichnet, weshalb er zur Deportation verurteilt wurde. Miß Israel erklärte nun. daß, nachdem ihrem Verlobten die Landung nicht gestattet wird,' so sei sie entschlossen, mit ihm in sein Heimaisland England zurückzureisen. Die Eltern des Mädchens gaben hiezu ihre Einwilligung, jedoch unter der Bedingung, daß sie vorerst im Sinne des mosaischen Gesetzes getraut werden. Doch da wurde die Rechnung ohne den (inzwischen demissionierten) unbarmherzigen Einwanderungskommissär Williams gemacht. Dieser verweigerte die Einwilligung zu diesem Trauakte. Da griff der jüdische Verein zum Schutze der jüdischen Einwanderer (ilebrew Slndteriiigand Immigrant Aid Society) in die Affäre ein untMerwirkte in Washington die telegraphische Erlaubnis, so daß noch in letzter Minute die Trauungszeremonie in einem Saale des Einwanderungsamtes in Ellis Island vorgenommen und Miß Israel als Mrs. Bedier ihren Mann in dessen Heimat begleiten konnte. Von der Galveston-Emigration. Seit dem Beschlüsse des Londoner Emigrationsregulierungsdepartements der Jto, die Auswanderung russischer Juden nach Teras via Galveston auch weiter in eigener Verwaltung zu führen, ist, wie uns aus Bremen mitgeteilt wird, am 19. Juni die erste große Partie der Dampfer abgegangen. Diese Partie umfaßt 800 Personen. welche alle gleich nach ihrer Ankunft Arbeitsgelegenheit vorfinden werden. Der Präsident der rußländischen Jto, Dr. Jochelmann, hat persönlich die Einschiffung der 300 Emigranten überwacht und Vorsorge getroffen, daß allen ihren Wünschen, auch in religiöser und ritueller Beziehung, während der Ueberfahrt Rechmmg getragen werde. Zur Miidchenkonfirrrration. Von D. K. (Fortsetzung). Tempora, mutantur. Ja die Zeiten find andere geworden, dies und jenes ist nicht zeitgemäß, man müsse der Jugend etwas anderes bieten, die Zeit verlangt auch von uns Fortschritt — dies ist der beliebte Einwurf, die Verteidigung, wenn man zurückgeht. Denn all der „Fortschritt" — die Reform ist „Rückschritt^ — mit den Worten des „Propheten" -ma mw. Was hat uns die Reform gebracht? Ist das Judentum erstarkt? Welche positive Leistungen hat sie zu verzeichnen? Ist etwa der Mädchenchor auch eine positive Leistung? Blicken wir doch auf die allwöchentlich in diesem Blatt erscheinende Liste der llebergetretenen. Nein — die Zeiten haben sich nicht geändert aber, no8 in illis, wir haben uns geändert, die Bibel, die Gotteslehre war, ist und wird bleiben. Ihre Wahl heit, ihre Tugend, ihre Moral gelten für die Ewigkeit. Wir haben uns geändert, indem wir das Gesetz verlassen haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.