Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 27 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 27 Seite 486 Dk. Blüchs Iustizminister als Angehöriger des Deutschen Nationalverbandes muh das doch wissen. Wenn er auch persönlich höher steht und sich mit Ekel von diesem Treiben abwendet, so braucht er sich doch nicht ^zu wundern, daß die traurigen Erscheinungen der politischen Agitation schließlich ins Parlament münden, wie der Fluß in das Meer. Der Iustizminister hat ja schließlich auch eine leichte Gelegenheit, die Verhältnisse zu bessern. Er brauchte bloß dafür zu sorgen, daß die bestehenden Gesetze über Aufhetzung und Boykott auch wirklich angewendet werden und der Erfolg kann nicht ausbleiben. Man braucht bloß die Schimpfpolitiker mundtot zu machen und dann werden die anständigen Politiker sich einstellen, die Parlamentsverdrossenheil muß schwinden. Allerdings wäre das auch das Ende der Antisemiten, dieser Krawalleure und Hetzer, die gar nichts anderes können. Vielleicht ist aber doch das staatliche und gesellschaftliche Interesse auf die Dauer maßgebender als die in ihren Lügen stets widerlegte, lang überlebte Feindschaft gegen die Juden. Angola. Don S. Giuzburg in Zürich. I. Seit llranbeginn war es dem jüdischen Volke beschieden, ein unstetes, bewegliches Dasein zu führen. Sogar vor dem endgültigen Verlust der Selbständigkeit findet man in seiner Geschichte kaum eine einzige fortlaufende Periode von 400—500 Jahren, in der nicht größere oder kleinere Volksteile ihrem Wohnsitze entrissen und nach weit entlegenen Orten verschlagen wurden. Nach der Zerstörung des jüdischen Reiches stellt sich dieser Zustand der Unstetigkeit aber schon vollends ein und im Laufe von fast zwei Jahrtausenden bildet die Hauptmasse der Juden ein unaufhörlich fluktuierendes Element, das sich in vergeblicher Suche nah menschenwürdigem Dasein aus einem Lande in das andere wälzt, ohne irgendwo die heißersehnte Ruhestätte finden zu können. Gelingt es einer Gruppe, für kurze Zeit Atem zu holen, so sorgt man bereits am anderen Orte dafür, daß ein anderer Teil des jüdischen Volkes sich wieder in Bewegung setze. Dieses Wechselspiel hörte nie auf, auch im aufgeklärten 19. Jahrhundert nicht, und dauert bis auf den heutigen Tag noch.... Immerhin kann aber in den letzten Dezennien eine eigentümliche Erscheinung konstatiert werden, welche in dieses ewige Hinundher einen ganz neuen Ton hineingebracht hat. Durch untrügliche Zeichen gibt es die jüdische Masse kund, daß sie nicht mehr gewillt ist, die ihr von der Grausamkeit zugedachte leidvolle Rolle zu spielen. Die jüdische Masse ist des Manderns satt und entschlossen, das zweitausendjährige Nomadentum aufzugeben. Dieser feste Wille äußert sich deutlich im Bestreben, zur Mutter-Erde zurückzukehren. Der gesunde Volksinstinkt sucht vermittelst des Pfluges sich gleichsam fest und endgültig zu verankern, wo es auch immer sei. Das Volk will sich selbst mit den stärksten Banden an den Boden fesseln, um nicht vom ersten besten feindseligen Anstürme seiner Umgebung wie ein wurzelloser Strohhalm fortgefegt zu werden. Während nun dieser Wille der unteren Schichten unseres Volkes im spontanen Entstehen von landwirtschaftlichen Ansiedlungen zum Ausdruck kommt, während in den Vereinigten Staaten und in Palästina, in Kanada und in Argentinien blühende Kolonien' emporschieben, — ist auch in die höheren Klassen unversehens ein neuer Geist gefahren. Das stolze nationale Gefühl, Wochenschrift. das — bei vielen wie eine wahre Offenbarung — aufleuchtende Bewußtsein, daß man sich der Abstammung vom jüdischen Volke nicht zu schämen braucht, daß im jüdischen Volke, unbeschadet der Jahrhunderte währenden unmenschlichen Verfolgungen, der Wille zum Leben und die Kraft, neue Werte zu schaffen, nicht erstorben ist, sondern im Gegenteil nach einem würdigen Arbeitsfelde förmlich lechzt, — das alles konnte nicht umhin, in Tausenden und Ab erlaufenden von pulsierender Tatkraft überströmenden Vertretern der jüdischen Intelligenz den heißen Wunsch entstehen lassen, ihrem Leben einen neuen zaubervollen Inhalt zu geben durch den Versuch. dem altehrwürdigen Wandervolke eine sichere Heimat zu verschaffen. Der — vorderhand freilich noch nicht klar empfundene — Trieb der Massen nach eigener Scholle, nach Bodenständigkeit einerseits, die Sehnsucht der Intelligenz (und in letzter Zeit auch der weitsüchtigeren Vertreter der oberen Zehntausend), ihre Kräfte in den Dienst der heiligen Volkssache zu stellen, andererseits, — das sind zwei Faktoren, welche — klug und vorsichtig nach einem klar umrissenen Endziele gewendet — zweifelsohne Wunder wirken könnten. Die Synthese herbeizuführen, stellte sich die Iüdisch- Territorialistische Organisation (ITO) zur Aufgabe. II. * Acht Jahre sind es her, seit die Ito sich auf die Suche nach der Lösung dieses Problems begab. Sie ist bestrebt, ein Land zu finden, welches imstande wäre, eine starke jüdische Bevölkerung aufzunehmen, zu ernähren und ihr die Möglichkeit zu geben, sich entsprechend ihren nationalen Bedürfnissen auszuleben. Die Vorbedingungen, die an ein solches Land zu stellen sind, lauten: Ein möglichst schwach bevölkertes, geräumiges, auf privat rechtlicher Basis erworbenes Territorium mit gesunde in Klima und fruchtbarem Boden. Die erste Bedingung ist, nebenbei bemerkt, durchaus unerläßlich, will man von vornherein eine Assimilierung an die einheimische Bevölkerung ausschließen. (Sogar im verhältnismäßig nicht sehr stark bevölkerten Palästina läßt sich bekanntlich jetzt schon von seiten des Arabertums eine assimilierende Wirkung auf die dortigen Juden ohne weiteres feststellen.) Das gegenwärtig in Diskussion stehende Angola entspricht den aufgeführten Forderungen in sehr zufriedenstellender Weise, wenigstens soweit man nach dem uns vorliegenden englischen Berichte der von der Ito Ende vorigen Jahres ausgeschickten Untersuchungs-Erp edition urteilen kann. Der Leiter dieser Expedition, der bekannte Fachmann auf diesem Gebiete, Professor I. W. Gregory, gelangt zum Resultate, daß laut den Wahrnehmungen der Erpeditionsteilnehmer selbst, als auch auf Grund der Forschungsergebnisse vieler anderer unvoreingenommener Besucher di-eser portugiesichen Kolonie, die Feststellung gemacht werden kann, daß gewisse Teile derselben sich hinsichtlich des Klimas, der Bodenbeschaffenheit, der Wasser- und der hygienischen Verhältnisse für die Schaffung einer ausgedehnten weißen Ansiedlung durchauseignen. Die objektiven Bedingungen sind also im gegebenen Falle zweifelsohne gegeben. Die Natur stellt dem Werke keine unüberwindlichen Hindernisse in den Weg. Es kommt nun vor allem darauf an, daß die portugiesische Regierung die eingeschlagene Bahn weiser Kolonialpolitik unbeirrt weiter wandelt und — alle kleinliche, durch nichts, aber auch garnichts begründete Aengstlichteit beiseite lassend — dem jüdischen Volke die Mög-