Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 27 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Er. 27 Or. Bloch’s Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Zudentums. -n~—~D- Wim 4. Juli 1913 : Lrscbetnt jeden ZfreLtsg. i Brief-Adresse: Wie«, ll/i, Praterstraße 9 Telegramm-Adreffe: BLoch'S Wochenschrift, Wie«. Inhalt: Leitartikel: Der Justizminister gegen das Parlament. — Angola. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Amerika geht Rußland nicht auf den Leim. Eine Dame Präsidentin des Verbandes jüdischer Literatur-Gesellschaften in England. Richter Sulzberger, Ehrendoktor für jüdische Literatur. Ein jüdischer Botschafter für Amerika. Die Kraft des Judentums. Ein jüdischer Richter in Irland. Das Los einer Getauften. Juden im preußischen Abgeordnetenhause. Opferwrlligkeit bayrischer Offiziere. Die Droschkenkutscher von Jerusalem. Aus der zionistischen Bewegung. Woher stammt der Name „Ghetto"? Eine Szene auf Ellis Island. Von der Galveston-Emigration. Zur Mädchenkonfirmation. — Korrespondenzen.- Die fortschrittlichen Wiener Gemeinderätegegen den Obmann des Deutschen Schulvereines. Generalversammlung des Vereines „Krankenbesuch (Bikur Chaulim)". Neu-Sandez. Antisemitische Hetzereien. Gründung eines Rabbinerverbandes in der Bukowina. Tarnow. Aus der „Agudas-Jisroel"-Bewegung. Die Gleichberechtigung der Juden von Silistria. Das Komplott der Verschworenen von Konstantinopel. Ein Aerztekonareß gegen die Ritualmordlüge. Leipzig. Eröffnung einer höheren israelitischen Schule. Mädchengrnppe der „Agudas Jisroel" in Frankfurt a. M. Kopenhagen. Jüdische Emigranten in Dänemark. Der Rltualmordprozeß. Das Testament einer jüdischen Frau. Der Talmudprozeß in Kanada. — Vermischtes. — Feuilleton: Der jüdische Witz. — Adolf Neustadt. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. O CF-- =00? Vrrugsprris Tür Drstrrrrich: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemvlare 50 Heller. Für's Auslsnv: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die «algespal» O tene Petttzeile 48 Heller. £ o P ■ - - -=0 o 0 Cr O 0)0 Q Ä. k Postsparkalfenamk Clearing*» \Derft ebt «r. 810.976. Redattion und Administration; c Wien H/i, Praterstraße 9 ö 'Telefon 14847 q o - -o o Der Iustizminister gegen das Parlament. Der Justizminister hat im Herrenhaus ein Wort gebraucht, das in der Bevölkerung nachgefühlt und leider allseits bestätigt wird. Er konstatierte eine „Parlamentsverdrossenheit" und hat sich dabei noch sehr gelinde ausgedrückt. Denn eigentlich hat man es schon mit einem zornigen, feindseligen Gefühl gegen das Abgeordnetenhaus zu tun, das nicht vorhanden zu sein scheint, um eine soziale oder politisch fortschrittliche Tätigkeit zu entfalten, sondern um sie zu hindern. Man merkt es nicht anders als wohltätig, daß dieser Tummelplatz der Wolf und Choc, der Lärmmacher und Gewalttäter, geschlossen worden ist. Neue Steuern sind das einzige, das man aus diesem Hause erwarten dürfte, aber die Fähigkeit zur höheren Steuerleistung wurde den Völkern nicht gegeben, sondern immer genommen. Man hat auch schon seit Jahren nichts von einer großangelegten Debatte, von einer bedeutenden Idee, ja auch nur von einer geistig wirklich hervorragenden Rede vernommen. Die ödeste Obstruktion wechselt mit der Beschlußunfähigkeit und selbst die sogenannten arbeitswilligen Parteien sind so eifrig bei der Sache, daß es nicht einmal zu einem Glückwunsch beim Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms, des Monarchen einer befreundeten und eng verbündeten Großmacht, gebracht werden konnte. Woher kommt nun aller dieser Jammer, diese Unfähigkeit, diese Faulheit der Akteure und der Zuschauer wie bei einer Bühne, die vor dem Konkurse steht? Die Bevölkerung versinkt immer tiefer in Armut, der Bau der Wirtschaftsbahnen unterbleibt, der Staat bezahlt seine Diener elend, die Handelsbilanzen werden immer schlechter, die Ausfuhr stockt, das Eeschäftsleben liegt vollständig nieder und das Parlament weiß sich selbst nicht zu raten, geschweige denn anderen zu helfen. Die großen Politiker, die wir einst gehabt haben, befinden sich in der Wandelhalle des Reichsratsgebäudes, aber in Stein ausgehauen an den Wänden wie Grabmäler ihres eigenen Werkes und Wirkens. Niemand anderer aber hat diesen Zustand verschuldet, als die Vorgänger der Regierung, welche sich jetzt in so großer Verlegenheit befindet. Hätte man nicht vor Jahren der Demagogie des Antisemitismus mit allen Mitteln Vorschub geleistet, so hätte man jetzt nicht die traurigen Geister im hohen Hause, die man gern aber mit vergeblichen Wünschen loswerden möchte. Statt daß nur die besten Redner und erleuchtete Geister hätten vor die Wähler treten dürfen, genügte es, ein kräftiges Schimpforgan zu haben. Statt daß man bei der Wahlbewerbung hätte ein Programm der guten Vorsätze und der Arbeiten entwickeln müssen, genügte es, zu sagen, daß man die Juden mit allen Mitteln bekämpfen werde. Diese erhabene Methode hat nun glänzende Resultate hervorgebracht. Die antisemitischen Parteien sind ein Haufen der unbedeutendsten Männer geworden, der von einzelnen Führern zu einer Politik der Einkünfte, der Portefeuilles und Orden mißbraucht wird. Die Großen vom Blauen Luchsen, die Adjutanten des deutschen Kognakhelden der Politik führen die Regierung, wenn sie nicht selbst auf der Ministerbank sitzen. Diese Elemente haben auch niemals gezögert, mit den ungebundensten Versprechungen herumzuwerfen und haben allerorts eine Begehrlichkeit entfaltet, die nun mit allen Mitteln Befriedigung sucht und die Grundlagen des Staates gefährdet. Die Führer des Antisemitismus haben die den Juden fälschlich vorgeworfene Korruption selbst im größten Stile betrieben und finden nun auf allen Seiten Nachahmer, deren Taten die größte Aufregung Hervorrufen. Das alles wäre aber niemals nötig gewesen, der Abscheu, die Verdrossenheit vor der Führung der Politik wäre vermieden worden, wenn man das öffentliche Leben remgehalten hätte von dem Schmutz und Ekel, der es seit dem Auftreten der Antisemiten erfüllte. Weil es gegen die Juden ging, glaubte man ihren Feinden jede Schmähung und jede Roheit erlauben zu dürfen. Dann allerdings ließen diese schönen Lorbeeren auch andere Politiken nicht schlafen und das Getöse einer allgemeinen Hetze brach aus, in welchem die Harmonie der Arbeit vollständig uni erging. Man muß konstatieren, daß es antisemitische Versammlungen waren, in welchen vom ersten Tag bis heute die Rede, der Lärm, die Brutalität, das Schimpfen den^ Grundakkord angaben. Der