Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3022035-3022062--22262-3047398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 26 Dr. Mochs WMenfchrfft. Sette 4SI treten." Nur insofern h-inkt dieser von der „Jugend" beabsichtigte Vergleich mit den assimilationslüsternen Juden, daß sich wenigstens in Preußen die Christen bemühen, dem Juden, der sich aus Gesinnungslosigkeit und Geschäft hat taufen lassen, zu glauben, daß er wirklich aus der semitischen Rasse ausgetreten ist. Än einem deutschen Nordseebade, in dem sonst Juden nicht verkehrten, weil sie sich gesellschaftlich gemieden sahen, hielt sich zur Kur ein Jude auf, der zwar glaubte, daß ihm niemand den Juden ansähe, sich aber doch unwillkürlich von der Berührung mit der übrigen Vadegesellschaft abschloß. Nur mit einem Verwachsenen, der ebenfalls allein seines Weges gehen mußte, freundete er sich an und man sah sie täglich stundenlang zusammen. Das Verhältnis zwischen beiden wurde immer herzlicher. Eines Tages, unmittelbar vor seiner Abreise, faßte sich der Badegast ein Herz und auf der Promenade flüsterte erseinem verwachsenen Kameraden zu: „Wissen Sie, Herr Negener, ich muß Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. — Ich bin nämlich Jude!" Da brachte dieser seinen Mund an das Ohr seines jüdischen Gesellschafters und flüsterte ihm leise, aber ganz leise ins Ohr: „Auch ich muß Ihnen ein Geheimnis anvertrauen" — und hier wurde er fast unhörbar — „ich bin nämlich bucklig." Die Angleichung und die würdelose Aufgabe alles Jüdischen ist die Ursache der schrecklichen Unwissenheit in allem Jüdischen gewesen, die bei den deutschen Juden grassiert. Diese Unwissenheit aber ist selbst der beste und kräftigste Nährboden für die Assimilation. Kann man doch von niemandem verlangen, ein Judentum zu lieben, das er gar nicht kennt. Gibt es doch Juden genug in Berlin, die alle ihre Kenntnisse vom Judentume aus den antisemitischen Zeitungen oder aus den Spöttereien herholen, die sie in den Gebrüder Hernfeldschen Theaterverhöhnungen der Juden hören. Jüdische Feste und häusliche Poesie, die das Judentum so reichlich besitzt, ist den weitesten Kreisen Berlinischer Juden ganz unbekannt, aber wohl ist das Christfest und der Christbaum selbst in solche jüdische Kreise gedrungen, die sich einbilden, noch oder wieder jüdisch zu sein. Hier einige Illustrationen zu dieser Art der Assimilation. Der kleine Siegfried Jakobsohn steht am Fenster und fragt erstaunt die Mutter: „Sieh doch einmal, Mütterchen, die Müllers drüben haben ja auch einen Weihnachtsbaum, das sind doch aber gar keine Juden." In der Toynbeehalle der jüdischen Bnai-Briß- Logen zu Berlin spielt ein Herr auf dem Pianoforte einen „Uebergang vom Winter zum Frühjahr". Als er mit vollem Tone „Stille Nacht, heilige Nacht" spielt, hört man plötzlich, einen älteren Herren vor sich hinbrummen: „Darf man so was bekalles Rosch (unbedeckten Hauptes) mit anhören?" (Mischung fo'ßt.) Literatur. Ei« vergessener Biograph. Von Dr. I. Wrrtheim, Wien. Im ersten Bande seiner „Stuckies in .Inänismder 1896 in London bei Adam und Charles Black erschien, erzählt der seither zum Rektor der Newyorker jüdischen Hochschule berufene S. Schechter von einem „jüdischen Boswell". (Boswell war der Biograph des hervorragenden englischen Lexikographen und Schriftstellers Dr. Johnson.) Sein Name war Rabbi Salomon von St. Goar, der kleinen Stadt am Rhein. Sein Lehrer war R. Jakob, der Levite, besser nach seinen Initialen als Maharil bekannt. Er war nacheinander Oberrabbiner von Mainz und Worms. Die Haupttätigkeit Maharils fällt in die ersten drei Jahrzehnte des 15. Jahrhunderts. Das waren harte Zeiten für einen Rabbiner. Denn das vorhergegangene Jahrhundert mit seinen Verfolgungen man denke bloß an den „Schwarzen Tod" und seine schrecklichen Folgen für die Juden - führte zum Untergange der großen „Schulen", zum Verfalle des Thorastudiums und zur Auflösung vieler Gemeinden. Die übriggebliebenen kamen miteinander in keine Berührung, so daß fast jede größere jüdische Gemeinde ihren eigenen Minhag hatte. Mabaril war es. der ein wenig Ordnung in dieses Chaos brachte, und im Laufe der Zeilen wurde sein Einfluß so mächtig, daß die Regeln, die er bei der Durchführung der religiösen Gebräuche beobachtete, vom größten Teil der jüdischen Gemeinden angenommen wurden. Die Persönlichkeit dieses Mannes mußte eine ganz bedeutende gewesen sein, daß er sich in einer so schweren Zeit durchringen konnte. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß der Minhag oft in eine Art religiöse Mode ausartet, die gar schwer zu heilen ist. Es ist deshalb ein unersetzlicher Verlust für die jüdische Geschichte und Literatur, daß dev größte Teil der nachgelassenen Schriften Maharils nicht mehr erhalten sind, so daß wir nur sehr wenig von ihm wissen. Dieses Wenige verdanken wir der Mitteilsamkeit seines Dieners und Schülers, des R. Salomon von St. Goar. Er überlieferte uns nicht bloß seine Minhagim, sondern er schrieb alles, was er von ihm sah und hörte, unter dem Namen „Collectanea" zusammen, deren größter Teil uns verloren ging. Die erhaltenen Fragmente erzählen uns unter anderem auch, wie Maharil seine Frau ansprach, seine Schüler behandelte, wie sorgsam er im Gebrauche seiner Bücher war und auch wie rein seine Wäsche war. Von R. Salomon selbst wissen wir nur sehr wenig. Die einzige Stelle, in der er von seiner eigenen Person spricht, ist die. wo er seine Herkunft von R. Eleazar ben Samuel Hallevi (gestorben 1357) ableitet und sagt, daß er gewöhnlich „der gute R. Salman" genannt wurde. Er verdiente wohl diesen Namen. In seinem Testament schärfte er seinen Kindern ein: „Seid ehrlich und gewissenhaft im Verkehr mit Menschen, mit Juden sowohl als auch mit Andersgläubigen, seid freundlich mit ihnen und zuvorkommend und — sprechet nichts Aeberflüssiges." _ Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur. Herausgegeben vom Verbände der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland. XVI. Band. Berlin 1913. (M. Poppelauer.) Seitdem wir zuletzt das Jahrbuch obigen Verbaudes in diesen Blättern besprochen (1908), ist die Serie derselben ununterbrochen mit der Pünktlichkeit eines Uhrwerkes Jahr für Jahr fortgesetzt worden. Lückenlos steht die Reihe dieser Jahrbücher seit 1895 da; 18 Bände, eine Rüstkammer geschichtlichen, religionsphilosophischen, literarhistorischen, belletristischen Materials, die sowohl dem/ Beitragenden, als auch dem Literatui'-Verbande selbst zur ehrenvollen Befriedigung gereichen darf. Nur eine Lücke klafft unersetzlich: Die Stelle, die sonst an der Stirnseite dieses Jahrbuches jener Name zierte, der ehrerbietig von jedem Verbandsmitgliede ausgesprochen wurde, ist leer geworden: Gustav Karpeles, der unvergeßliche Gründer des deutschen Literatur-Verbandes, ist seither in die Ewigkeit eingezogen. Aber gerade diese wehmutsvolle Tatsache ist es, die den Anlaß zur Besprechung des vorliegenden Jahrbuches bietet; gewährt es doch den lebendigen Beweis für die fortdauernde Kraft des Geistes, der den Staub überwindet; denn Geist vom Geiste Karpeles, der für alles Edle und Schöne des Judentums erglühte, ist es, der aus allen vorliegenden Beiträgen spricht. Zunächst der, wie schon zu Karpeles’ Lebzeiten, auch diesmal von Martin Philippson besorgte, feinsinnige „Rückblick auf das Jahr 5672“ (S. 1 f.); ein Rückblick,, der gleichsam mit kundiger Hand Licht und Schatten am Horizonte der politischen "Weltlage abmißt und, der