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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-06-27 · 26 (27.6.1913) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
26 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 460 Dr. Blvchs Wochenschrift. Nr. 26 Anekdoten umgehen, und dem immer noch neue angedichtet werden. Einige ältere zeigen, in welcher Richtung die „Bildung" dieses Schottländer lag: Schottländers Frau will ihm die jüdischen Redensarten und Manieren abgewöhnen. Sie ist schon ganz deutsch und gebildet, da sie ja selbst ihren eigenen Tonfall nicht Hort. Auch den jüdisch klingenden Namensformen ist sie gram. Eines Tages hat ihr Mann nach einer von ihm veranstalteten Jagd große Gesellschaft. Möglichst adlige Namen hat man eingeladen. Auch das ist ein Zeichen von Frau Schottländers Bildung. Ihr Mann unterhalt die Gesellschaft in seiner Weise und erzählt unter allgemeiner Heiterkeit, dse er für Beifall nimmt, von seinen Taten als Nimrod. Plötzlich hört seine Frau, wie er stolz erzählt: „Ich hob' dem Gewehr angelegt und dem Heinriche mitten durch den Louis geschossen." „Siegbert," ruft sie ihrem Manne zu, der früher einmal Schimon geheißen hatte, „Siegbert, was redst du für Narrischkeit?" „Nu", antwortet der nahezu entrüstet, „du willst doch nicht, daß ich sagen soll „Hirsch" und „Leib'', mutz ich sagen „Heinrich" und „Louis": Hab' ich doch den Heinrich durch den Louis geschossen.'") Schottländer will eines Tages eine Pferdedecke kaufen. In dem Laden, in dem er sie verlangt, wird er gefragt, wie groß die Decke sein soll. Cr wirst bid Schultern seines hvchgebauten Körpers stolz zurück mit den Worten: „So groß, wie Sie sie haben, die größte, daß sie für mich patzt. Gibts a größeres Pferd," fügte er stolz hinzu, „als mich?" Dazu mutz bemerkt werden, daß im Posenschen Iudendeutsch, das hie und da als Hochdeutsch in Breslau, Görlitz und Berlin rudimentär fortlebt, das Wort „Pferd" das gröbere Schimpfwort für einen Menschen ist, den man im Gemeindeutschen einen Esel nennen würde?) Aber Schottländers verunglückte Assimilationsversuche erstreckten sich nie eigentlich auf das Verlassen des jüdischen'Gesetzes, sondern entweder auf eine falsche Anwendung hochdeutschen Ersatzes für das Iüdischdeutsche oder auf handgreifliche Dummheiten. Dabei ist dem Manne, der persönlichen, feindlichen jüdischen Witzbolden als Folie diente, bitteres Unrecht geschehen. Er hat nie etwas von dieser falschen Assimilationssucht an sich gehabt und ist persönlicher Feindschaft zum Opfer gefallen. Aber der Urtypus ist bereits vergessen und Schottländer zur stehenden Figur ungeeigneter Assimilationsbestrebungen geworden. Daneben werden genannte und anonyme Träger ähnlicher Bestrebungen und gleichgerichteter Dummheiten in Menge angeführt. Ein Jude aus dem Osten, ein „Pollack", hielt zwar noch die Speisegesetze, aber oft schon gelüstete es ihn, sich darüber h-inwegzusetzen, ohne doch eigentlich den Mut dazu zu finden. Einetz Tages aber war er an einem schwülen Sommertage durch das Gebirge gewandert und kam ermüdet und hungrig in eine kleine Schenke am Waldesrande. Ermattet setzte er sich nieder, trank zuerst etwas und ließ sich dann sagen, was er essen könnte. „Wir haben heute nur noch Schweinebraten." — Er hatte die Absicht ohnehin gehabt, hier treife (trefah — Unerlaubtes) zu essen. Aber etwas peinlich berührte es ihn, daß es Schweinebraten war, gegen den er eine ganz besondere, angeborene und anerzogene Abneigung hatte. Aber was halfs? Er bestellte ihn also. Bis der Braten kam, vertiefte er sich in die Zeitungen und bemerkte nicht, daß sich inzwischen Gewitterwolken am Himmel häuften. Endlich kam der Braten und mit einem aus Neugierde, Furcht und Ekel gemischten Gefühl nahm er Aus Schönebeck bei Magdeburg. -) Aus Görlitz. die Gabel zur Hand, stocherte erst ein wenig in dem Gericht herum und führte dann einen ersten Bissen zum Munde. Ehe er aber diesen erreicht hatte, krachte plötzlich ein heftiger Donnerschlag hernieder, daß er zitternd zusammenfuhr, die Gabel sinken ließ und, zum Himmel gewendet, sagte: „Ich hob doch noch gor nit gegessen, was heiserst dich (ärgerst) schon?" Dieser naive Glaube, daß Gott sich ganz besonders um ihn bekümmert und seines Essens wegen ein Gewitter veranstaltet, das hier der Berliner, eigentlich wohl Posener Iudenwitz dem „Pollack" anhängt?) kommt ebenso in Zahlreichen deutschen Schnurren zum Ausdruck, und meist beziehen sich diese Erzählungen auf Meßner, die das Bild Christi tragen, oder auf sonstige fromme Gemüter, die in ihrem Herrgott ihresgleichen sehen. Aber gelegentlich! kommen diese Geschichten auch in die Witzliteratur, und so fand eine ganz der oben erzählten jüdischen Schnurre ähnliche Bauernerzählung ihren Weg in die Münchener „Jugend":-) Schulze-Nettkemper ist im' Begriff, seinen letzten Roggen einzufahren. Am Himmel zieht ein Gewitter auf und alles beeilt sich, das letzte Fuder unter Dach zu bringen. Als der letzte Wagen gerade zum Hoftor hineinfahrt, fallen die ersten Tropfen und Schulze-Nettkemper blickt triumphierend zum Himmel auf mit den Worten: „Do sin ek di doch ten geu wierst."^) In demselben Augenblick schlägt das Fuder vor dem Scheunentor um. Erschrocken und betrübt schaut Schulze-Nettkemper wieder zum lieben Gott auf und meint ganz verduzt: „Du kast^) ower auk keinen Spatz verdr'egen!" Die Verwandtschaft mit der jüdischen Schnurre ist ebenso augenfällig wie ihre Besonderheit gewahrt ist. II. Zu den wunderlichsten Blüten der Assimilation gehört die falsche Scham, sich als Juden zu erkennen zu geben. Wenn gber der deutsche Jude an sich selbst Fehler erblickt, die den Spott herausfordern, so erzählt er einen Witz vom „Pollack, indem diesem daran ganz unschuldigen Menschen die Lächerlichkeit des deutschen Juden anhängt. Denn der polnische Jude, der existiert nur in der Phantasie, von dem Geschichten wie diese erzählt werden: Ein polnischer Jude, der in seiner Heimatstracht mit Schubbez und Peies einhergeht, erzählte, daß er ttt der zweiten Eisenbahnklasse es mit anhören mutzte, wie ein paar Mitreisende Offiziere dauernd in schlimmster Weise auf die Juden schimpften. „Und was haben Sie dazu gesagt. Reb Mäusche?" — „Ich habe mich nicht zu derkennen gegeben," lautete die Antwort. Hier wird in Wahrheit nicht der polnische Jude verspottet, der bewußt an seiner Eigenart auch im Aeutzeren festhält, sondern der Herr Mieses oder Goldmann aus Posen und Oberschlesien, der in Berlin und Breslau meint, daß man ihm den Juden nicht ansieht, und der würdelos genug ist, sich geschmeichelt zu fühlen, wenn man ihm sagt, daß er ein anständiger Jude sei oder daß er gar nicht jüdisch aussähe. Die „Jugend" verspottete diese falsche Sucht, etwas anderes scheinen zu wollen, als man ist, im Hinblick auf das Rasseversteckspiel, indem sie ein amerikanisches Restaurant zeichnete, an dem das Schild.hing: „Negern ist der Eintritt verboten!" Ein Neger mit Zylinderhut will eintreten, wird aber vom Wirt mit Hinzeigen auf das Aushängeschild darauf hingewiesen, daß für Nigger hier kein Platz ist. „Well", antwortet der schwarze Gentleman, „ich bin aus der äthiopischen Rasse ausge- Für „Pollack" gebrauchen die posenschen Juden, die selber allen westelbischen Juden mit Einschluß der Berliner „Pollakim" sind, den Ausdruck „Planje". 2) Jugend 1913, Nr. 1. Seite 16. 3) Dafsind wir doch zu schnell gewesen. 4) Kannst aber auch keinen Spaß vertragen.

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