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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-06-20 · 25 (20.6.1913) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
25 (20.6.1913)
Date
1913-06-20
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Sette 464 Dr. Blochs Wochenschrift. die Schammesröte (Schammes — Synagogendiener) ins Gesicht. Das „Taushaus des Westens" oder abgekürzt das T. d. W. hat sogar unter diesem Namen und mit seiner besonderen Eigenart als Judenkirche den Einzug in das preußische Abgeordnetenhaus gehalten, wo es von einem witzigen Abgeordneten einem Assimilationsjuden gegenüber in den Versen zitiert wurde: Leise zieht durch mein Gemüt Stiller Himmelsfriede, Oben sitzt die Fürstin Wied, Unten lauter Juden. Die Rede dieses nichtjüdischen Abgeordneten richtete sich gegen die würdelose Aufgabe alles Jüdischen durch Juden, wurde aber von dem Assimilationsjuden, wie alles, was die Eigenart des Judentums und seine Würde betont, als antisemitische empfunden. Seit alter Zeit hat sich der jüdische Volkswitz mit Vorliebe der Versuche bemächtigt, im fremden Volkstume verschwinden zu wollen. Diese Angleichung an das Voltsfremde findet ihren natürlichen Anschluß in dem völligen Austritt aus dem Judentume und dem Anschluß an die dem Judentume historisch feindlichen Gewalten. Genau entsprechend der historischen Entwicklung wird dabei vom jüdischen Volke der bloße Austritt aus dem Judentume durch Konfessionsloserklärung für den kleinsten Schritt in der Entfernung vom Judentume angesehen, weil doch ein Wiedereintritt zum mindesten der Kinder in das Judentum möglich ist. Der reiche Kaufmann, der seine Söhne der Karriere wegen taufen, die Töchter aber „transito" laßt, weil er noch nicht wissen kann, wie er sie am besten, d. h. materiell am vorteilhaftesten verheiraten wird, ist genau aus dem wirklichen Leben gegriffen. Nächstdem gilt die evangelische Taufe für noch gewissermaßen als Uebertritt in eine, wenn auch bereits entferntere Nachbarschaft, weil trotz alles Antisemitismusses der Evangelischen, der sein urkräftiges Vorbild in der zuweilen robusten Judenfeindschaft Martin Luthers hat, doch die evangelischen Kirchen niemals so grundsätzlich judenfeindlich! waren, wie jener Katholizismus, der in den siegreichen Tagen des Mittelalters wahre Orgien von Judenverfolgungen gefeiert hat. Der Heiligendienst und aller Wunderglaube des Katholizismus kommt erst in zweiter Linie in Frage, da ja die Judentaufe eigentlich mit Glauben und Unglauben nichts zu tun hat, sondern, abgesehen von solchen Ausnahmen, auf die man vielleicht in Jahrhunderten einmal trifft, von Juden und Nichtjuden lediglich! als ein Geschäft angesehen wird. Es liegt daher ganz im Sinne der wirklichen Verhältnisse, wenn sich ein Jude auf die Frage, welche Konfession er denn nun anzunehmen gedenke, antwortet: „Dawke (Gerade) katholisch, bei den Protestanten sennen mer zu viel Juden!" Denn die Taufe will ja doch in erster Linie die Befreiung aus dem jüdischen Milieu und und seinen materiellen Nachtellen und gesellschaftlichen Zurücksetzungen sein. Am feindseligsten war immer die griechischkatholische Kirche den Juden. Sie hat alle die Bedrückungen und Erniedrigungen des jüdischen Volkes, seine Verfolgungen und seine Verächtlichmachung zuerst erdacht und bis auf den heutigen Tag mit unverminderter Judenfeindschaft konsequent und systematisch fortgeführt. Hierin sind die Russen, wie in der Religion überhaupt, die folgerechten und echten Nachfolger der glaubenswütigen und verfolgungssüchtigen Byzantiner. Daher treten die Juden in Rußland, die radikal , mit jeder Erinnerung an das ihnen aus materiellen Gründen lästige Judentum aufräumen wollen, zur griechischkatholischen Staatsreligion über. Und wenn sie ganz gute Geschäftsleute sind, dann gerieren sie sich als freigebige Freunde der neuen Kirche. Sie wissen, daß sich solche Opfer tausendfältig lohnen. Diejenigen russischen Juden aber, die sich mit der Taufe nur den Eintritt in die sonst verbotene und verschlossene Universität und Hochschule erkaufen oder erlaufen wollen, werden, weil sie ja im Grunde doch an ihrem jüdischen Volkstume hängen, evangelisch, nur evangelisch. Eine Zeitlang traten sie zu dem dem Judentum so nahe verwandten Islam über. Aber die russische Regierung verbot den Muhammedaner gewordenen Juden ebenfalls das Universitätsstudium, und so hörte bald wieder jeder Uebertritt zum Islam auf und die griechischkatholische russische Regierung bekehrt auf diesem Wege alljährlich weit mehr Juden zum evangelischen Glauben, als die evangelische Judenmifsion in Jahrhunderten es vermöchte. Ein ganz besonderes Raffinement gehört bei diesem Geschäft dazu, zuerst evangelische oder katholisch zu werden, und nachher erst griechischkatholisch, um auf d'e Frage nach einer etwaigen früheren Konfession der großen Unannehmlichkeit überhoben zu sein, doch Jude antworten zu müssen. Das kommt in der oft belachten Budapester Gerichtsszene zum Ausdruck, die sich ganz in solcher Richtung bewegt: Richter: „Wie heißen Sie?" Angeklagter: „Moses Karfunkelstein." Richter: „Welcher Religion?" Karfunkelstein: „Katholisch." Richter: „Und vorher?" Karfunkelstein: „Platzen sollen Se, Herr Richter, dafke (nun erst recht) kalvinistisch." Ganz allgemein aber wird die Taufe als Geschäft betrachtet. Deshalb eben wird einem, der sich hat taufen lassen, in vorwurfsvollem Tone gesagt: „Hast dich schmadden lassen? Das ist echt jiddisch." (Fortsetzung fo'gt.) Literatur. Berühmte Jnd engem ei ndcn des osmanischen Hei ehes. Von Rabbiner W. Reich, Baden bei Wien. Frankfurt a. M., Verlag von J. Kau ff mann. Diese nicht bloß hoch aktuelle, sondern auch sehr interessante Studie bildet — wie der Verfasser im Vorwort betont — „eine kleine Abstattung einer großen Schuld der Dankbarkeit," zu welcher die Judenlieit gegenüber dem Osmanentum verpflichtet ist. In dem Augenblick, da letzteres aus Europa nahezu vollständig hinausgedrängt wird und die künftigen Geschicke der Juden — namentlich in Saloniki — ein großes Fragezeichen bilden, ist es an der Zeit, einen Rückblick zu werfen auf mehr als ein halbes Jahrtausend, während welchem die Juden am Balkan unter osmanischer Herrschaft Gastfreundschaft gen'ossen haben. Adrianopel, Saloniki und Konstantinopel sind das Dreigestirn, dessen Schicksale der Verfasser auf wissenschaftlicher Grundlage in populärer Darstellung behandelt. Die berühmteste dieser Gemeinden ist Adrianopel. Hier lebten und leben noch die Juden in einem besonderen Stadtviertel — weniger zu ihrer Schande, als zu ihrem Schutz. Nachdem Sultan Murad I. (1361) die Stadt eingenommen und zu seiner Residenz erhoben hatte, wanderten dahin Juden aus allen Ländern, in welchen sie unter Druck und Verfolgung zu leiden hätten. So kamen 1376 aus Ungarn vertriebene Juden und bildeten eine eigene Gemeinde „Kalial Budun“ (Buda), welche noch jetzt besteht. Größeren Umfang nahm der Zuzug an, als das Oberhaupt der Aschkenasen-Gemeinde, der gelehrte Rabbi Isaak Z a r f a t i, ein Sendschreiben „an die jüdischen Gemeinden die in Deutschland und in den Städten Schwabens, des Rheinlandes, Steiermarks, Mährens und Ungarns“ richtete, in weichem er die Glaubensbrüder zur Auswanderung nach der glücklichen Türkei aufforderte. Die Glanzzeit der Judengemeinde nahm ihr Ende, als Mohammed U. Konstantinopel eroberte (1453) und seine Residenz dahin verlegte. Noch einmal leuchtete ihr später ein Stern der Wissenschaft: Rabbi Josef K a r o, der als Kind mit seinen Eltern, aus Spanien ver-

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