Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-06-20 · 25 (20.6.1913) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
25 (20.6.1913)
Date
1913-06-20
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022061--22243-3047378
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

i/tt. 25 Dr. Blochs Wochenschrift Sette 463 punkt ihres Lebens nicht mehr die Synagoge, und so dreht sich doch ihr Denken nicht mehr um die Gegenstände, die im Bethamidrasch (Lehrhaus des Talmuds) erörtert werden. Das Zentrum des jüdischen Lebens ist doch die Straße geworden, in der sich das Erwerbsleben hauptsächlich abspielt. So ist es denn keine Frage, daß die Börse und die Politik an die Stelle der Synagoge und des talmudischen Lehrhauses getreten sind. ' Aber der Weg aus dem Ghetto hinaus geht weiter. Er bleibt nicht immer im Iudentume stehen. Häufig genug führt der Weg in der gleichen Richtung weit über das nächste Ziel hinaus, und der Jude, dessen Vater oder Großvater noch die alten jüdischen Moschelchen (Gleichnisse) mit Behagen erzählten, dessen Vorfahren im Ghetto wegen ihres verhältnismäßigen Reichtums bereits angesehen waren, ist nicht, wie das die für selbstverständlich angesehene Regel ist, ein ultralibecaler Jude in der Großstadt geworden, sondern er ist gleich einen Schritt weiter gegangen und hat die letzte Konsequenz der Assimilation gezogen, indem er durch die Taufe das alte Milieu endgiltig verließ. Dieser Uebergang aus dem früheren Zustande des Judentums in den neuen, der doch wieder zu einer Konsolidierung jüdischen Geistes führt, hat sich natürlich im jüdischen Witz abspiegeln und abmalen müssen, und wir finden ihn in zwiefacher Gestalt im jüdischen Volkswitz festgehalten. Einmal in jenem Witz, für den die Börse als maßgebendster Faktor gilt. In diesem Börsianer-Witz ist die Angleichung an die mchWdische Umgebung ein Ziel, das zwar hier am allerwenigsten erreicht ist, das aber umsomehr als das Ideal erstrebt wird. In diesem Börsianer-Witz erscheint das Ghetto als das Reservoir der Rückständigkeit, des Mangels an Reinlichkeitssinn, kurzum als das glücklich verlassene Nest, über das man schon deshalb spottet, weil man damit seine eigene Herkunft aus diesem Nest zu verschleiern glaubt. Freilich ohne Erfolg. Denn eben dieser Witz zeigt die Herkunft von d em Tirile des Ghettos, der nicht durch die geistigen Faktoren des alten Judentumes sich auszeichnete. Von dieser Seite werden die Witze, die in den deutschen Schelmen- und Schalkbüchern seit Jahrhunderten aufbewahrt werden, in jüdisch klingende Form umgegossen und ihnen um so eher ein jüdisches Mäntelchen umgehängt, je öfter sie einen Spott über niedrige und zurückgebliebene Menschen enthalten. Daher charakterisiert sich gerade dieser jüdische Witz als ein echtes Produkt der Assimilation. Er ist dem Judentume durchaus abgeneigt, macht sich über Juden und Judentum lustig und ist vielfach durchaus antisemitisch. So kommt es, daß er seine üppigsten Orgien in dem für Nichtjuden jüdisch erscheinenden Theater der „christlichen" Gebrüder Anton und Donat Hernfeld feiert. Diesem antisemitischen Witz der nach ihrer eigenen Meinung durch Assimilation in die umgebende Kultur aufgegangenen Elemente steht ebenfalls als ein sehr bezeichnendes Zeichen der Zeit und der Entwicklung der Lage der Juden eine andere Art von Witz gegenüber, die ausdrücklich die mißlungenen oder vermeintlichen Versuche, sich unter allen Umständen der Umgebung zu assimilieren, zu ihrem Gegenstände hat. Während aber der Hernfeldsche und sonstige antisemitische Witz grob aufreißt und sich alten Witzmaterials bedient, muß der Spott über die Assimilation zum großen Teile sein Material neu schaffen. Aber es wird ihm diese Arbeit durch den reichen Stoff erleichtert, den die mißbräuchliche Angleichung an die Umgebung von selbst ohne fremdes Hinzutun schafft. Die feinsinnige Beobachtung bringt hier den Witz hervor, der dem wirklichen Leben unmittelbar abgelauscht ist. Auch ist es nicht immer bloß direkt Witz, der erzählt wird, sondern sogar zumeist launige Anekdote. Dieser Witz ist nicht scharf, sondern gemütlich. In diesem Sinne ist es sehr verständlich, wenn eine große Zähl von Bemerkungen und Einfällen die Judentaufe zum Gegenstände hat. Antwortet doch Pintüs auf die Mitteilung, daß sich Schmaje in Posen hätte taufen lassen: „Wos, Schmaje loßt sich schmadden (Laufen), dos ist echt jiddisch!" Aber auch die getauften Juden selber werden im Volksmunde redend eingeführt und fast immer in demselben Sinne, der ja auch unter zehntausenden von Fällen sicher das Richtige trifft, daß die Taufe aus materiellen Gründen erfolgt ist. So fahren einmal vier Herren in der Potsdamer Bahn zusammen und werden unterwegs so bekannt miteinander, daß sie einander allerlei persönliche Dinge erzählen, die sie sonst für sich behalten hätten. Aber so war man gemütlich und die Unterhaltung mindestens incht ungemütlicher. Dabei ergab sich, daß alle wer getaufte Juden waren. Dieses eigenartige Zusammentreffen veranlaßte sie über die Gründe ihres Uebertritts zu sprechen. Und der erste erzählte, daß er gar zu gern preußischer Reserveoffizier geworden wäre, daß aber seine Rasse Schuld sei, daß er es nicht hätte werden können. Da habe er sich noch als Student auf Rat eines in weltlichen Dingen erfahrenen Onkels taufen lassen, und dieselben Rasseantisemiten, die ihn vorher nicht für vollgiltig angesehen hätten, wären nicht dagegen gewesen, daß er Reserveoffizier geworden sei. -- Das war plausibel. So etwas kommt ja gar zu oft vor. Der zweite hatte eine nicht minder interessante Geschichte hinter sich. Er wollte die Beamtenkarriere einschlagen und wußte, daß die Verwaltungslaufbahn ebenso sehr durch die Mitgliedschaft der studentischen Korps führt, wie sie für einen ungetauften Juden schwer und in höheren Stellungen ganz unmöglich ist. „Ich habe mich deshalb schon als Gymnasiast laufen lassen, bin auch, da mein Vater sehr reich ist, in eines der feudalsten Korps ausgenommen und schon längst Wirklicher Geheimer Regierungsrat." „So hohe Karriere habe ich nicht gemacht," sagte der dritte, „und doch war mein Grund zur Taufe nicht geringer als der Ihrige. Ein junges Mädchen, das ich kennen lernte, eine Christin, wollte ich mit tzinßm Freunde gern verheiraten. Aber sie erklärte mir immer und immer wieder, daß sie mich und nur mich liebe. Aus Mitleid wurde Liebe bei mir und schließlich entschloß ich mich, sie zu heiraten. Aber da ihre Eltern keinesfalls wollten, daß sie einen Juden heiratete, so tat ich. was ich ihr schuldig zu sein glaubte, und aus Liebe zu meiner jetzigen Frau ließ ich mich taufen." Blieb noch der vierte. Der setzte sich in Positur äuf dem Polster und sagte endlich würdevoll: „Ich habe mich aus Ueberzeugung taufen lassen!" — „Das müssen Sie dem Goj sagen, nicht uns!" erklang es unisono von den drei andern zurück. Und diese Geschichte malt das wirkliche Leben viel mehr, als die Geschichte von dem braven böhmischen Landjuden, der auf die Frage nach feiner Religion dem Richter die Gegenfrage an den Kopf wirft: „Denken Sie. ich bin a Hussit?" Die Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche gilt mit Recht für den Sammelpunkt der reichen getauften Juden, die sehr zufrieden sind, dort unter sich sein zu können, da sie keineswegs in Connubium mit ihren christlichen Glaubensgenossen zu leben gedenken. Der Volkswitz nennt diese Kirche, seitdem in seiner Nähe sich das Kaufhaus des Westens erhebt, das „Taufhaus des Westens" und behauptet, daß eine Tafel angebracht wäre mit dem Tert: „Die Herren werden höflichst gebeten, in der Kirche die Hüte abzunehmen." Als der Küster auf Anordnung des Pastors diese Tafel aufhing, stieg ihm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.