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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-06-20 · 25 (20.6.1913) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
25 (20.6.1913)
Date
1913-06-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 458 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. LS einer der hervorragendsten Vertreter der österreichischen Glaserzeugung, ist auch sein Name weit über die Grenzen Oesterreichs bekannt,- es haben Könige und Fürsten seine Verdienste gewürdigt und anerkannt. Bei einem Alter von 80 Jahren pflegt man sich gewöhnlich einen Greis vorzustellen, der sich die wohlverdiente Ruhe gönnen muh; allein von einem Greise kann man unmöglich bei einem Manne sprechen, der von 8—10 Uhr die Geschäfte der Kultusgemeinde leitet, von 10—11 Uhr Besuche empfängt, von 11—1 Uhr Sitzungen präsidiert und dann nach einem kurzen Mittagsmahl in das sechs Kilometer entfernte Kontor fährt, um daselbst stundenlang als Chef einer groben Glasfabrik dieselbe zu leiten; ebenso wie die Niederlagen und Warenhäuser auf der Alten Wiese in Karlsbad, Marienbad, Paris usw. Damit ist Ludwig Moser als Mann gezeichnet, der mit seinen 80 Jahren, seiner Tatkraft, seinem scharfsiimigen Urteil und seiner körperlichen Rüstigkeit von keinem 50jährigen Manne übertroffen wird. Ludwig Moser wurde am 18. Juni 1833 in Karlsbad als Sohn des Lazar Moser und der Henriette Moser, geb. Becher, aus Kuttenplan, geboren. Vor dem Jahre 1848 war es Juden nicht gestattet, in Karlsbad länger als vier Tage in der Woche sich aufzuhalten; am Freitag mutzten sie die Stadt verlassen und durften erst am Montag wiederkehren. Nur die Familie Moser besah das Recht dauernden Aufenthaltes und nicht nur Ludwig Moser selbst, sondern auch sein Vater Lazar Moser waren in Karlsbad geboren. Als am 1. Dezember 1869 die israelitische Kultusgemeinde in Karlsbad gegründet wurde, trat Ludwig Moser in den Vorstand ein, er gehört demselben somit seit 44 Jahren ununterbrochen an. Seit dem 24. Dezember 1874 wirkt er als Kultusvorsteher, somit seit 39 Jahren. 1870 vermählte er sich mit Julie geborene Mayer, der Tochter des verstorbenen Karlsbader Arztes gleichen Namens, und besitzt in derselben eine treue Lebensgefährtin, als Gattin und Mutter gleich ausgezeichnet, welche von der gesamten Frauenwelt Karlsbads als die erste Frau der Kultusgemeinde geehrt und geschätzt wird. Im dritten Jahre seiner Amtstätigkeit als Kultusvorsteher, nämlich im Jahre 1877, fand die Einweihung des berühmten herrlichen israelitischen Tempels in der Parkstrahe statt. Im Jahre 1905 wurde das Kaiser Franz Josephs-Hospiz für arme Israeliten eingeweiht, eine der segensvollsten philanthropischen Institutionen der Judenschaft, und nunmehr besteht seit sechs Jahren das israelitische Ferienheim, an dessen Spitze Ludwig Moser als Ehrenpräsident und seine Gemahlin als Ehrenpräsidentin fungieren. Aber auch eine ganze Reihe anderer Ehrenämter und Funktionen werden von Ludwig Moser ausgeübt. So ist derselbe seit 32 Jahren ununterbrochen Mitglied des Ortsschulrates; er ist das älteste Mitglied der Karlsbader Scheibenschützengesellschaft und wurde als solches Cr. kais. Hoheit dem Herrn Erzherzog Karl Franz Joseph anläßlich seiner Anwesenheit beim Jubiläum der Gesellschaft im Jahre 1911 vorgestellt. Erist Mitbegründer der Karlsbader Freiwilligen Feuerwehr, Mitbegründer des Zweigvereines der österreichischen Gesellschaft vom Weitzen Kreuz, seit 25 Jahren Ausschutzmitglied und seit 12 Jahren Schriftführer desselben. Von Sr. Majestät dem Kaiser wurde Ludwig Moser mit dem Franz Josephs-Orden ausgezeichnet: er ist auch Inhaber des Belgischen Leopoldsordens, Offizier des Osmanischen Ordens, Kommandeur des persischen Löwen- und Sonnenordens, sowie Inhaber zahlreicher Medaillen aus dem Auslande. Das Haus Eolumbus in der Parkstratze, welches vom israelitischen Tempel lediglich durch einen Seitenweg abgegrenzt ist, ist eines der grötzten Kurhäuser Karlsbads, das besonders von Vertretern von Kunst und Wissenschaft für ihren Ferienaufenthalt während der Sommermonate ausgesucht wird. Unter den Hunderten berühmter Männer, die hier gewohnt haben, seien erwähnt: Professor Billroth, Werthner; hier verbrachte Hanslick 24 Jahre seine vierwöchentliche Kurzeit: hier wohnten Schmeykal, Waldert und zahlreiche andere Politiker, die einst hervorragend im öffentlichen Interesse gewirkt haben. Aber auch unter denen, die jetzt noch in diesem Hause leben, gibt es zahlreiche berühmte Namen und Vertreter der hohen Kreise, aus dem Staatsdienste, der Finanzwelt, der Literatur und Kunst. Sie alle verehren in Ludwig Moser und seiner treuen Gattin Menschen mit goldenen Herzen, welche seit inehr als einem Menschenalter an dieser Stätte wirken, und gewiß gibt es auch nicht einen einzigen Bewohner der Stadt und nicht einen einzigen Menschen, der die Beiden kennt, welcher sich nicht an dem innigen Wunsche beteiligt, Ludwig Moser möge mit seiner Gattin Julie noch recht viele Jahre das Glück genießen, als Oberhaupt seiner Familie, als Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde in Karlsbad und als hervorragender Bürger der Stadt in voller Rüstigkeit und Gesundheit sein Leben zu verbringen. Diesem Wunsche schließen auch wir uns mit vollem Herzen an. Karlsbad. Welche Kühnheit und Unverfrorenheit manche Menschen besitzen, das zeigt der folgende Fall: Es wurde kürzlich berichtet, daß der hiesige christliche Fleischhauer Franz Köhler Fleisch in das angeblich jüdische Hotel Glattauer lieferte. Nun hat Franz Köhler das Hotel Glattauer im Erekutionsweg erstanden und will den Eindruck erwecken, als ob das von ihm erstandene Hotel koscher geführt wird. Zu diesem Behufs hat er in einer Reihe jüdischer Zeitungen Inserate veröffentlicht, und man ist ihm auch auf den Leim gegangen.. Hiedurch wird der Mann etwas kühner. In der vergangenen Woche kündigte er kurz vor Schewuos in der hiesigen deutschradikalen Zeitung an, daß bei ihm „anläßlich der bevorstehenden Feiertage — Fischessen" stattfinden wird. .Die Heiterkeit wegen dieser Veröffentlichung war eine allgemeine, denn es war zwei Tage vor Schewuos kein christlicher Feiertag in Sicht, und es lag klar auf der Hand, daß Köhler in der Meinung war, die Juden dürfen an Schewuos nur — — Fisch essen. Allerdings war die Sache nicht ganz erklärlich., da Köhler als Sohn einer getauften Mutter doch wissen könnte, daß für die Juden kein Fleischverbot an Schewuos besteht. Nun hat dieser Mann neuerlich, ein Inserat im „Karlsbader Badeblqtt" veröffentlicht, in welchem er ankündigt, daß bei ihm „vorzügliche kurgemätze, diätetische rituelle Küche" zu finden ist. Die israelitische Kultusgemeinde kann nicht gut einschreiten, da der schlaue Mann nicht bas Wort „koscher" gebraucht, sondern es umschreibt. Das „Karlsbader Tagblatt" nimmt nun Anlatz, auf eine Anfrage im Briefkasten folgende Auskunft zu erteilen: »Koscher. Was für eine rituelle Küche, ob mohammedanische, chinesische oder sonst welche das Hotel Glattauer führt, können wir Ihnen leider nicht angeben. Die frühere Besitzerin führte allerdings eine koschere Küche, doch ist dies unter dem jetzigen Besitzer, so viel wir an maßgebender Stelle gehört haben, nicht der Fall.« Immerhin wäre es interessant, festzustellen, ob hier nicht ein Fall vorftegt, den die S1 aatsanwaltschaft zu untersuchen verpflichtet ist, denn daß der Versuch, unternommen wird, durch listige Handlungen die jüdische Bevölkerung resp. Badegäste irrezuführen, unterliegt wohl nicht dem geringsten Zweifel, und dazu ist es sicherlich nicht erst notwendig, daß ausdrücklich das Wort „koscher" gebraucht werden mutz. Wenn einer der in Karlsbad stationierten Wiener Detektivs durch einige Tage das Objekt überwachen und feststellen würde, daß orthodoxe Juden, durch, die Inserate irregeführt, im Restaurant Glattauer in der Meinung gespeist haben, es sei ein rituell jüdisches Restaurant, dann wäre wohl ein genügender Beweis für eine Anklage vorhanden.

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