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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-06-20 · 25 (20.6.1913) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
25 (20.6.1913)
Date
1913-06-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 454 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 25 Identität zwischen dem einen und dem anderen Juden herstellt. Aber eines scheint mir über allen Zweifel erhaben und vollständig außer Diskussion zu stehen, und das ist, daß ein jüdischer Nationalismus ohne Judentum undenkbar ist. Aber Sie wissen es ja selbst, daß viele Zionisten sich damit brüsten, daß sie für das Judentum als Religion gar keine Sympathie übrig haben und die jüdische Religion geradezu verhöhnen. Das hindert mich jedoch nicht, ein Verehrer von Palästina zu sein und zu wünschen, daß es (wieder ein blühendes Land werde, in welchem jeder Jude, der dahin auszuwandern wünscht, in Sicherheit, Frieden und Behaglichkeit leben könne. Vor allem aber müßte Palästina wieder gjesund gemacht werden, und ich messe jener deutschen Kommission, zu deren Mitgliedern die Professoren Mühlens, Ehrlich und andere hervorragende Männer zahlen und die Aufgabe übernommen hat, unter dem Schutze der deutschen Regierung Palästina wieder „gesund zu machen", große Bedeutung zu. Ebenso wichtig ist die Errichtung von Schulen und anderen Kulturstätten in Palästina, denen ich gerne meine Förderung zuteil werden lasse. Aber ich halte es für eine ganz besondere Pflicht, gegen jede größere Einwanderungsbewegung nach Palästina unter den gegebenen Verhältnissen aufzutreten. Will man nicht ein großes Unglück heraufbeschwören, so müß Palästina für eine Einwanderung jüdischer Massen erst vorbereitet werden. Diese Vorbereitung ist aber naturgemäß ein langer und mühseliger Prozeß, der sehr viel Geduld und Sorgfalt, und vor allem aber überaus große Erfahrung und Kenntnisse erheischt. Vis dahin hat es noch seine langen, langen Wege. Das ist der Hauptgrund, weshalb ich dem Galvestonwerke so hohe Bedeutung beimesse. Staatssekretär Bryan für die Kolonisation Palästinas. Aus Rewyork wird gemeldet: Herr N. Sokolow, Mitglied des engeren Aktionskomitees der zionistischen Organisation in Berlin, wurde am 16. d. als Vertreter der zionistischen Bewegung im Staatsdepartement in Washington empfangen und hatte eine längere Unterredung mit Staatssekretär Bryan. Bryan versicherte, daß die amerikanische Regierung den kolonisatorischen Bestrebungen des Zionismus in Palästina lebhaftes Interesse entgegenbringe. Bürgermeister Gayn-or und! Ne Mischnah. Aus Newyork wird uns berichtet: Vor kurzem erschien hier eine ausgezeichnete englische Uebersetzung der Mischnah von dem hiesigen Advokaten Heimann E. Goldin. Der Uebersetzer, aus Rußland stammend, ist ein ausgezeichneter Talmudist und hat sich hier als Jurist einen bedeutenden Namen erworben. Die hervorragendsten Gelehrten des Landes haben dem Uebersetzer warme Anerkennungsschreiben zugesandt. Zu den interessantesten zählt zweifellos das Schreiben des Bürgermeisters von Newyork, Mr. Gaynor, der unter anderem schreibt: „Ich habe soeben die Lektüre Ihrer Uebersetzung der Mischnah Baba Meziah beendet. Es ist von überwältigendem Interesse. Es ist Ihnen vielleicht bekannt, daß ich mich schon seit Jahren mit dem Studium der jüdischen Gesetzgebung besonders vom Standpunkte der Mischnah befasse. Ihre Arbeit macht es jedermann klar, daß die Juden ein wissenschaftliches System der Jurisprudenz besessen haben. Aber auch ihr System des praktischen Lebens war wunderbar und hat vielen als Muster gegolten." Wie die bucharischen Juden um ihr Wohnrecht kamen. Zu den lehrreichsten Kapiteln russischer Willkür- Herrschaft gehört die Art, wie die bucharischen Juden um ihr Wohnrecht gebracht wurden. Bis zum Jahre 1910 durften die bucharischen Juden in ganz Rußland, sogar in Moskau, ungestört wohnen. Erst im Jahre 1910 begann man sich ihrer zu erinnern und sie aus Turkestan zu vertreiben. Nach Moskau durften sie wohl nach wie vor kommen, aber bloß 6 Wochen lang bleiben. Nach vielen kostspieligen Interventionen gelang es endlich, ihnen ein Wohnrecht für die Städte Kokand, Samarkand und Mirgilan zu erwirken. Der größte Teil dieser bucharischen Juden wohnt in jener Gegend, man kann fast sagen seit Urzeiten, und besitzt nach dem ursprünglichen russischen Gesetz das volle Bürgerrecht und kann demnach wohnen, wo er will. Da kam nun die russische Administration auf eine gute Idee. Sie forderte von den bucharischen Juden eine Geringfügigkeit, nämlich den dokumentarischen Nachweis, daß sie tatsächlich seit jener Zeit, da die Bucharei noch nicht zu Rußland gehörte, in jener Gegend wohnen. Natürlich, waren die Juden nicht in der Lage, solche Dokumente beizubringen, und das genügte, sie alle samt und sonders als Fremde zu erklären und sie zu vertreiben. So wurden die bucharischen Juden in den drei genannten Städten zusammengepfercht, in Kokan befinden, sich neben 80.000 Mohammedanern über 5000 bucharische Juden, die auf dem' Gebiete des Handels, hauptsächlich des Baumwollhandels, eine wichtige Stellung einnehmen. Die bucharischen Juden sind sehr fromm. In ganz Turkestan gibt es dermalen noch keinen einzigen Juden, der z. B. sein Geschäft am Sabbath offen hielte. Auch von der Taufepidemie, die bekanntlich! unter den russischen Juden so furchtbar grassiert, sind die bucharischen Juden bisher unberührt geblieben. Selbst zur Zeit ihrer Massenvertreibung aus ihrem Stammlande ist kein einziger Fall bekannt geworden, daß ein bucharischer Jude wegen Verbesserung seiner Lage dem Glauben seiner Väter untreu geworden wäre. Zählen und Rechnen in der Thora. (Nach einem Vortrag von Dr. F. Ettlinger.) Die Zahlenreihe entwickelt sich mit steigender Kultur. Wie die Kinder anfangs nur bis etwa 10 zählen tonnen und ihnen alles andere als „viel" erscheint, später aber dieser Begriff „viel" immer weiter hinausrückt, so geht es auch in der Geschichte der Völker. Auf Grund vergleichender Sprachstudien kann man z. B. Nachweisen, daß die Jndogermanen vor ihrer Zersplitterung nur bis 100, nicht aber bis 1000 zählen konnten. Das Wort „eleph" ist vermutlich ursprünglich kein Zahlwort, sondern ein Massenbegriff gewesen. Sicher gilt dies — nach seiner Etymologie und seinem Gebrauch in der Thora — von dem Wort „revovo". Dies läßt mithin eine Zeit erkennen, in der man noch nicht bis 10.000 zählte, in der derartige Mengen noch als „viel" erschienen. Im Augenblick der Niederschrift der Thora muß man bereits weiter gewesen sein, da in ihr bereits drei Zahlen über 600.000 Vorkommen. Andererseits muß der Begriff 1,000.000 mindestens noch ungebräuchlich gewesen sein, da ein besonderes Wort hierfür im Hebräischen fehlt. Die Begriffe „Million, Trillion, Milliarde" usw. sind erst in der Neuzeit entstanden. Die Möglichkeit, hohe Zahlen formal darzustellen, ist heute unbegrenzt, nicht dagegen die Möglichkeit, hohe Zahlen innerlich zu begreifen. Aus diesem Widerspruch sind Hilfsbegrisfe wie das „Lichtjahr^ zu verstehen. Neben den ganzen Zahlen kennt die Thora noch Brüche, jedoch nur: Vs, Ve, 1U und Zehntelbrüche. Brüche mit hohen Nennern konnten — wie aus verschiedenen Stellen der Thora hervorgeht — noch nicht gebildet werden. Man hals sich dann mit Umschreibungen. » r Die Zahlenordnung ist — wie bei allen Semiten — das reine Dezimal-(10er-)system. Die fast bei allen Völkern auftretende Neigung, die Zahlenreihe in 10er Stufen einzuteilen, ist darauf zurückzusühren, daß man auf primitiver Kulturstufe an den Fingern rechnet. Die Zahlbezeichnungen des Hebräischen sind reiner aus dem Dezimalsystem aufgebaut als etwa die des Deutschen oder Französischen. Was die 4 Grundrechnungsarten anbetrifft, so befand sich die Addition, wie die Zusammenzählung der Stämme Israels zeigt, auf einer erstaunlichen Höhe, wenn man bedenkt, daß damals nicht nur unser heutiges arabisch-indisches Ziffernsystem, sondern auch der Gebrauch der hebräischen Buchstaben als Ziffern unbekannt war. , : '

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