Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 25 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 25 Dr. Blochs Wochenschrift. L Litc 453 Seit Mitte des vorigen Iahrhundertes hat sich in Wien gar vieles geändert. In vierzehin Stadtteilen werden Mädchen konfirmiert. Nirgends ist die Entfernung von der Wohnung der Konfirmandin zum Tempel zu groß, um zu Fuß zurückgelegt zu werden. Nicht überall aber stehen die die Mädchen zur Konfirmation vorbereitenden Lehrer und . Seelsorger einem Mannheimer gleich auf der Höhr ihrer Aufgabe. Da dürfte es gar wohl am Platze sein, durch das äußere Milieu auf das Gemüt des Kindes tiefer einzuwirken. Dazu halte ich den ersten Tag Schewuoth geradezu prädestiniert. Am Feiertage des Zeman matan Torah. der Offenbarung der Decalogs, im festlich beleuchteten und schon dem Feste zu Ehren mit Blumen geschmückten, von einer festlich gestimmten Gemeinde gefüllten Eotteshause abgehalten, kann die Feier ihren tiefen Eindruck auf das Gemüt eines Kindes, ja auch seiner Angehörigen, nicht verfehlen. Es kann niemandem in den Sinn kommen, sie für eine Nachahmung dem jüdischen Glauben wesensfremder Bräuche oder als Schulprüfung anzusehen. Daß durch diese Konfirmationsfjeier der sonst recht schwache Besuch der Gotteshäuser am ersten Schewuothfesttage auch seitens unbeteiligter Gemeinde- Mitglieder gefördert wird, fei nur nebenher erwähnt, aber nicht zu gering geachtet. Auch das wirtschaftliche Moment, die Ersparung aller Veleuchtungs- und Dekorationskosten einerseits, die vermehrten Thoraspenden anderseits fällt bei den in ihren Mitteln beschränkten Tempel-Vereinen sicherlich ins Gewicht. G. Betteil he im, Obmann des Vorstandes des rsrael. Betdaus-Vereines „Chtwra Beth-Halfi ad" im IX. Bezirk. W en. il)om Aahrmurk! des Lebens. Der Deutsch!« Schulverein berücksichtigt nur den Taufschein. Aus Lehrerkreisen wird uns geschrieben: Eigentlich hat die Leitung des Deutschen Schulvereines schon auf der zu Pfingsten in Wien stattgefundenen Tagung ihre Maske fallen kaffen und das ümhre Gesicht Arze:gl. Diese Tagung im Wiener Rathäuse, diese Patronanz der Wiener Christlich-Sozialen, diese offenkundige Waffenbrüderschaft mutzte auch! jenen die Augen öffnen, der sich da dem Wahne hingab, datz der durch Iudengeld so reichlich unterstützte Schulverein mit Freisinn gepaarte Unparteilichkeit walten lätzt, was wir im Nachstehenden beweisen wollen: Ein vom Vereinsobmann Dr. Gustav Groß, diesem mit so vielen jüdischen Stimmen gewählten Parlamentarier, und dem Schriftführer, Dr. Konrad Tw er dp gezeichnetes Zirkular enthält die Ausschreibung einiger an den Schulvereinsschulen zu besetzenden Lehrerstellen. Nun hören wir, wie einzelne dieser Bedingungen lauten: „Nur solche Bewerber deutscher Volkszugehörigkeit, die neben fcht guter Eignung für den Lehrerberuf eine gweifl,ellos verlätzliche völkische Gesinnung Nachweisen können, wollen die mit dem Taufschein usw. versehenen Gesuche einbringen." Der Inhalt dieser Ausschreibung lätzt an Deutlichkeit und Deutschheit nichts zu wünschen übrig. „Verlätzliche völkische Gesinnung" und „Taufschein" schließen doch an sich die Bewerbung jüdischer Lehrer aus, oder glaubt doch wirklich jemand, datz Herr Dr. G r o tz einem Indien völkische Gesinnung zumutet? Wenn solches unseren Glaubensgenossen deutscher politischer Richtung in den Sudetenländern noch nicht die Augen öffnet, dann sind sie wohl für alle Ewigkeit mit Blindheit geschlagen. Für den Deutschen Schulverein aber, sollte man meinen, gibt es nur die Antwort: Entweder er weist als eine arischgermanische Vereinigung das Iudengeld mit aller Entrüstung zurück, oder er mutz einbekennen,' datz sich bei dieser Stellenausschreibung ein bedauerlicher Fehler eingeschlichen hat, der sofort repariert wird. Aber auch in diesem Falle müßten die Juden sich alle die Erfahrungen vor Augen hallen, die sie in den letzten Jahren mit dem Deutschen Schulverein gemacht haben, aus denen sie hoffentlich die sich von selbst ergebenden Konsequenzen ziehen werden. Herr Groß aber kennt Wahrscheinlich nur zu gut den ebenso alten wie bekannten Satz: „Wer ein rechter Franzmann ist, liebt den Deutschen nicht, aber seine Weine trinkt er gerne." Jacob H. Schiff über die Zukunft der Galveston- Emrgration und den Zionismus. (Aus eiium Inierv ew.) Wie berichtet, hat Jacob H. Schiff zu Beginn dieses Monates in London geweilt, um an der wichtigen Sitzung des Emigrationsdepartements der Ito teilzunehmen, in welcher bekanntlich über einen Antrag der Beschluß gefaßt wurde, das Galveston-Werk in ausgedehnterem Matze fortzuführen. Ein Redakteur der Londoner „Iewish World" benützte die Anwesenheit des hervorragenden amerikanischen Finanziers und Politikers, um ihn über seine Ansichten wegen Galveston einerseits und den Zionismus andererseits zu befragen. Jacob H. Schiff sagte unter anderem: In jenem Teile von Teras, jenseits des Mississippi, wohin d^e Ito jetzt die Emigration russischer Juden via Galveston dirigiert, gibt es noch Platz genug für eine sehr große Einwanderung. Ich meine hier Platz genug nicht nur in territorialem Sinne, sondern auch in wirtschaftlichem Sinne und mit Bezug auf die verschiedensten Eristenzmöglichkeiten für den Einwanderer. Es ist völlig deplaziert, die Frage aufzuwerfen, ob Galveston als Einwanderungsgebiet Buenos-Aires oder den argentinischen Kolonien vorzuziehen sei. Diese zwei Richtungen sind unvergleichbare?. Tatsache ist, datz die westlichen Staaten von Amerika eine große 'Zukunft haben und datz es den jüdischen Emigranten daselbst viel besser gehen mutz, als in Newyork. Es soll damit durchaus nicht behauptet werden, datz es in Newyork einen Antisemitismus gäbt, sondern bloß darauf hingewiesen werden, datz diese Stadt wie überhaupt die westlichen Zentren bereits so überfüllt sind, daß der Einwanderer in diesen Städten kaum mehr einen Boden für seine wirtschaftliche Entwicklung - finden könnte. Ich glaube auch nicht daran, datz die Einwanderergesetzgebung der Vereinigten Staaten eine für die russischen Juden katastrophale Wendung nehmen könnte. Der russisch-amerikanische Jude gilt allgemein als ein guter Bürger, der bestrebt ist, im Rahmen der Gesetze Fortschritt und Kultur zu verbreiten. Schiff betonte ganz besonders, datz das Galveston-Werk der Ito sich aufs glänzendste bewährt habe. Als die Sprache auf Palästina kam, bemerkte Ja ob H. Schiff: Wie Sie wissen, bin ich kein Zionist in denk Sinne, datz ich auch im geringsten Nationalist wäre. Ich betrachte jeden Gedanken an eine jüdische Nation als eine Gefahr und eine Chimäre. Ich nenne es eine Chimäre, weil ich es für unsinnig halte, zu behaupten, datz die Juden auf Grund einer Rassenidentität eine Nation bilden. Sie hatten wohl vor vielen Jahrhunderten einen gemeinsamen Ursprung, wenn wir aber von Rassenidentität sprechen, so denken wir an dir Identität der Charaktereigentümlichkeiten, dir sich aus ihrem Milieu, aus ihrer Umgebung, dem Klima und der Atmosphäre .cgeoen, und gerade all dies kann bei dem jüdischen Volke als Ganzem nicht als eristent behauptet werden. Ich war jüngst in Tunis und beobachtete den tunesischen Juden. Ich mutz sagen, datz es geradezu widersinnig wäre, irgend welche Rassenverwandtschaft zwischen einem tunesischen Juden und einem, sagen wir in Amerika oder England geborenen Juden, herauszükonstruieren. Das uns als Volk vereinigende Band kann nur unsere Religion sein. Die« monotheistische Idee ist es, die eins