Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 25 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 35 Dr. Blochs Wochenschrift Sette 45t wirkt? Das Christentum wirkte degenerierend, der Islam dagegen veredelnd. Das ist das Erziehüngsresultat der sogenannten „abendländischen Zivilisation“. Der antisemitische Klingl schmäht die Juden „vaterlandslos“. Gestatten Sie mir auch hierzu eine kleine Illustration: Die vor fünf Jahrhunderten aus Spanien vertriebenen Juden sprechen inmitten total anderssprachiger Völker auch heute noch spanisch, haben auch heute noch ihre spanischen Schulen, ihren spanischen Gottesdienst, ihre spanischen Predigt e n. Man weise mir ein auch nur halbwegs ähn- 1 iches Bild von Liebe zur Muttersprache unter den , Kult rvöl'.cein“ der Welt anI! Auch i-ur ein einziges! dagegen sehen wir, wie Söhne chauvinistischer Väter die Sprache der Gegner annehmen und sich dem eigenen Volke entfremden. Mein gewesener Regimentsarzt, ein durch und durch enragierter C z e c h e, hatte einen Sohn, der wegen seiner deutschnationalen Exzesse von der Behörde gemaßregelt wurde. Zwar hat dieser Herr, heute Professor an der Wiener Universität, seitdem sehr viel Wasser in seinen Wein gegossen und ist ein zahmer schwarzgelber Patriot geworden. Und solche Fälle könnte ich nach Dutzenden anführen. Gesetzt den Fall, Herr Schönerer übersiedelte in die Gegend von Czaslau oder Kolin, d. i. in ein rein tschechisches Gebiet; ich will nicht sagen: sein Sohn, aber sein Enkel wird zweifelsohne schon ein enragierter Tscheche sein. Das ist die berühmte Anhänglichkeit an die Muttersprache, wie sie die Herren „Arier“ (lucus a non lucendo) sich für ilirj e ilen /.wecke zure. htgeiegt ha er. „Justitia regnorum fundamentum“, so lesen wir von dem äußeren Burgtor in Wien herab. Wenn dieser Spruch seine Berechtigung hat, dann hat ein Staat, der einen völlig Unschuldigen seit Jahren im Kerker verkommen und verschmachten läßt, keine Existenzberechtigung. Das französische Volk hat endlich ein Korrektiv für den an dem armen Dreyfus verbrochenen Justizmord gefunden und den unschuldig Verurteilten völlig rehabilitiert.' In Oesterreich muß aber der unschuldige Hilsner die tiefste Erniedrigung büßen, die einen Menschen überhaupt treffen kann. Er muß im Kerker verschmachten trotz aller von den hervorragendsten Juristen aller Kulturvölker dagegen erhobenen flammenden Proteste. Doch, wie Homer sagt: Essetai th’ hemar — kommen wird der Tag, an dem auch die Unschuld dieses tief beklagenswerten Märtyrers ans Sonnenlicht dringen wird, wie die Unschuld des jüdischen Ehepaares Ritter, das im Jahre 1885—86 von drei polnischen Geschworenengerichten zum Tode verurteilt wurde wegen eines ihm aufgehalsten Ritualmordes an seiner Magd. Drei Jahre, nachdem der Oberste Gerichtshof das letzte Verdikt der Geschworenen aufgehoben und das beschuldigte Ehepaar freigesprochen, gestand der wirkliche Mörder Stochlinski auf seinem Sterbebette, er habe, gedungen vom Pfarrer der Ortsgemeinde, das Dienstmädchen umgebracht, das vom Pfarrer selbst geschwängert worden war und dessen sich dieser edle Seelenhirt hat entledigen wollen. — „Es lebt ein Gott, zu strafen und zu rächen!“ Da« Frauenstimmrecht «nb die jüdische Kran. Von RaHel Edelstein-Friedmann, Wien. An den jüngst vergangenen Schewuoth-Festtagen hat hier in Wien ein internationaler Frauenstimmrechtstag als Vorkonferenz der eigentlichen Vudapester Tagung stattgefunden. Datz Bürgermeister und Magistrat von Wien jenen Schrittmacherinnen einer nicht allzu fernen - Zukunft den Rücken gedreht haben, darüber mögen sich diejenigen schämen, welche sich der „bestgeleiteten Verwaltung Europas" berühmen. Trotz ihrer allzu beflissenen Anbiederung an Budapest, scheinen sie von dem jüdischen Oberbürgermeister noch nichts gelernt zu haben. Nun, den wackeren Verkünderinnen neuer Menschenrechte kann die Unhöflichkeit der Grotzmächtigen von Wien herzlich gleichgiltig sein. Und auch wir hätten keinen Anlatz, uns darüber zu äutzern, wenn die Feindseligkeit, die jene erfahren, uns nicht allein schon zur Sympathie für sie aufrufen würde. Gibt es doch eine Definition, welche den Begriff „Nation" durch die Gemeinsamkeit des Gegners begrenzt. Um wieviel mehr mutzten wir eine spontane Zusammengehörigkeit mit jenen fühlen, die mit derselben Verständnislosigkeit, mit der uns begegnet wird, von derselben Türe, die auch vor uns zugeschlagen wird. - zu ihrer Ehre sei es gesagt! — hinweggewiesen wurden. Und in der Tat bedurfte es nur dieser ehrenvollen Schmähung, um die auch in der jüdischen Frau längst aufkeimende Teilnahme für die Stimmrechtsbewegung zu vollem und freiem Bekennen zu entfalten. Noch fehlte es an jener Vertreterin der jüdischen Frauen, die bei der internationalen Tagung das Wort für dieselben ergriffen und dargetan hätte, datz auch die jüdische Frau jener gerechten und mächtigen Forderung eines grotzen Teiles der Menschheit nicht mit slu.npsen Sinnen gegenübersteht und datz auch sie die Grötze jenes Wortes zu fassen versieht: „Gleiches Recht auf geistiges und materielles Leben allen, die ein Menschenantlitz tragen". Die jüdische Frau würde die Universalität ihrer die ganze Menschheit umfassenden Religion verleugnen, sie würde den geistigen Hochstand ihrer Ahnen und Ahnfrauen verkennen, wenn sie noch länger zögerte, ihren Platz dort einzunehmen, wo sie kulturgeschichtlich hingehört. d. i. in die Reihen der Stimmrechtskämpferinnen. Datz dieser Platz bis heute leer geblieben — denn die wenigen Frauen, die in den Vorderreihen kämpfend, jüdischer Abstammung sind, kämpfen nicht gerade im Namen des Judentums — möge der jüdischen Frau nicht allzu schlimm angerechnet werden. Ein Wort, das eine der ausländischen Rednerinnen von den Frauen Oesterreichs im allgemeinen sprach, gilt von den jüdischen Frauen ganz besonders. Die Dame sagte, sie habe den Eindruck, datz die Frauen in Oesterreich sich allzuviel mit Fragen der Philanthropie und der sozialen Fürsorge befatzten und hierdurch die politischen Ziele der Frauen aus den Augen verlieren. Nun, das darf ganz gewitz auch von der jüdischen Frau gesagt werden (freilich nur von jener, deren geistiger Horizont nicht überhaupt durch Mode, Kartenspiel und Kabarett begrenzt ist). Wo die jüdische Frau aus dem blotz häuslichen, gesellschaftlichen oder beruflichen Rahmen herausgetreten ist, waren es allerdings bisher nur Angelegenheiten der Wohltätigkeit, in welchen sie ihre Geistes- und Herzensfähigkeiten mit gewitz nicht zu unterschätzendem Erfolg betätigte. Ja noch mehr: gerade im Sinne dieser letzteren schien ihr das Abseitsstehen von der Frauenstimmrechtsbewegung geboten, gerade als Frau von Geist und Herz schien sie sich das Hervortreten für eine neue, aber keineswegs in gutem Rufe stehende Sache versagen zu müssen. Denn was allüberall von den Untaten und den Lächerlichkeiten der Suffragettes bekannt wurde, lockte nicht dazu an, mit denselben identifiziert zu werden und für eine Idee einzutreten, für welche in einer das Rechtsgefühl ebenso wie den guten Geschmack verletzenden Weise eine geradezu anarchistische Propaganda getrieben wurde. Aus Wohlerzogenheit also hielten wir uns ferne und unterdrückten die in uns erwachenden Zweifel, ob nicht Rechtlosigkeit auf ein stärkeres Rufen das Anrecht habe, als die gewohnheitsmätzige Betätigung guter Sitte, und ob nicht gerade jene von kühlen, blonden Britinnen begangenen Ausschreitungen ein Zeugnis wären für die