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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-06-13 · 24 (13.6.1913) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 24 Dr. Btochs Wochenschrift. Seite 443 Himmel emporschlug. Von dem lodernden Feuer riffen in der Höhe rotglühende Fetzen atz und zuckten wie Blitze durch die raucherfüllte Luft. Ich erkannte die Gefahr. Balken und Sparren waren infolge der anhaltenden Dürre trocken wie Zunder, und im scharfen Luftstrome wölbte sich, die Flamme wie ein breites Dach über die mächtigen Häuser. „Rahel," rief ich meiner Frau zu, „raffe unsere Ha'bseligkeiten zusammen und schaffe sie in den Garten — bis zu den Gemüsebeeten wird das Feuer nicht dringen. — Ich selbst will zur Synagoge, am die Thorarollen zu retten": und damit ergriff ich die Schlüssel des Gotteshauses und eilte hinaus. Welch ein Anblick! Wie auf Sodom und Gomorrha fiel ein Feuerregen auf die unglückliche Stadt. Anten in den Straßen Schrecken und Verwirrung: oben aus? den Dächern das entsetzliche Prasseln des Feuers, das im 'Fluge von Giebel zu Giebel hüpfte. Ich weiß nicht, wie es kam, aber wie von Geisterhänden getragen, stand ich bald vor der Pforte des Tempels. Behende drehte ich den Schlüssel um, und knarrend sprang die schwere Tür von selbst aus. Ein feiner Rauch dr-ang mir aus dem dämmerigen Raum entgegen. Zwischen dem Gestühle und den Nischen hörte ich es flüstern und lispeln. Es schien mir, als ob die- Toten an diesem Unglückslage von der Synagoge Abschied nähmen. Ich überwand das Grauen, trat zur heiligen Lade, zog den Vorhang weg. und über meine Lippen kamen unwillkürlich die Worte, die ich so oft beim Herausnehmen der Thora gesprochen: „Wajehi binesoa. . ." (Und es geschah, wenn die Bundeslade aufbrach. . .) Es war das letzte Mal, daß dort, an heiliger Stelle, ein Gckbet von Menschenmunde zum Himmel emporstieg. „Ach," so dachte ich in tiefstem Weh, „ihr brechet jetzt auf und verlasset eure Wohnung. Werdet ihr je nach dieser Stätte zurückkehren? ..." Dann umfaßte ich mit meinen Armen zwei Thorarollen, drückte sie wie die Binder an mein Herz untr trug sie mit raschem Schritt hinaus ins Freie. Abev wohin? .... Vor mir die brennende Stadt! Wo sollte ich die heiligen Rollen bergen? Hart an der Synagoge, gegen das offene Feld, fließt der Mühlgraben. Zwischen überhängendem Gezweig zieht das stille, leichtgekräuselte Wasser dahin. Jenseits desselben lag dazumal eine alte Sandgrube. Wie oft sah ich dort die Kinder spielen und nach runden und glänzenden Steinchen suchen. Also dorthin! Ich eilte über die schmale Brücke, breitete über den Sand eine Thoradecke — und hier aus freiem Felde fanden die heimatlosen heiligen Rollen eine Zuflucht. Mit steigender Erregung legte ich mehrmals den Weg über die Brücke zurück. Es war keine Zeit zu verlieren. Schon hatten sich die Flammen auf das/ Tempeldach geworfen und leckten und nagten mit ihren roten Zungen an den Ecken und Vorsprüngen. Da die Feuersbrunst ganze Straßenzüge ergriffen hatte und die Verwirrung immer mehr wuchs, war an eine Rettung des Gebäudes, an ein Löschen des Brandes nicht zu denken. Wohl kamen mitten im Tumult einige jüdische Kürschnergesellen mit einer Spritze herangerasselt und arbeiteten bis zur Erschöpfung an den Geräten. Aber es war ein vergebliches Beginnen: es war der Kampf des Schwachen gegen den Starken, der Kampf menschlicher Unzulänglichkeit gehen die Uebermacht einer entfesselten Nalurgewall. Kaum dass der Wasserstrahl aufstieg, wurde er von den heissen Gluten verzehrt, die von allen Seiten auf die Synagoge eindrangen. Besonders rührend war der Rettungsversuch, den der fromme Sinn eines schlichten Weibes unternahm. In fliegender Hast stürzte eine alte Frau mit einem Kruge Wasser herbei, und laut aufjammernd beim Anblick des brennenden Gotteshauses, schleuderte sie mit mächtigem Schwung das Wasser in die Flamme. Der Henkel blieb ihr in der Hand, der Krug und sein Inhalt flögen» ins Feuer. Ein leises, höhnisches Zischen des rasenden Elements war die Antwort. Nur ein Wunder hätte das Unheil abvenden können. Aber unserer vielen Sünden willen geschah leider kein Wunder. So war unsere Synagoge, in der wir und unsere Vorfahren so oft in inniger Andacht gebetet hatten, der Zerstörung preisgegeben — sie war verloren. Immer hastiger, immer eiliger griff ich darum nach den Thorarollen, um mit ihnen dem Verderben zu entrinnen. Noch standen ihrer zwei in dem heiligen Schrein. Ich war eben wieder zur Synagogenpsorte zurückgekehrt und blickte in das von Rauch und Qualm erfüllte Heiligtum. Sollte ich die beiden letzten, verwaisten, vereinsamten der Vernichtung überlassen? Die Fensterscheiben waren von der Hitze bereits geborsten, und Feuer und Flammen schlugen in das dem Untergänge geweihte Haus. „Rette uns, rette uns!", so hörte ich es aus dem Aufruhr der Elemente mir entgegentönen. Es müßte fein! Der Gefahr nicht achjtend, stürmte ich in das brennende Gebäude, riß dick beiden Thorarollen an mich — und hinaus mit ihnen aus der Zerstörung! Doch wie ward mir da! Plötzlich fühlte ich einen brennenden Schmerz in meinen Leib sich ernbohren. Ein Funkenregen war aus mich niedergegangen und ich sah mit Entsetzen, wie meine Gewänder Feuer fingen. „Herr und Vater!" entrang es sich meiner gepreßten Brust, und vorwärts raste ich und stürzte mich in den Mühlgraben. Wie wenn aber im tiefen Kohlenschacht ein Grubenlicht aufglüht und verschwindet, so ging plötzlich ein flüchtiger Schein durch meine Seele: wie ein Blitz fuhr es durch mein Dunkel .... nur einen Augenblick . . . Das Weidengebüsch, das zum Wasserspiegel nickte, reichte mir mitleidsvoll seine biegsamen Zweige: ich hob mich — mir war's, als ob eine Hand mich unterfaßte - und taumelte aufs Trockene. Es war Nacht, als ich aus der schweren Ohnmacht erwachte. Ich fand mich in der Sandgrube mitten unter den Thorarollen. Teilnahmsvolle Menschen waren um mich versammelt. Der rötliche Abglanz der niedergebrannten Synagoge, aus der noch kleine Flammen emporzüngelten, beleuchtete das Bild. Die erste Stimme, die an mein Ohr drang, war das laute Schluchzen meiner Frau. Die Fromme, Gute weinte vor Freude, als sie wahrnahm, dass ich die Augen wieder aufschlug. „Sieh doch, lieber Mann," so rief sie mir zu, „um dich ist die Thora ausgebreitet: ermuntere dich, du wirst leben!" Da war es, als ob die Männer das Unglück, welches sie betroffen, den Verlust von Hab und Gut für gering achteten und nur in dem hohen Bewusstsein sich vereint fühlten, dass die Thorarollen der furchtbaren Feuersbrunst, der fast die ganze Stadt zum Opfer gefallen, glücklich entgangen wären. Lange Wochen mußte ich das Krankenbett hüten. Die Dankbarkeit meiner Gemeinde hat mir die schmerzhaften Tage der Leiden verschönt. Als ich wieder genesen war, überreichte mir unser ehrwürdiger Rabbiner — sein Andenken zum Segen! -- einen schön gebundenen Menorath Ha-Maor. Aus der ersten Seite des Buches stand, von seiner frommen Hand geschrieben:

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