Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Ul Jü. HB Seite 434 Dk. Blvchs Zionisten bezweckt, indem er die Wirklichkeit wissentlich entstellt? Glaubt er vielleicht, daß das Eristieren des Zionismus im allgemeinen den Antisemitismus voraussetzt? Oder will er vielleicht den Antisemitismus kultivieren und dort, wo er noch im Keime erstickt werden kann, durch solche falsche und irreführende Reden zum Aufblühen bringen: Um den Juden zur Anerkennung des zionistischen Ideals zu zwingen? Wenn aus seinen vorsätzlich entstellten Tatsachen „Antisemitismus" hervorsprudelt, dann eristiert solcher sogar in den Kultusgemeinden der Israeliten und selbst in den Synagogen. Es ist eine Verwirrung der Begriffe, wenn wir die Lebensgegensätze als Antisemitismus auffassen wollen. Seit der Gründung dieses lebensfähigen jungen Staates hat niemand die Lage der Juden als schlechte beklagt. Ist etwa der Vulgare nicht im Rechte, dem Großgrundbesitz prinzipiell gesetzliche Schranken zu ziehen? Die größten Nationalökonomen würden diese Politik gutheißen; unser empfindlicher Zionist aber sieht darin den Antisemitismus. Wenn ein bulgarischer Jude mit seiner gegenwärtigen politischen Lage nicht zufrieden ist, so ist es überhaupt ausgeschlossen, mit Andersgläubigen in gutem Einvernehmen zu leben. Durch die schwüle Atmosphäre, in der der bulgarische Zionismus seine gefahrbringende Tätigkeit entfaltet, werden auch die Bulgaren in ihrem Freisinn und ihren Gleichheitsbestrebungen geschwächt. Dem Führer der bulgarischen Zionisten mit seinen Ausführungen kann eine unentschuldbare Taktlosigkeit nicht abgestritten werden, wodurch sowohl der bulgarische wie auch der Zionismus nur zu Schaden kommen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß seine wirklich sensationellen Ausführungen zum Druck in die bulgarische Presse kommen. Kann er es verantworten, wenn die Bulgaren dann den Juden vorwerfen, daß sie sich trotz aller Gleichberechtigung in Bulgarien als Fremde fühlen? Nicht weniger bedenklich ist es, in diesen schicksalsschweren Stunden der bulgarischen Staatsaktionen solch unbegründete und irreführende Vorwürfe seinem eigenen Lande zu machen. Auf die anderen Punkte seiner Ausführungen einzugehen, finde ich zwecklos, da sie dem Boden der den bulgarischen Juden zuerkannten Rechte entweichen. Mit der Bitte um gefl. Aufnahme obiger Ausführungen, verbleibe mit vorzüglicher Hochachtung 7. Juni 1913. Dr. I. Calmi, Advokat, Rustschuk (Bulgarien). Vom Aabrmnrkt des Lebens. Berta Baronin Suttner. Ist es schon mißlich, über einen bedeutenden Mann zu schreiben, um wie vieles schwieriger erst über eine Frau! Zumal eine solche, wie die gerade gegenwärtig gefeierte und ihren siebzigsten Geburtstag feiernde Dame, für die wir eigentlich keine Vorgängerin besitzen. Wohl gab es schon Schriftstellerinnen, die ganz Bedeutendes brachten, allein, daß eine Frau ihr ganzes Sein in den Dienst eines großen hochidealen Gedankens gestellt hätte, dürfte kaum noch aufzuweisen sein. Und sie wächst offensichtlich mit ihrem Ziele, sie erreicht eine früher ungeahnte riesenhafte Größe, der auch die zeitliche Grenze nichts anzuhaben vermag. Nur öde Egoisten und Profesfionsnörgler konnten ihr anfänglich so aussichtsloses Beginnen mitleidig belächeln. Das Kriterium des wahren Genies bildet es ja, erst als „unpraktischer Träumer" oder „zu Nichts zu gebrauchender Schwärmer" — solche und ähnliche Aussprüche geistiger Inferiorität gibt es wohl Wochenschrift. Nr. 24 mehrere — stigmatisiert zu werden, um dann erst nach harten auszehrenden Kämpfen zu ragender Höhe sich durchzusetzen. Auch der Erfinder des Dampfschiffes, Fulton, der überdies Vorläufer seiner Ideen hatte, mußte es sich gefallen lassen, von Napoleon I. dem „Großen", dem das Prof kt der Schiffsbewegung mittelst Dampskraft vorgelegt wurde, als Narr.hingestellt zu werden. Wie viele „Hirngespinste" mögen so vergessen, für immer versunken sein! — Und ein Hirngespinst einer „unpraktischen Schwärmerin" war ja wohl auch die von unserer Jubilarin initierte Friedensbewegung. Ihre wuchtige, in Ziffern umzusetzende Bedeutung erhalten die „Phantome" ja erst dann, wenn die Zahl der Verständnislosen und der Feinde endlich abgenommen hat und die öffentliche Meinung sich mit ihnen beschäftigt. Auch alle, die hämisch auf den Balkankrieg Hinweisen, werden belehrt werden, daß es unendlich leicht ist, eine Nase zu drehen, unendlich schwer dagegen, aus Menschen ähnlichen Wesen Menschen zu machen. Was uns, den Unterzeichneten Verein, zu unendlicher Dankesschuld an diese Gottbegnadete, unsere Ehrenpräsidentin verbindet, ist, daß in ihr nebst den auf das Große gewandten Gedanken auch ein tiefes Gefühl für die Unterdrückten Platz fand, das sich in Empörung über die jeder Zivilisation Hohn sprechende Verfolgung unserer jüdischen Mitbürger Luft macht; eine Verfolgung, die, nur auf den niedrigsten Erwerbstrieben und dem Neide basierend, auch nur von der bewußten Lüge und Verleumdung bis zur offenkundigen Rechtsverletzung ihr schmachvolles Dasein fristet. Die Namen Suttner und „Abwehr des Antisemitismus" sind voneinander unzertrennlich, wie von Eltern und Kindern. Unvergessen bleibt das Eintreten für jenen Unglücklichen, an dessen Schuld am Mord zweier Mädchen bei Polna am allerwenigsten von Seite aller derer geglaubt werden kann, denen das Studium der betreffenden Akte einen Teil ihrer Pflicht bildet! Unvergessen aber auch ihr Eintreten für die Opfer des 1905 er Pogromes in Rußland, zu deren Gunsten sie in der vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus veranstalteten Konzert - Akademie (17. Jänner 1906) ein von Baron D o b l h o f f und ein von Fräulein Paula E i s n e r verfaßtes Stimmungsgedicht äußerst wirkungsvoll zum Vortrag brachte.*) So sei ihr gedankt im Namen der Menschlichkeit und sei ihr ein verklärender Abend des Friedens gewünscht und die Freude, Friede endlich unter den Völkern zu sehen, für dessen Zustandekommen sie in bewunderungswürdigster Weise seit einem Vierteljahrhundert ihr ganzes Können einsetzt! . Verein zur Abwehr des Antisemitismus". Zum Justizskandal Hilsner. Wir erhallen folgende Zuschrift: Wien, 9. Juni 1913. Geehrte Redaktion! Soeben lese ich in der „Sonn- und Montagszeitung" einen Artikel über den Prozeß Hilsner, und es drängt mich. Ihnen eine Mitteilung zu übersenden, die nicht ganz ohne Bedeutung ist. Leider hatte ich nämlich Gelegenheit, Leopold Hilsner persönlich kennen zu lernen — dadurch., daß ich mit ihm durch 15 Monate in einer Zelle zusammen war. Während dieser ganzen Zeit hat er mir und jedem anderen Sträfling gegenüber inimer und immer wieder seine Unschuld beteuert. Während unter den ca.. 800 Sträflingen dieser Strafanstalt ein jeder wenigstens einen Freund findet, dem er sich anschließt, sein Herz öffnet und auch: die Straftat bis ins kleinste erzählt, kannte Hilsner keine anderen Worts als: „Ich bin unschuldig!" Das hat auf mich und auf viele meiner Schicksalsgenossen einen tiefen Eindruck gemacht und es drängt mich., diese Tatsache Ihnen mitzuteilen. I. F. S. Nr. 3 der Oesterr. Wochenschrift v. I. 1906.