Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sk. 24 Dr. Btochs Wochenschrift- Sette 4SI dessen die.Vermutung, datz im II. Buche der Thora, wo wir uns die Befreiung aus Aegypten als eben erst stattgefunden zu denken haben, die Begründung des Sabbat mit diesem dem Volke unmittelbar gegenwärtigen Ereignis überflüssig und der Hinweis auf die schöpferische Tätigkeit Gottes genügend schien, wohl aber war die Herleitung des Sabbat von der Befreiung aus dem Sklavenjoch Aegyptens im V. Buch der Thora am Platze, in dem ein inzwischen erfolgter Ablauf von vierzig Jahren feit dem Auszugs aus Aegypten, mithin eine Nachdunklung dieses Ereignisses, andererseits aber die bereits vollkommen befestigte Schöpfungslehre vorausgesetzt wird, wodurch die Erwähnung dieser letzteren unnötig erscheinen mochte. Auf diese Weise würde die Behandlung des Sabbatgebotes in den beiden Dekalogen den von den mittelalterlichen Lehrern häufig gellend gemachten exegetischen Grundsatz bestätigen, datz die Thora bald Kürzen, bald Längen, natürlich beabsichtigte, aufweise, welches Thema ich in meinem Aufsatz „Kürzen und Längen in der Bibel" (Monatsschr. 1911, S. 129 ff.) ausführlicher behandelt habe. VIII. Wie dem jedoch sein möge, die Heiligung des Sabbat ist ohne Frage zugleich eine Heiligung der freien Arbeit. Jene besteht nur unter Voraussetzung dieser, denn für den Sklaven besitzt weder die unfreiwillige Arbeit, noch die unfreiwillige Ruhe einen höheren sittlichen Sinn und Inhalt. Die Einsetzung des Sabbat ist für sich allein die höchste sittliche Bewertung, ja Verherrlichung der freien Arbeit. Dieser Auffassung verleiht die Thora dadurch kräftigen Ausdruck, daß sie an einer Stelle, an der sie die Feier des Sabbat einschärft und ihn zum Zeichen des zwischen Gott und Israel geschlossenen Bundes erhebt (II. B. Mos. 31, 16 ff.), sich nicht damit begnügt, von Gott zu bezeugen, dah er nach Verrichtung der sechstägigen Schöpferarbeit „ausruhte" (rrtr) . sondern hinzufügt, trer,“ welcher onomatopoetische Ausdruck buchstäblich! genau der deutschen Wendung entspricht: er „verschnaufte" sich. Die Konsonanten sind in beiden Sprachen dieselben, nur ihre Reihenfolge ist verschieden, worauf ich bereits an einem anderen Orte aufmerksam gemacht habe. Die Thora würde sich aber nicht unnötigerweise soweit vorgewagt haben, das Ausruhen Gottes durch onomatopoetische Malerei auf das stärkste zu versinnlichen, wenn sie nicht damit die Absicht verfolgt hätte, das erquickende Gefühl des von seinem Werke aufatmenden Arbeiters selbst Gott empfinden zu lassen, womit aber die Arbeit auf ein Niveau der Weihe gehoben wird, über das hinaus eine Erhöhung derselben nicht mehr denkbar ist. Auf derselben Absicht beruht auch der Sabbatpsalm, Psalm 92, dessen Titel ganz unberechtigt erscheint, wenn man darin eine Verrherrkichung des Sabbat sucht, der gar nicht darin erwähnt wird. Wohl aber findet sich darin die Verherrlichung der von Gott geleisteten schöpferischen Arbeit. „Denn erfreut, Ewiger, hast du mich durch deine Arbeit. Ätzer die Werke deiner Hände juble ich. Wie grotz sind deine Werke, Ewiger, wie sehr tief sind deine Gedanken!" So kann der Sabbat nicht besser verherrlicht werden, als durch die Verherrlichung der Arbeit. IX. Dieser Prozeß vollzieht sich aber auch dadurch, datz der ursprünglich mit einer schimpflichen und erniedrigenden Bedeutung behaftete Ausdruck n-vj, Knecht oder Sklave, für das Ergebenheitsverhältnis des Menschen gegen Gott verwendet und dadurch geadelt wird, wie etwa im Englischen das Wort „knight" aus seiner ursprünglichen, aus der Schreibung ersichtlichen Bedeutung „Knecht" zu der des Edelmanns und Ritrers erhoben erscheint. Gott sagt: „Denn mir sind die Kinder Israels Knechte, meine Knechte sind sie" (IV. B. Mos. 25,55). Damit hat Gott die in Aegypten zu Knechten erniedrigten Angehörigen des Volkes Israel zu Rittern geschlagen. Moses wird „Knecht Gottes" genannt, und bei den Propheten ist diese Benennung der beliebteste Ehrentitel des Volkes Israel. Mit dieser Wendung im Zusammenhang steht die Uebertragung des ursprünglichen Ausdrucks für das knechtische Dienen (-rzr) auf die Gottesverehrung. Die. Septuaginta gebraucht dafür ein Zeitwort, das eigentlich bedeutet: um Lohn, Sold dienen. Wenn dieser Ausdruck auch sonst wohl im Griechischen für die Betätigung der Ergebenheit gegen Gott verwendet wird, so ist doch der typische Gebrauch dieses Wortes in der Septuaginta und danach im Neuen Testament die wahrscheinliche Entstehungsursache unseres deutschen „Gottesdienst". Denn ursprünglich sprach man auch im Deutschen nur vom Herrendienst. An die vollzogene Wandlung, die im Hebräischen das Wort rrrzs durchgemacht hat, erinnert im Deutschen noch das Sprichwort: „Herrendienst geht vor Gottesdienst." So spannt sich in weitem Bogen die Erhebung der Arbeit zu einem hervorragenden Moment der Sittlichkeit von der Thora aus bis in die fernsten Zeiten und Sprachgebiete. X Es ist nicht die Gewohnheit der Thora, ihre Maximen und Vorschriften zu begründen. Nur in einzelnen Fällen, wie beispielsweise bei der Bestechung (II. B. Mos. 23,8), der Unzucht. (III. B. Mos. 19,29). der ungesühnten Blutschuld (IV. B. Mos. 35,33), findet sich ein kurzer Hinweis auf die verderblichen Folgen. Diese Eigentümlichkeit ist darin begründet, datz die Thora nichts weniger ist, noch sein will, als ein mit einem Motivenbericht ausgestattetes Gesetzbuch. Ihr eigentlicher Charakter wird dadurch bestimmt, datz sie nfchts anderes bezweckt, als den Werdegang darzustellen, durch den das Stlavenvolk Israel das Volk Gottes geworden ist. Deshalb ist der beste Kommentar der Thora sie selbst, und wie die einzelnen Vorschriften und Lehren die Protuberanzen ihrer Geschichtsschreibung sind, so strahlt diese die erhabensten Gedanken und Anschauungen aus, die nur nicht, vielleicht weil sie zu umfassend sind, eine bestimmte Formulierung durch Worte erhalten haben. So wird man in der Thora eine direkte Würdigung der Freiheit, oder. auch nur ein Wort über die sittliche Bedeutung und Tragweite derselben vergeblich suchen. Dennoch ist sie recht eigentlich das Hohe Lied der Freiheit. Aus jeder Zeile, in der sie von der Schmach und dem Elend der ägyptischen Sklaverei redet, erklingt diese Note, aus jeder Erinnerung an die Zeit der Knechtschaft züngelt die Flamme der Begeisterung für die Freiheit. Unnötig. darauf hinzuweisen. datz die Freiheit niemals lauter und herzinniger gepriesen wurde, als in dem Sang am Schilfmeer, obwohl das Wort nicht darin vorkommt. In demselben Sinne ist die Thora auch das Hohe Lied der Arbeit, obwohl sie ihr keinen direkten Lobspruch widmet. Aber von Anfang bis zu Ende der Thora rauscht dieses Lied durch ihre Blätter. In den: dem ersten Menschen erteilten Aufträge, den Garten Eden zu bearbeiten und zu warten, in der Heiligung des Sabbat, in der dem fleitzigen Landwirt verheißenen Fruchtbarkeit des Erdbodens, in der Einsetzung des Festes der Erstlinge und des herbstlichen Hütten- und Erntefestes, in allen diesen Momenten kommt die Arbeit zu Ehren, und sie tritt in die engste Beziehung zur Religion, wobei daran erinnert werden mutz, datz alle diese Momente ihren Nachdruck erhalten durch die sie begleitende Melodie der Verurteilung und Verwerfung des Sklavendienstes. Der Preis der Arbeit, der in der angedeuteten Weise durch die ganze Thora unvordringlich, aber unverkennbar sich hinzieht, hat seinen prägnantesten Ausdruck in