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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-06-06 · 23 (6.6.1913) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 424 Dr. Bürchs Wochenschrift. 'Jh. 23 „Gnädige Frau, ich gehe schon, ich dachte nur, vielleicht trifft sich noch etwas für Herszko, er itzt Maroni so gern. Herr Dr. Adam — denn er ist es, der Spitalsarzt in einem der Krankenhäuser Lembergs — beruhigte die Unglückliche über den Gesundheitszustand ihres Mannes, und als sie erfuhr, datz man ihm die Finger nicht operieren wird, fällt sie ihm zu Fützen, vor Freude schluchzend. „Adamchen, Adamchen," flüsterte die Dame, ihren Mann beiseite schiebend, „ich mutz Dir gestehen, datz ich gebratene Maroni ungenießbar finde!" „Nun?" „Ich glaube, datz sie auch für unserem Fritz, jetzt spät abends genossen, schaden könnten. Er hatte gestern Magenweh." „Nun, was willst Du?" „Ich gebe ihr diese zwei Pfund, mag sie ihrem Manne damit eine Freude bereiten." Herr Adam drückte nur ihre Hand und die zwei Päckchen Kastanien fanden sich bald noch warm auf dem Korbe der Jüdin. „Ich bitte, datz von mir Ihrem Mann zu übergeben." Gerührt dankte die Jüdin und lief ihnen nach, lausend Worte der Erkenntlichkeit murmelnd. In den Herzen beider Eheleute ist aber eine besondere Freude und Genugtuung eingezogen, um derentwillen sie an die Unannehmlichkeiten der verfehlten Unterhaltung bei den Freunden vergaßen und ihnen, trotz Sturm und Frost, der herrlichste Frühlingsabend zu fein schien. Im Gefühle dieser reinen Freude wurde unser Ehepaar durch einen entsetzlichen Lärm und Schreien vor der Tür eines Schankhauses, dem sie sich nun näherten, aufgeschreckt. Ein Betrunkener in einer einfachen grauen Vauernkutte wurde eben aus dem Lokale hinausgeworfen und dieser fiel, da er vor Rausch nicht aufrecht stehen konnte, vor die Füße der Passanten. Aus der Wirtsstube schlug eine Dampssäule des widerlichsten Branntwein- und Tabakgeruches und eine kleine, schwächliche, leichtgekleidete Frau bemühte sich, den schweren Körper des Besoffenen aufzurichten. „Adamchen, gehen wir zurück," rief ängstlich die Dame, „ich fürchte." „Ei, das ist ja nichts, das iss ja bei uns ein gewöhnliches, alltägliches Ereignis. Man wird ihn ausheben und er geht weiter. Wenn Du just willst, so treten wir zur Seite." Aber die Dame ließ sich nicht beruhigen, sie hielten sich also einige Schritte abseits und wurden Zeuge eines ihnen widerlichen ehelichen Zankes. Jener Mann, den die Frau mit großer Mühe aufgehoben, wollte mit aller Gewalt zurück ins Schankhaus gehen. „Schlagt den Juden! diesen Lumpen!" brummte er, die bleiern schwere Hand in der Luft bewegend, und warf seine Pelzmütze vom Kopfe. Während die Frau sie aufhob, kehrte er immer zu der Tür des Schankhauses zurück. „Gottes Strafe kam über mich," klagte das Weib, „dieser Mann! Gehst Du nach Hause oder nicht? Wo ist Dein Wochenlohn? Ach meine schwere Not!" „Ich gehe nicht," stammelte der Betrunkene, „ich werde diesen Juden totschlagen; schlaget den Juden! Ich zahle euch bar . .. . ja, ja, ich zahle," brummte er fort und suchte mit seinen Fingern in der Westentasche. Endlich gelang es der Frau, ihn fest zu fassen und von der Tür des Schankhauses wegzuführen. Auf dem Wege machte sie ihm unaufhörlich Vorwürfe, daß man zu Hause friert und hungert, indetz er alles verschwendet, datz das Kind keine Stiesel hat und nicht in die Schule gehen kann, so datz von der Behörde bereits Geldstrafen auferlegt wurden, datz es vor Gott und Menschen Schande ist, sich so herumzuwälzen. Aber was nützt es, einem Besoffenen zu predigen! Er konnte nicht' vergessen, datz ihn der Jude beleidigte, datz ein Jude ihn Ma'teuszj Drabik, einst den Sohn eines Bürgers aus Bajki, zur Tür hinausgeworfen. „Ich schlage chm den Schädel ein! Schlagt den Juden!" schrie er fort, bis er in eine Gasse links einbog, von wo aus chir Herr und Frau Adam nicht mehr hören konnten. „Es ist traurig," bemerkte der Doktor mit Bitterkeit zur Frau, „datz die Juden uns als Beispiel dienen müssen, wie man Familienpflichten erfüllt." „Ach, ja! Sie mögen chre Fehler haben, egoistisch und rücksichtslos sein, aber man mutz ihnen eine unerschöpfliche Energie, Aufopferungsfähigkeit und Familiensinn zugestehen, und nur auf der Familie ruht das Wohl der Gesellschaft." Literatur. Die Bücher der Bibel. Herausgegeben von F. E a h 1 w e s, Zeichnungen von E. M. Lilie n. Verlag von George AVestermann, Braunschweig. Die Lehrdichtung: Die Sprüche Hiob, Der Prediger, Euth, Jona, Esther, Daniel. Nach der Uebersetzung von Eeuss. Dieser VII. Band des prächtigen Werkes zeigt alle Vorzüge, die man nur für eine Uebersetzung unseres kostbarsten literarischen Kleinodes wünschen kann. Störte in der Einleitung zum Pentateuch die für ein Volksbuch :— und wohl auch als Konfirmationsgabe und ähnlich gedachtes Prachtwerk — eine zu ausführliche Erörterung bibelkritischer Fragen, so wird, schon dank dem Charakter der hier übersetzten Bücher, dieser Fehler in dem vorliegenden Bande vermieden. Auch die Illustrationen von der Meisterhand eines unserer tüchtigsten Zeichner wollen uns. das Beste dünken, was Lilien bisher in diesem Unternehmen geboten hat. Der Band stellt an sich, als selbständiges Ganzes, eine wertvolle Gabe dar. Nur einen Einwand hätten wir. Was einigermaßen als ästhetischer Ersatz für die gewichtige hebräische Quadratschrift gelten kann, ist unseres Erachtens der gotische Druck, wie ihn z. B. die Lutherbibeln zeigen. Mögen diese Schnörkel die Lesbarkeit des Textes noch so erschweren, es ist ja doch kein Eoman, der hier mit flüchtigem Auge durcheilt werden soll. Auf jedem Worte soll das Auge ruhen, an jeden Satz sich Sinnen und gemütvolle Vertiefung schließen. Zu glatt, fremdartig jedenfalls, berühren uns die lateinischen Lettern dieser Bibelübersetzung. Oft kommen uns Väter mit der Frage: „Welche Bibelübersetzung soll ich meinem Jungen kaufen?“ AVer wüßte eine bessere zu empfehlen, als diese AVestermann-Bibel? L. Wiesner, Samuel ben Sch ela t. (Beilage zum Jahresbericht des Talmud-Thora-Vereines für die westlichen Bezirke Wiens, 1913, Ausgabestelle: XV., Turnergasse 22.) Jahr für Jahr, besonders um die Pessachzeit, wird unser Schreibtisch von einem Meer von Drucksorten überschwemmt, die sich als „Jahresbericht“ dieses oder jenes Vereines ankündigen, dem wir angeboren oder für den wir durch diese Postsendung gewonnen werden sollen. Sie wandern zum weitaus größeren Teil ungelesen in den Papierkorb. Wen interessieren auch die Verdienste von Herrn oder Frau Mayer (mit ay oderei) oder Polak (mit dem weichen oder harten B)? Und wer hat die Zeit, all die militärisch stramm aufmarschierten Zahlenreihen zu durchmustern? Schade um diese Makulatur, der nur da(s Einstundendasein der Generalversammlung beschieden ist! Ganz anders präsentiert sich ein solcher Jahresbericht, wenn ihn eine wissenschaftliche oder sonst irgendwie zu längerem Dasein berechtigte Beilage eskortiert! Daß man einen solchen Ausweis einer höheren Auffassung des Vereinslebens, vor allem bei einem Schulbericht, angenehm empfindet, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Der Talmud-Thora-Verein für die west!. Bezirke Wiens, der übrigens schon darum allgemeinere Aufmerksamkeit verdient, weil er seit Jahren zwischen' 200 und 300 Knaben und Mädchen unentgeltlich unterrichten läßt und für seine Schüler eine bemerkenswerte jüdische Jugendbibliothek unterhält, macht mit dem diesjährigen Jahresbericht auf dieser neuen Bahn einen glücklichen Anfang, indem er ihm einen wissenschaftlichen Aufsatz über Samuel ben S c h e 1 a t, den berühmtesten Kinderlehrer des Talmuds, beigegeben hat. Der Verfasser, Herr Lehrer L. AV i e s n e r, bekundet in diesem kleinen Ausschnitt aus dem Schulleben der talmudischen Zeit eine meisterhafte Beherrschung des Gegenstandes, den er kritisch nach den Quellen und doch durchaus volkstümlich behandelt.. Dieses Kabinetstiick jüdischer Kulturgeschichte aus längst vergangenen Tagen empfiehlt sich von selbst und läßt die Hoffnung rege werden, daß wir von dem Verfasser recht bald weitere Proben seines Könnens erhalten. Dem Prinzip, die Jahresberichte auf diese Weise auf ein höheres Niveau zu heben, sie wirklich lesenswert zu gestalten, wünschen wir die weiteste Anerkennung. Raiser-Jubiläumsnummer von „Nord und Süd". — Zur Feier des 25jährigen Begierungsjubiläums Kaiser Wilhelms II. ist das Juniheft von „Nord und Süd“ (Herausgeber und Chefredakteur: Professor Dr. Ludwig Stein, Berlin W., Lützowufer 5 a. — Verlag: Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlagsanstalt von 8. Schottlaender, A.-G., Breslau. — Preis pro Quartal 6 M.) zu einer Sondernummer ausgestaltet. Wie der Herausgeber, Prof. Dr. Ludwig Stein, in den einleitenden Worten ausführt, soll in dieser Jubiläumsnummer, getreu dem Programm der Zeitschrift, Kulturpolitik zu treiben und den Kulturimperialismus zu fördern, Kaiser Wilhelm II., der in die wichtigsten Kulturfragen der deutschen Nation persönlich eingegriffen hat, als „Kultur-Kaiser“ gefeiert werden. So betrachtet zunächst Max Graf Bethusy- Huc die „letzten 25 Jahre deutschen Staatslebens“, den Gang der inneren, insbesondere sozialpolitischen Verhältnisse und den der äußeren Politik Deutschlands unter dem Einfluss > c>s Kaisers. Mit detaiünrten Angaben verfolgt Ottomar Frhr. von der Osten-Sacken-Bhein unter dem Titel: „25 Jahre Kriegsherr“ die Entwickelung des gesamten deutschen Heeres und Heerwesens, während Admiral Büchsei speziell die der Flotte, Rittmeister von Frankenberg die nationale Luftfahrt zum Gegenstand nimmt. — Welch große

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