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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-06-06 · 23 (6.6.1913) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 23 Seite 423 Dr. Blochs Wochenschrift in diesem Augenblicke umdrehte, und da er ihn nicht zumachen konnte, zerbrach er durch einen starken Druck einige Drähte, und nahm ihn unter den Arm. ,,Warum ärgerst Du Dich so, Adam?" „Warum ich mich ärgere? Mir scheint, daß Du nicht minder ungeduldig bist." Sie gingen weiter, quer über die Allee der Hetmanswälle^ Das Paar kehrt eben von einem bei einem Bekannten gegebenen Tanzabende zurück, den es aus Verdruß so früh verlassen hatte. Die Frau dieses Hauses hatte vor einigen Tagen, als sie die Frau Adam einlud, ganz deutlich und einigemal versichert, daß es eine ganz gewöhnliche Zusammenkunft guter Bekannter sein werde. Daraufhin hatte sie zwar ein elegantes, aber bis an den Hals geschlossene Wollkleid, Lederschuhe, kurze Handschuhe, angezogen. Der Mann erschien in einem kurzen Rocke, mit schwarzer Krawatte. Indessen fanden sie statt einer Soiree einen förmlichen Ball, mit alleil zu einem solchen Feste gehörigen Akzessorien. Der Saal war hell beleuchtet, ain Piano saß ein bestellter Künstler, eine Menge Frauen mit Schleppkleidern, die Diener befrackt, Gefrornes usw. Daß Frau Adam nicht sogleich in Ohnmacht fiel, als sie den Saal betreten hatte, das kann man nur ihrer Jugend und blühenden Gesundheit zuschreiben, daß sie aber auf's äußerste beschämt sich fühlte, zeigte die ungewöhnlich starke Röte auf ihrem Gesichte. Sie wollte nicht tanzen, sie konnte mit der Nachbarin kein Gespräch führen, sie war wie geistesabwesend . . ., deshalb winkte sie bei der ersten Gelegenheit ihrem Manne zu und sie entfernten sich aus dein Saale, ohne sich von der Hausfrau zu empfehlen. Erst draußen klagte sie dem Manne ihr Leid. Herr Adam war, als guter und liebender Ehemann, in gleicher Adeise über den Vorgang der Hausfrau entrüstet, um so mehr, als auch er seinerseits Grund hatte, sich beleidigt zu fühlen. Seinen größten Feind, einen gewissen jüdischen Bankier, hat man auch zu diesem Abende eingeladen. Wie konnten mm die beiden Rückkehrenden mit so viel Leid, Enttäuschung und Gram in der Brust, das Schneegestöber beachten, das ihnen die Aussicht verwehte. Im Gegenteil, der Sturm fachte ihre Aufregung noch mehr an, wie Oel, das in's Meer gegossen wird. Sie gingen also, klagend und verwünschend, und insbesondere die Frau konnte der Freundin die List nicht verzeihen. Ich weiß, dachte Frau Adam, was sie bezweckte. Sie sah mein neues Samtkleid und wollte nicht, daß ich mich darin zeige. Ach dieser Neid und diese Falschheit! Wahrscheinlich geht's schief mit dem Herrn Theodor — lächelte bitter Herr Adam — wenn er sich schon dem Juden an die Rockschöße hängt. Wie hat er um ihn herumgetänzelt, wie hat sie ihm geschmeichelt . . . Pfui, das ist gemein . . . Ich konnte es nicht anschauen, aus mein Ehrenwort. Und wie war der Jude aufgeblasen, ich las in seinen Augen den Triumph, als er auf mich schaute'. . ., einen wahrhaft jüdischen, arroganten Blick. Ich hasse dies Volk! ... Und gerade, als er sich diese letzten Worte im Gedanken wiederholte, die Hand seiner Frau im Arme haltend, lenkten sie in die Sirtusgasse ein, wo sich unter der Laterne die Jüdin mit ihrem Stande befand. - Als sie das Paar herankommen sah, begann sie lauter als je ihre Maroni anzupreisen. Diesmal kam sie damit nicht gut an; Herr Adam schleuderte ihr einen so bösen Blick zu, daß, wenn Blicke töten könnten, sie vom Platze nie mehr aufgestanden wäre. „Abscheuliche Blutegel!" zischte er und zog dringend seine Frau fort ... „Was liegt denn hier?" rief plötzlich die Frau, vor einem in Fetzen gehüllten Kinde stehen bleibend, das° in demselben Augenblicke sich zu rühren und zu weinen begann. „Das ist mein Mädchen . . ." „Wie. kann man denn in solcher Kälte das Kind auf das Pflaster legen . . ., es wird ja erfrieren ..." „Ich habe es gut zugedeckt", sagt schüchtern die Jüdin. ,',Jch habe heute noch so wenig verdient, daß es noch nicht Zeit ist, nach Hause zurückzukehren, und das Kind will schlafen . . ." „So gehen doch wir schon!" wiederholt pressiert Herr Adam. „Was läßt Du Dich denn da in ein Gespräch ein?" „Aber ich bitte Dich, warte! . . . Wozu schleppen Sie aber so ein Kind mit sich?" „Ich habe niemanden, bei wem ich es zurücklassen könnte: Wir wohnen zusammen drei Familien. Diese haben ältere Kinder, und da wird meines gestoßen," erwiderte die Jüdin mit Tränen in den Augen. „Aber gehen wir doch! Mag sie tun, was sie will. Es sind ihrer ohnehin zu viel aus der Welt!" Sie gingen also weiter; aber merkwürdigerweise haben Aufregung und Zorn bei Frau Adam sich gelegt. Das am Pflaster liegende Kind tauchte vor ihren Augen wie ein Vorwurf auf und verwischte alle anderen Empfindungen. So oft sie zu den früheren Gedanken zurückzukehren und in dem Gram und Verdruß durch Vergleichung ihres Wollkleides mit der Balltoilette der Rivalin neuerdings zu wühlen sucht, drängt sich ihr der Haufe beweglicher Laken, in die der unschuldige Wurm der Jüdin gehüllt lag, auf. Enträtsele, da Jemand die wunderliche Frauennatur! Ein Weib, sichtbar eitel und sinnlich, in die wundeste Stelle ihres Ehrgeizes getroffen, vergißt an das zugefügte Unrecht beim Anblick menschlichen Elends! Ach dieses Kind, dieses Kind auf kalten Steinen! Schrecklich, welch' ein Elend unter den Menschen herrscht! . . . Und infolge dieser Gedanken, steigt vor den Augen der Frau ihr eigenes, sechsjähriges Kind aüf, der blonde, engelgleiche Friedrich, den sie in der Obhut einer alten Dienerin zu Hause gelassen hat. Ob er sich nicht etwas angetan? ... Er ist so lebhaft und die Wärterin so unvorsichtig ... Er konnte eine Lampe umstoßen! Gott, dieses Kind unter der Mauer! . . . „Adam", sagte sie zum Manne mit weicher Stimme, „wie glaubst du, schläft jetzt Friedrich?" „Meine Liebe, wie kann ich das wissen . . ." „Denn wenn er nicht schliefe, kauften wir ihm vielleicht Maroni, er ißt sie fo gerne . . ." „Laß es doch ... zu solcher Zeit umkehren und was soll er denn mit den Maroni, überdies noch von einer Jüdin... der ärgste Ausschuß ..." „Was macht es, daß sie von einer Jüdin sind. Uebrigens ich will es Dir gestehen, daß auch ich Appetit zu Maroni babe. Wir speisten nichts zu Nacht, zu Hause ist auch nichts da, wir lassen die Kochinaschine ausstellen . . . Wenn du willst, so kehren wir uni. Aber das sind nur Grillen von Dir . . .' Sie kamen nun zur Jüdin zurück, welche in der Meinung, daß es neue Ankömmlinge seien, ihnen heiße und frische Maroni anbot. „Wie teuer das Pfund?" fragte der Herr, den Pelz aufknöpfend, um das Portemonnai herauszuholen, während die Frau seinen Arm los ließ und sich zum Kinde auf dem Pflaster neigte. „Vierundzwanzig Kreuzer — aber das sind schöne Maroni, echt wälische . . ." „Ho, ho! überall verkauft man sie zu zwanzig . . . Nun, geben Sie ein Pfund, aber zu zweiundzwanzig . . ." „Es sei denn", sagt die Verkäuferin und legt die Kastanien mit den runzeligen Händen auf die Wage. ,,Liebe Frau", sagt die Frau Adam zur Verkäuferin, nachdem sie daü Kind in das Tuch besser eingehüllt hatte, „nehmen Sie das Kind schon nach Hause . . . es ist bereits Zeih. . . Ist das vernünftig, sich der Kastanien wegen aufzureiben! Und Sie -sind so leicht gekleidet, — berühren Sie nur Ihr Gesicht, es ist voni Schnee wie verwundet. „Gnädige Frau, wenn man muß, muß man," entgegnet die Jüdin, Herrn Adam einen Rest zuzählend. Und bei dieser Gelegenheit beginnt sie über ihren H e r s z ko zu erzählen, der im Spital liegt, über das morgige Geschenk, das sie ihm hinübertragen will, darüber, daß ihm der Arzt zwei Finger abschneiden will, und endlich, daß sie fünf Pfund verkaufen müsse, um das sechste zu gewinnen und daß sie erst vier verkauft habe. Herr und Frau Adam nahmen das Paket, hüllten sich fester in die Pelze und verließen die Jüdin. „Weißt du was, Adam," beginnt die Frau, „Schade, daß wir nicht mehr gekauft; die Kastanien find sehr schön, ich selbst könnte davon ein Pfund aufessen." „Nun, nun, ich weiß schon, was Du meinst," sagt sanft der Mann, du willst das fünfte Pfund kaufen, von welchem die Jüdin erzählt hat, damit sie aufräuM und nach Hause gehen könne." „Und wenn dem so wäre . . ." „Meine Liebe, kann man denn diesen Leuten glauben! des Gewinnes halber ist sie bereit, dreimal! in einer Minute zu lügen. Du wirst ihr das fünfte Pfund abnehmen und sie wird doch nicht fortgehen." „Aber ich habe wahrhaft Lust zu Kastanien. Mein Adam, so wahr Du mich liebtft, wir nehmen noch ein Pfund." Wider Erwarten widersetzt sich Herr Adam gar nicht und die Ehegatten kehrten noch einmal zum Stande um, wo sie bald die heisere Stimme vernahmen: „Gebratene, heiße, frische Maroni!" „Wir nehmen ein zweites Pfund," sagt die Frau, „aber Sie gehen nach Hause. Ach, wieder liegt das Kind aufgedeckt." Die Jüdin wog in großer Eile die Maroni ab und als die Käufer von ihr schieden, begann sie wirklich ihre Siebensachen zusammenzupacken und das Feuer im Ofen zu verlöschen. Indessen war das Ehepaar noch nicht weit vorgeschritten, als Herr A d a m plötzlich stehen blieb. „Ich erinnere mich an ihren Mann im Spital . . . das ist zweifellos derselbe Arme, Abgezehrte. Ja, so ist es, er leidet an einem Finger ... die Wunde ist alt, aber ich glaube, es wird schon ohne Amputation geholfen werden können. „Vielleicht würdest Du ihr dies sagen, Ada m," sagte erfreut die Frau, „du sahst, wie verzweifelt sie ist, wie sie diese Operation fürchtet! . . . Kehren wir um, was macht's?" Sie kehren nun zum dritten Male zurück. Die Jüdin steht noch am Faß und bereitet sich schon zum Weggehen, doch wartet sie noch immer, ob sich nicht vielleicht im letzten Augenblick ein Käufer findet. „So halten Sie Wort?" wandte sich die Dame an sie im vorwerfenden Tone.

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