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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-06-06 · 23 (6.6.1913) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
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S-tte 422 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 23 Spitzen der Behörden, Aemter, Lehranstalten, Korporationen und sämtlicher Konfessionen befanden. Sodann ergriff Herr Oberrabbiner Dr. Ignatz Ernst aus der Nachbargemeinde Warasdin das Wort, um als langjähriger Freund des Verewigten dessen harmonische, kraftvolle Persönlichkeit zu charakterisieren. Die warmen, aus tiefer Empfindung kommenden Worte des ehrwürdigen Priesters übten mächtige Wirkung. Hernach wurde der Sarg gehoben und zum Friedhofe überführt, wo ein Ehrengrab bereitet war. Eine ungeheure Menschenmenge folgte dem Sarge. Zum Grabe trugen die sechs Söhne des Verstorbenen den Sarg ihres Vaters. Vorher hatte Oberrabbiner Dr. Markus Wiener aus Güns in. der Leichenhalle einen von tiefer Empfindung erfüllten Nachruf seinem Schwiegervater gewidmet. Am Grabe selbst nahm Herr Dr. Böla Wollak, Advokat, im Namen der einstigen Schüler in rührender Weise Abschied von dem toten geistlichen Führer und Lehrer. Herr Kreisrabbiner Dr. Anton Rudolfer aus Also-Lendva sprach ein formvollendetes und ergreifendes Gebet. Als dann zum Schluffe ein Sohn des ^Verewigten, 'Herr Oberrabbiner Dr. Moritz Schwarz aus Györ an den Sarg trat, um in ungesuchten Herzensklängen namens der Kinder und der ganzen Familie von dem teuren Verblichenen Abschied zu nehmen, da konnten sich selbst starke Männer der Tränen nicht erwehren, und Schluchzen und Wehklagen erfüllte den stillen Ort des Friedens. Der Witwe und der zahlreichen allgemein geschätzten Familie wandte sich die öffentliche Teilnahme in überwältigender Weise zu. Viele Hunderte von Kondolenzen trafen im Trauerhause und beim Gemeindevorstande ein. All diese Trauerkundgebungen bilden die sprechendsten Beweise dafür, daß weil. Oberrabbiner Jakob Schwarz, den die königliche Huld erst im vorigen Jahre mit dem goldenen Verdienstkreuze mit der Krone ausgezeichnet hatte, nicht umsonst gelebt hat. Sein Andenken bleibt gesegnet! Feuilleton. Das Maroni-Weit» (Aus dem Polnischen des A. W i l c z y n s k i.) Es ist neun Uhr abends. Im Sturmwinde wirbeln die Schneeflocken, so daß man keine zwei Schritte vor sich sehen kann. Die' Eewölbeschilder zittern und die Gaslaternen werfen ein schwankendes, unheimliches Licht auf die Mauern der Häuser. Die Straßen sind öde und nur die Gestalt eines dichtverhüllten Weibes trippelt an einer Ecke beim Scheine einer an der Mauer angebrachten Laterne herum. Aus dem grauen, fadenscheinigen Tuche, das über den Kopf gezogen und über den Busen quer gefaltet ist, lugt kaum die Spitze ihrer roten Nase und ein Paar schwarzer, glänzender . Augen hervor, welche sie nach allen Seiten unruhig richtet. Im hin und her flackernden Scheine der Laterne flimmert der Schnee aus ihren Kleidern wie Diamanten .... eine traurige Ironie, dieser Glanz auf dem Grunde tiefsten Elends! Das auf diesem Platze Posto fassende Weib ist eine Jüdin, die gebratene Maroni verkauft. Ihr Gassengewölbe bildet ein leeres Fichtenfaß, welches mit einer zersetzten Decke zugedeckt ist. Eine Schüssel steht aus der Erde, neben ihr ein schwarzer Blechofen, den die Glut der Kohlen durchscheint, nebenan ein Körbchen mit Kohlenvorrat und eine kleine, niedjrige Bank, auf der ein in Lumpen gehülltes Wesen sitzt, eher einem Eskimo als einem Kinde dieses Weibes ähnlich. Vernimmt die Jüdin nur das geringste Geräusch von herannahenden Schritten, erschallt sogleich ihre eintönige und heisere Stimme in der Gasse: „Maroni, gebratene, heiße, frische." Wer wird aber in solchem Wetter vor der improvisierten Bude stehen bleiben, Geld aus der Tasche ziehen und Maroni kaufen? Die Jüdin seufzt, setzt dem Kinde das Tuch auf dem Kopfe zurecht, rückt ihm die Füßchen an den Ofen und kreist wieder auf dem Platze umher, horcht aus und schaut . . . das Wetter, die Gleichgiltigkeit der Passanten schrecken sie nicht ab'. . . sie geht unermüdlich und läßt dabei ihren Gedanken freien Laus, die wie die bleiernen, vom Winde getriebenen Wolken am Himmel, in ihrem Kopfe hinziehen. -Worüber kann denn die Jüdin in solcher Lage denken? Natürlich nur über Handel und Spekulationen, welche das unerschöpfliche Thema, den ewigen Jdeengang ihrer Glaubensbrüder bilden. Von der Kindheit an ist das Leben dieser Leute mit der Spekulation verwachsen, hat sich an ihr großgesäugt, an ihr herangebildet. Geschäft und Verdienst, Verdienst und Geschäft, das ist das Caneoas, auf dem ihre Imagination immer praktische, wenn auch originelle Pläne spinnt. Und so hat auch sie gestern kurz vor Sabbateintritt ein übertragenes Ballkleid einer Dame abgekauft und hat es noch nicht veräußern können. Ihr ganzes Betriebskapital hatte sie bei diesem Kaufe verausgabt und jetzt ist sie voller Sorge, was sie Mit dem Kleide beginnen solle. Ein bekannter Trödler würde es ihr abnehmen, aber der gibt nur fünfzehn Kreuzer Gewinn und sie müßte ihm den Einkaufspreis unter Eid aussagen. Indessen ist sie überzeugt, daß fie bedeutend mehr gewinnen.würde, wenn sie es einem der Ladenmädchen verkaufen könnte, die auf derlei Gelegenheitskäufe warten. In ihrer lebhaften Phantasie sucht sie nun unter ihren Bekannten eine Person, der das Kleid ohne Nachbesserungen passen würde, da es in diesem Falle leichter verkauft und besser gezahlt wird. Malka, eine schlank« Brünette, scheint ihr die Geeignete zu sein. Und Malka soll überdies dieser Tage aus eine Hochzeit fahren und Malka hat eine Barschaft von zwölf Gulden... Malka trägt gerne schöne Kleider ... Da kommt jemand heran, die Jüdin vergißt Malka und das Kleid und ruft wie gewöhnlich: „Maroni, heiße, frische!" Auch d er geht vorbei, ohne Maroni zu kaufen, aber der Gedankengang des Weibes nahm jetzt eine andere Richtung. Bis nun hatte sie nur drei Pfund Maroni verkauft, und fünf mutzte sie verkaufen, damit ihr das sechste als Gewinn bleibe. Der Erlös bildet am nächsten Morgen für sie und die Kinder ein Frühstück und jeden Sonntag ein Geschenk für den Mann, der seit zwei Monaten im Spitale liegt. Der Gedanke an den Mann weckt in ihr traurige Erinnerungen. Wieviel hat nicht ihr lieber H e r s z k o vor einem Jahre um dieselbe Zeit als Kürschner verdient! Oft hat er aus dem großen Geschäfte, wo er angestellt war, zum Sabbat eine Barschaft von.fünfzehn Gulden heimgebracht und da hatten sie einen Sabbat! Um volle zwanzig Kreuzer kaufte sie Fische und anderthalb Pfund Mehl zum Gugelhupf — Mehl, das zehn Kreuzer per Pfund kostete. Sie hatten eine separate Wohnung im Souterrain und niemand stieß ihre Kinder. Und jetzt? Sie wohnt mit drei anderen Familien und Herszko im Spitale. . Noch im August hat er sich in den Finger gestochen, und daraus entstand eine Krankheit, von der Gott weiß, wann er genesen wird. Der Herr Doktor sagt, man müsse ihm zwei Finger abnehmen. Bei diesem Gedanken durchschauert es sie auf^s Neue. Was 'st ein Kürschner ohne zwei Finger wert, zumal Finger an der -echten Hand, mit denen die Nadel gehalten wird. Und wie schön ist dieser ihr Herszko und wie klug. Seine Augen, wie die eines Rehes und feine Locken schwarz und ringeln sich . . . Nein, sie kann es nicht zugeben, daß man ihm die Hand schneide, sie muß zum Ältesten Arzt in Lemberg gehen und ihn bitten, daß er Herszko kuriere! Und sollte er noch ein halbes Jahr in Behandlung verbleiben müssen, so wird sie doppelt spekulieren, um die Kosten für den Doktor und das Spital zu bestreiten. Ein Geschäft wird sie ersinnen, das bis nun keinem Juden noch eingefallen ist, und dieses wird ihr viel, sehr viel Geld bringen, daß man nur nicht dem Herszko die Finger abschneide. .Glücklicherweise läßt sich jetzt ein immer näher und näher tönender Chorgesang vernehmen. Beim Gedanken, daß sie vielleicht nun etwas verkaufen könnte, vergißt sie alle Not und beginnt ihre stereotypen Rufe: „Maroni, heiße, gebratene, frische!" Der singende Trupp kommt immer näher heran. Es sind dies einige heiter gestimmte junge Leute, die aus Freundschaft oder zur größeren Sicherheit die Hände in eine Kette geschlungen, über die Gasse ziehen. Die Zurufe der Jüdin machen sie aufmerksam und die Kette bleibt vor ihrem „Gewölbe" stehen. Es entsteht nun ein Eezänke über den . Preis der Kastanien, verbunden mit Witzen, wie sie dem geistigen Zustande der Fragenden entsprechen und plötzlich wurde ein Antrag auf Zerstörung der Bude gestellt. Als das erschreckte Weib einige zum Angriffe auf ihr Faß erhobene Füße erblickte, beginnt sie zu schreien, indem sie mit dem eigenen Leibe das improvisierte Gewölbe deckle, und in ihr Geschrei stimmt das wachgewordene, beim Ofen sitzende Kind mit ein. Der Gefährdeten kommt der schrille Ton einer Pfeife des Polizisten von der anderen Gassenecke zu Hilfe. Die mutigen Jünglinge verschwinden in der Finsterniß und die Gefahr ist beseitigt, aber das Kind läßt sich nicht beruhigen.!. Sie möchte noch nicht nach Hause gehen — sie nimmt also das Kind in die Arme, drückt es an sich und beruhigt es; endlich ist es wieder eingeschlafen, aber was sollte sie mit ihm jetzt ansangen? Sie schaut unruhig um sich her und erspäht unter der Mauer einen von Schnee freien Raum, wo sie das Kind auf einem aus Plakaten hergestellten Bette niederlegt. Unter das Haupt legt sie dem Kinde ihre Schürze und deckt es mit dem Tuche zu, das bis nun ihren Kopf und ihre Brustumhüllte. Das Kind, fühlt die Kälte des Bettes nicht und schläft weiter und die Jüdin beginnt mit noch größerem Eifer ihr Faß zu umkreisen, unaufhörlich ihre gebratenen heißen Maronien anpreisend. Zur selben Zeit eilt über ein schmales Gäßchen, dem Hetmannswall zu, Arm in Arm ein Ehepaar. Der Herr trägt einen reichen Bärenpelz und eine Schafspelzmütze mit einem goldenen Stern; auch die Frau ist gut gekleidet, ein Tuch umhüllt ihr Gesicht/ Er geht rascher voraus und sie folgt ihm unwillkürlich nach. „Um Gotteswillen, Adam, warum schleppst Du mich so?" fragt mit gedämpfter Stimme die Frau. „Du gehst so langsam und der Wind peitscht nun die Schneeflocken wie Nadeln." „Aber ich kann ja nicht folgen, ich bin schon fast ohne Ateni." „Ach diese Weiber!" brummte der Mann und mäßigte seine Schritte. Er ließ seinen Zorn am Schirme aus, den ihm der Wind

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