Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 412 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 23 III. Die vorstehenden Ausführungen zeigen, wie die Thora in Allem und Jedem von dem Geiste der Opposition gegen Aegypten bestimmt ist. Von diesem Standpunkte beleuchtet sie auch Wesen und Wert der körperlichen Arbeit. Diese war im ganzen Altertum des freien Mannes unwürdig, zu ihrer Verrichtung bediente man sich des Sklaven. Erst die Thora hat den Segensquell, der in der Arbeit ruht, erschlossen. Sie gebraucht für Aegypten schon in dem ersten Satz der Dekaloge die brandmarkende Bezeichnung „Haus der Knechte". Die Brandmarkung liegt nicht in dem Gebrauchs des Wortes „Knecht", dem auch eine edle Bedeutung innewohnen kann, sondern in dem typischen Gesamtausdruck „Haus der Knechte", dessen Sinn erst klar wird,. wenn man die Bezeichnung „Haus Israel" dagegen halt. Damit wird das ganze Staatswesen, das System Aegyptens als kontradiktorischer Gegensatz dem Haus Israel gegenübergestellt, was für unseren Zweck die Feststellung zur Folge hat: dort Sklaverei und sklavische Arbeit, hier Freiheit und freie Arbäit. Da alle Einwendungen und Anklagen, welche die Thora gegen Aegypten erhebt, in dem Brennpunkt der von seinen Pharaonen ausgeübten Sklaverei sich vereinigen, so ergibt sich schon aus dieser Tatsache, daß in dem erlösten Israel kein Zug so mächtig und prägnant sich ausbilden konnte, wie die Hochschätzung der Freiheit und der freien Arbeit. Aber die Thora läßt es nicht bei her Selbsterziehung des Volkes bewenden, es ist vielmehr eines der feinsten und tiefgründigsten pädagogischen Systeme, das sie zu dem Zwecke verfolgt, jener Selbsterziehung zur höchsten Würdigung der Freiheit und der freien Arbeit zu Hilfe zu kommen. Die folgende Untersuchung wird Gelegenheit bieten, dieses System kennen zu lernen. IV. Zwei Wege sind es. die die Thora benutzt, um die sklavische Arbeit dem Volke verächtlich zu machen und auf dem Grunde dieser Folie die freie Arbeit in seinen Augen zu heben. Der Nächstliegende, durch die unmittelbare Erfcchrung gegebene war die ununterbrochene, bei jeder Gelegenheit erneuerte Vorhaltung der Schmach und Schande des ägyptischen Frondienstes, wovon die Erlösung wie das Morgenrot von dem Dunkel der Nacht sich abhebt. Es dürfte sich in der Weltgeschichte nicht zum zweiten Male finden, datz eine Periode politischer und moralischer Erniedrigung, die ein Volk durchmachen mutzte, in solchem Grade seinen ferneren Entwicklungsgang bestimmte, wie dies bei dem Volke Israel durch seinen Aufenthalt in Aegypten geschehen ist. „Denke daran, datz du ein Knecht im Lande Aegypten gewesen bist (V. B. Mos. 5, 15.15, 15.16, 12.24, 18.22) — diese so oft erteilte und variierte Mahnung bildet die Signatur der jüdischen Religion, Sittlichkeit und Lebensauffassung. Die moralische Wirkung aber, die durch diese dem Volke in Fleisch und Blut übergegangene Erinnerung in jedem Volksgenossen zunächst hervorgebracht werden mutzte, war der Drang nach Selbständigkeit und selbständiger, freier Arbeit. Dem Sklaven, der, wenn er die Freiheit erlangen konnte, sie zurückwies und weiter Sklave bleiben wollte, lvurde das Ohr durchbohrt (II. B. Mos. 21,6), weil das Ohr einst am Sinai das Wort Gottes vernommen hätte: „Denn mir sind die .Kinder Israel Knechte, aber sie sollen nicht Knechte von Knechten sein" (Kiddusch. 22 b), und jener dennoch die Kirechtschaft der Freiheit vorzog. Kann man sich eine radikalere Methode denken, die Menschen zur Selbständigkeit und zu selbständiger freier Arbeit zu erziehen. als in der erwähnten Vorschrift enthalten ist? Es darf aber auch nicht übersehen werden, wie die Thora die Arbeit durch das Beispiel Iakob's zu Ehren bringt. Ein Erzvater, den wir nur als einen Mann der Arbeit kennen lernen, der von sich sagen kann: „Am Tage verzehrte mich die Hitz.e, und die Kälte bei Nacht, so datz der Schlaf von meinen Augen wich" (I. B. Mos. 31,40) und her dies alles tat und litt, um für sein Haus zu sorgen und sich selbständig zu machen (das. 30,30) — ein solcher Erzvater mutzte seinen Nachkommen wohl als ein nachahmungswürdiges Vorbild erscheinen und die freie Arbeit im Gegensatz zu der sklavischen, unter der sie jahrhundertelang in Aegypten geschmachtet hätten, bei ihnen zu Ehren bringen. Diese wenigen Striche mögen genügen, um den einen der pädagogischen Wege zu zeigen, welche die Thora verfolgt, um das Volk zur Freiheit und zu freier Arbeit zu erziehen. V. Der andere Weg, der zu demselben Ziele führt, dieses aber in einem noch glänzenderen Lichte erstrahlen lätzt, ist die Erempfifikation der freien Arbeit durch Gott selbst. Die Schöpfertätigtzeit Gottes ist das unübertroffene und unübertreffliche Ur- und Vorbild der freien Arbeit, wie Aegypten das des Gegenteils. Die erstere ist .deshalb der logisch notwendige Ausgangspunkt der Th'ora, was auch die literarische Kritik dazu sagen mag. Nicht aber die Zeichnung des Weltbildes ist ersichtlich die Hauptsache der Schöpfungsgeschichte, sondern die schöpferische Tätigkeit Gottes, die schlechtweg und wiederholt Arbeit, freie Arbeit — im Unterschiede von n-rcp , ursprünglich. Dienst, knechtische Arbeit — genannt wird (I. V. Mos?. 2,2 u. 3). Ihr entsprichfolgerichtig die Aufgabe des Menschen im Paradiese. Es wird ihm erst ein solches durch eigene Arbeit, denn nicht ein Schlaraffenleben sollte der Mensch im Garten Eden führen, wie sich die Griechen das Leben im goldenen Zeitalter ausmalten, sondern er sollte „ihn bearbeiten", — niIv'? ist der typische Ausdruck für den Ackerbau — „und warten" (L 23. Nof. 2,15)," woraus folgt, datz die nachherige Bestrafung Adams nicht in der Arbeit an sich liegen konnte, die ihm auch, im Paradiese oblag, sondern in ihrer geringeren Ergiebigkeit und der damit zusammenhängenden grötzeren Schwierigkeit. Deshalb vollzieht sich die verhängte Straft beit dem Manne nicht unmittelbar, wie bei der Schlange und dem Weibe, an ihm selbst, sondern es wird ihm gesagt: „Verflucht sei der Erdboden deinetwegen" (das. 3,17). Mit diesem Verdikt, das die gröbere Plage, die Dornen und Disteln und den Schweitz zur Folge hat, wird aber weder Adam, noch die Arbeit verflucht. Eher darf man behaupten, datz die Thora mit dem Schweitz den Gedanken Hesiods (Werke und Tage V, 289) vyrweggenommen hat: „Vor die Tüchtigkeit haben die Götter den Schweitz gesetzt." Ein Gedanke, der seine Erläuterung findet in den Worten des Predigers (5, 11): „Sütz ist der Schlaf des Arbeiters, er esse wenig oder viel, den Reichen aber lätzt sein Ueberflutz nicht schlafen." Denn es ist die Müdigkeit nach der Arbeit im Schweitz des Angesichts, die den Schlaf versützt. So verwandelt der Fluch des Erdbodens sich tatsächlich in Segen für den, der ihn bearbeitet. (Schluß folgt.) Dom Zabrmsrkt des Lebens. Ueber Aernteekurrrirlierriiig. Ein Wort unserer Weisen, wie es nicht wahrer und passender gefunden werden kann, diene als Einleitung für die dem Schreiber aus dem Herzen kommende Klage: ri-sn *6 nma ncsn Ich habe keine Zeit — ich bin überbürdet — eine Phrase unserer Zeit. Wir hören sie tag-